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Lieber widerlich als wieder nich

Jubel und Erleichterung: LeBron James (M.) führte die Cavaliers zum wichtigen Auswärtssieg
© getty

Ästhetisch schönen Basketball haben die Cleveland Cavaliers mittlerweile eingemottet. Gegen die favorisierten Golden State Warriors greifen LeBron James und Co. mittlerweile zur Steinzeit-Variante - mit Erfolg, wie Spiel 2 beweist. Kann dieses Rezept den ersehnten Titel herbeiführen? Auf der Gegenseite suchen Steve Kerr und sein MVP Stephen Curry nach Antworten.

Es gibt einen eher geschmacklosen T-Shirt-Spruch, der da lautet: "Lieber widerlich als wieder nich." Ein Satz, prädestiniert für prollige Kneipentouren und Ballermann-Tourismus - geht es doch darum, am Ende Tages irgendjemanden abzuschleppen und ins eigene Hotelzimmer zu lotsen. Selbst wenn es sich um alles andere als die eigentlich erste Wahl handelt.

Nun ist LeBron James der vielleicht populärste Basketballer des Planeten und zudem glücklich verheirateter Familienvater. Der Spruch würde in dieser Hinsicht also schon einmal an allen Ecken und Enden hinken. Doch wer LeBron nach dem hart umkämpften 95:93-Overtime-Sieg in der Oracle Arena zuhörte, der konnte doch Parallelen entdecken. Alleine über Einsatzwillen und knallhartes Spiel würden die Cavs zum Erfolg kommen können. "Schön ist das ganz und gar nicht. Wenn ihr von uns schönen, sexy Basketball sehen wollt: Das sind wir derzeit nicht."

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Und dann schickte der vierfache MVP noch eine Botschaft hinterher. An das eigene Team, an die Fans, an die Medien, und nicht zuletzt an den Gegner: "So muss das für den Rest dieser Serie auch sein, wie viele Spiele es auch sein mögen." Die Message ist klar: Lieber dreckig und unansehnlich punkten und siegen als in Schönheit sterben und dann allein nach Hause gehen.

Catenaccio statt Joga Bonito

Denn schön spielen, das geht nicht mit diesem Roster. Ohne Kevin Love, ohne Kyrie Irving. Also wurde das fließende Ball Movement mit komplizierten Sets und wunderbar anzuschauenden Spielzügen eingestampft. Stattdessen heißt die LeBrons Taktik: "Gib mich die Kirsche!"

In Schönheit sterben, das hatte die Nummer 23 vor einem Jahr schon hautnah erlebt. Da wollten die Miami Heat auf dem Level der San Antonio Spurs mitspielen - und wurden förmlich zerstampft. Vielleicht auch deshalb, weil man sich als stärker einschätzte, als man letztendlich war. Diesmal sind die Rollen klar, und deshalb weiß man bei den Cavs: Nicht nur das eigene Spiel muss auf längt vergessene Konzepte aus den 80ern und 90ern heruntergebrochen werden, sondern auch das des Gegners.

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Also wurde im ästhetisch so lieblichen Spiel der Dubs gewütet. Durch extrem langsames Ballvortragen, Post-Ups, Offensiv-Rebounds. Und LeBron, LeBron, LeBron. Auf dem Catwalk ist Golden State nicht beizukommen - aber beim Schlammcatchen? Catenaccio statt Joga Bonito. Fritten statt Foie Gras.

"Die fröhlichen Teams verlieren"

Schön ist das nicht. Angesichts der auf Attraktivität und Offensive ausgelegten NBA ein Rückfall in dunkle Zeiten. Ja nicht einmal sonderlich effektiv, wie die Quote von nur 32 Prozent aus dem Feld beweist, immerhin begleitet von enormen 40 Ausflügen an die Freiwurflinie. "Wir wollen nicht fröhlich spielen", erklärte Kendrick Perkins. "Die fröhlichen Teams verlieren."

Aber es funktionierte. Von den spielfreudigen Warriors der Regular Season war nichts zu sehen. Zu wenig Ball Movement (statt wie üblich mehr als 300 Pässen gerade mal etwas mehr als 200), zu wenig Tempo. Zu wenig Rhythmus. "Sie haben uns unseren Rhythmus genommen", konstatierte Coach Steve Kerr, und MVP Stephen Curry blies ins gleiche Horn: "Sie haben etwas gemacht, was uns vielleicht aus dem Rhythmus gebracht hat. Wir müssen jetzt herausfinden, was das genau ist."

Kann Cleveland mit diesem so unterbesetzten Roster - mit J.R. Smith, James Jones und einer Prise Mike Miller ist die Bank eigentlich ein Trauerspiel - und der Rückkehr zum Steinzeit-Basketball wirklich den ersehnten Titel gewinnen? Sind wirklich noch drei weitere Siege möglich?

LeBron: Das Werk eines Champions

Es ist zumindest nicht mehr unmöglich. Wenn "King James" weiter königliche Leistungen abliefern kann. Über 50 Minuten stand der Fixpunkt der Cavs-Offensive am Sonntag auf dem Court, ackerte im Post, übernahm den Part des Gestalters und Scorers. Sollte er mit 30 nicht eigentlich schon ein kleines bisschen über den körperlichen Zenit hinaus sein? Es hat nicht den Anschein. Zwar ist die Quote aus dem Feld alles andere als beeindruckend, das Volumen seines Schaffens allerdings umso mehr. 39, 16 und 11 - das gab es in den Playoffs zuletzt vor 30 Jahren. 21 der letzten 33 Punkte machte er selbst oder legte sie vor.

"Mir fallen nur ein oder zwei Namen in der ganzen Geschichte des Basketballs ein, die diese All-Around-Performance bieten, die so als Anführer auftreten wie LeBron in diesem Team", lobte Coach David Blatt. "Er hat die Jungs mit purem Willen zum Sieg geführt. Das ist das Werk eines Champions."

Dellavedova wie einst Gary Payton

Es ist möglich, wenn der bisherige Backup Matthew Dellavedova weiterhin den Gary Payton in sich entdeckt. Der furchtlose Australier bot eine Meisterleistung. Eine, die sich nicht beim einfachen Blick auf den Boxscore offenbart. Doch ohne die 9 Punkte im letzten Viertel und in der Overtime, ohne den entscheidenden Offensiv-Rebound und die zwei anschließenden Freiwürfe - Cleveland wäre wohl ohne Sieg abgereist.

"Er ist jemand, der sein ganzes Leben lang immer wieder abgeschrieben wurde", betonte James auf der Pressekonferenz. "Zu klein, nicht schnell genug, nicht treffsicher genug, technisch nicht gut genug. Aber er hat sich trotzdem immer wieder durchgesetzt." Im Team genießt der Aussie mittlerweile einen exzellenten Ruf. Ob man sich vor den Freiwürfen Sorgen gemacht habe? "Er ist wie Butter. Ich wusste, er macht sie rein", so Perk.

Zur reinsten Reinkarnation des "Glove" machte Dellavedova schließlich seine fantastische Defense gegen Steph Curