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"Als würde sich der Kreis schließen"

Mittwoch, 17.06.2015 | 17:10 Uhr
So sehen Sieger aus: Stephen Curry (u. M.) und seine Teamkollegen
© getty
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NBA
Thunder @ Jazz (Spiel 4)

Mut, Demut, Opferbereitschaft. Zum ersten NBA-Titel der Golden State Warriors seit 40 Jahren haben alle ihren Beitrag geleistet - vom Front Office über Coach Steve Kerr bis hin zum Überraschungs-MVP Andre Iguodala. Was kann die Konkurrrenz vom neuen Titelträger lernen - und warum ist Mike D'Antonis Ehre wiederhergestellt?

"Ich habe diese Trophäe schon so oft im Fernsehen gesehen. Man stellt sich vor, wie es wohl sein würde, sich selbst mit Champagner zu überschütten. Und jetzt wo dieser Moment da ist, ich die Trophäe halte und den Champagner im Gesicht spüre, da wird mir alles erst so richtig klar."

"Das hier ist Wirklichkeit. Und der beste Champagner, den ich in meinem ganzen Leben je probiert habe."

Siebeneinhalb Monate. 103 Spiele. 83 Siege. Vier Playoff-Serien. LeBron. Am Ende einer unglaublichen Reise blieb bei Stephen Curry, wie auch bei seinen Teamkollegen, bei der gesamten Franchise und den Fans, nur noch die pure Freude - ja, Glückseligkeit.

ANALYSE + VIDEO "Wenn ich groß bin, will ich wie Steph sein"

Nach 40 Jahren hatten die Dubs endlich wieder den NBA-Gipfel erklommen und ihre Flagge für die ganze Welt sichtbar auf das Gipfelkreuz gepflanzt. Ein Start-Ziel-Sieg für den Favoriten, gleichzeitig jedoch eine unerbittliche Reise, die nur eines von 30 Teams übersteht.

Style over Substance? Beides!

Dieses Team waren in der Saison 2014/2015 die Golden State Warriors. Angeführt von einem Rookie-Coach in Steve Kerr, von einem Spieler Stephen Curry, den die Liga so noch nicht gesehen hat. Von einem Kader, der mit der besten Offense einfach Spaß machte, dabei aber auch die Drecksarbeit nicht vernachlässigte (beste Defense). Style over Substance? Warum nicht beides! Und so wurden die Schweißtropfen am späten Dienstagabend abgelöst von Schampus auf der Haut, der Dampf der Eisbäder verdrängt durch Zigarrenrauch.

"Champions!" brüllte Klay Thompson auf dem Weg in die Kabine. Während dieser Champion noch feiert, wird anderorts bereits mit Hochdruck daran gearbeitet, ihn zu entthronen. Und gleichzeitig in Bars wie Büros darüber diskutiert, wie dieser Champion historisch einzuordnen ist - und was man von ihm lernen kann. Sind die Warriors der Höhepunkt der Entwicklungen der letzten Jahre? Der erste Schritt in eine neue Ära? Oder eine Ausnahme?

Lernen von den Warriors

Schließlich stehen die Räder der NBA niemals still. Offenses verändern sich, Defenses ziehen nach, manchmal auch in umgedrehter Reihenfolge. Lineups werden neu aufgestellt, Strategien verändert, Kader durchgewürfelt. Immer auf der Suche nach dem nächsten Erfolgsrezept. Und natürlich wird auch kopiert, was das Zeug hält. Bloß nicht draußen stehen, während der Zug ohne mich abfährt.

Was kann man also, nicht einmal 24 Stunden nach dem letzten Wurf, dem letzten Rebound, der letzten Sirene aus dem Titelgewinn der Warriors lernen? Natürlich, bewerten ohne überzubewerten ist zu diesem Zeitpunkt kaum möglich. Jede Konstellation ist einzigartig und deshalb nicht ohne weiteres reproduzierbar. Jetzt ist "alles Gold, was glänzt" - aber treffen LeBron und Co. mehr Würfe, dann war alles Quatsch?

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Wer aber diese Saison des Teams aus der Bay Area als Ganzes nimmt - und zwar unabhängig vom Ausgang der letzten zwei Finals-Partien - der stellt fest, dass in der Franchise eine ganze Menge richtig gemacht wurde. Vielleicht so viel, dass der Titel gar als eine logische Schlussfolgerung der getanen Arbeit angesehen werden kann. Front Office, Coaches, Spieler - sie alle hatten ihren Anteil.

Kerr-Verpflichtung der erste Schritt

Es hätte nicht soweit kommen müssen. In vielen anderen Teams wäre es wohl auch nicht soweit gekommen. Denn wenn man sich die Situation der Dubs vor einem Jahr anschaut, stellt man fest: War doch gar nicht übel! Mit Mark Jackson als Coach hatte man 51 Siege eingefahren und in den Playoffs in der ersten Runde nur hauchdünn in Spiel 7 gegen die Clippers den Kürzeren gezogen - also den Spurs 2015 nicht unähnlich. Ein junger, talentierter Kader noch dazu, da hätten viele GMs ihren Kurs beibehalten.

Deshalb ist es Warriors-GM Bob Myers hoch anzurechnen, das ruhige Fahrwasser nicht einfach nur genossen zu haben. Sich vom bei den Spielern durchaus beliebten Jackson zu trennen, war riskant, auch für ihn selbst. Aber eben auch der richtige Schritt, denn Jackson hatte gerade offensiv nicht das Maximum aus dem Kader herausgeholt.

Kommentar Wieso immer nach dem Makel suchen?

Diesen dann mit Steve Kerr durch einen Rookie-Coach zu ersetzen, war ebenfalls ein ungewöhnlicher Schachzug, schlägt das Pendel in solchen Situationen doch meist in die Gegenrichtung aus: Für den ebenfalls nicht mit viel Coaching-Erfahrung gesegneten Jackson hätte ja auch ein "Mann der alten Schule" kommen können.

Doch Myers hatte einen Plan. Kerr hatte zwar noch nie Plays in einem Timeout aufgezeichnet, brachte aber fünf Meisterschaften als Spieler mit und hatte mit den "Seven Seconds or less"-Suns den natürlichen Vorläufer dieses Warrior-Teams als GM betreut. Würde er das Team auf ein neues Level bringen können? Das war nicht gewiss, aber er brachte alle Voraussetzungen mit.

D'Antonis Ehre wiederhergestellt

Der 49-jährige Rookie-Coach machte dann seinerseits das Beste aus diesen Voraussetzungen - er ruhte sich nicht auf ihnen aus. Stattdessen sammelte er ein hochkarätiges Team um sich herum, etablierte eine offene Diskussionskultur und war nicht zu stolz dafür, Ratschläge anzunehmen. Gleichzeitig sparte er nicht mit Lob - wie sonst hätte der Name Nick U'Ren plötzlich seinen Weg in die Schlagzeilen finden sollen?

Kerr traf bei den Warriors auf ein bestelltes Feld - und versäumte es nicht, sich bei seinem Vorgänger Jackson immer wieder öffentlich zu bedanken. Aber gleichzeitig beschleunigte er die Entwicklung des Kaders, fand das perfekte Zusammenspiel aus Suns-Offense und Warriors-Defense. "Sagt Mike D'Antoni, dass seine Ehre wieder hergestellt ist! Wir haben allen in den Hintern getreten, und zwar mit dem Stil, über den bei ihm immer gemeckert worden war", jubelte Assistant Coach Alvin Gentry, der selbst mit D'Antoni gecoacht hatte und in der neuen Saison die New Orleans Pelicans betreuen wird.

Dabei blieb das Team jedoch flexibel - und Kerr bewies den Mut, seine Taktik selbst in Extremsituationen anzupassen, was er gegen die Grizzlies und Cavs dann auch bewies. Zu oft behalten Coaches stur ihre Strategie bei, nach dem Motto: "Wir spielen das, was uns hierhergebracht hat, basta!" Kerrs Maxime dagegen lautet: "Wir spielen das, was uns weiterbringt."

"Alle haben Opfer gebracht"

Die große Kunst dabei war es, den Spielern diese Opferbereitschaft, ungewohnte Rollen anzunehmen, auch zu vermitteln. Mit einer Prise Humor und Selbstironie, aber auch dem nötigen Fachwissen ausgestattet, gewann er den Locker Room. Wer könnte das Spiel von Curry perfektionieren, wenn nicht einer der besten Distanzschützen der 90er Jahre? Und wer könnte den Spielern besser die "Deine Zeit wird kommen"-Mentalität vermitteln als der Mann, der den wichtigen Wurf erst dann nehmen konnte, wenn der Ball von Michael Jordan zu ihm kam?

Trotz der guten Arbeit des Front Office, das Kerr einen hochtalentierten und variablen Kader zusammengestellt hatte, und der geschickten Arbeit des Coaches, gilt aber auch im Basketball: Wichtig is auf'm Platz. Deshalb weiß auch Kerr, bei wem er sich bedanken muss. Von MVP Stephen Curry ("Es geht nur um den Sieg. Statistiken sind egal.") über Draymond Green ("Alle haben Opfer gebracht, das ganze Jahr über. Wir haben füreinander Opfer gebracht.") bis hin zu Bankspieler David Lee oder Center Andrew Bogut, der in den Finals seinen Startplatz räumen musste: Das ganze Team nahm die zugewiesenen Rollen ohne zu murren an - eine größere Signalwirkung für konkurrierende Franchises, aber auch für Nachwuchssspieler, kann es eigentlich nicht geben.

Mit Iggy schließt sich der Kreis

Da passt es perfekt, dass mit Andre Iguodala der Spieler, der das vielleicht größte Opfer gebracht hatte, letzten Endes auch mit einer ganz besonderen Ehrung bedacht wurde. 758 Spiele hatte er in seiner Karriere bestritten, bevor er zu den Warriors kam, alle als Starter. Doch dann saß er über die kompletten 82 Spiele beim Tip-Off nur auf der Bank.

Iguodala wird historischer Finals MVP

"Der Finals-MVP hätte an Steph gehen können, oder auch an LeBron", sagte Kerr nach Spiel 6 auf der Pressekonferenz. "Andre kam in seiner Karriere noch nie von der Bank, aber er hat seine Rolle geopfert um Harrison [Barnes] besser zu machen, um unsere Bank besser zu machen. Dass Andre diesen Award bekommt - es fühlt sich an, als würde sich ein Kreis schließen."

"Man will sich und anderen etwas beweisen, deshalb spielt man für sich selbst. Das liegt in der menschlichen Natur", so Iggy selbst. "Aber wenn sich alle zusammentun und sagen: 'Wir schaffen das als Team', dann ist das eine unglaubliche Formel für unseren Erfolg heute. Für die Championship."

Die Konkurrenz schläft nicht

Diese Championship will in der nächsten Saison dann verteidigt werden. Ist der Erfolg vorprogrammiert, wo man doch die richtigen Formeln gefunden hat? Nein, die Konkurrenz wird ein gewichtiges Wörtchen mitreden, und wie schon in dieser Saison werden auch Glück und Gesundheit eine große Rolle spielen. Und schon vor Beginn der Playoffs wusste Draymond Green: "Dieses Team wird in dieser Form wohl nie mehr zusammenspielen. So läuft das Geschäft nunmal."

Aber der Boden für weiteren Erfolg ist bereitet. Durch Mut, Entschlossenheit, Demut, Kreativität, und Opferbereitschaft. Welcher Teameigner, welcher GM, welcher Trainer auch immer da draußen auf der Suche nach dem richtigen Rezept für seine Franchise ist - mit diesen Qualitäten des NBA-Champions 2014/2015 macht man ganz sicher nichts falsch.

Die Finals im Überblick

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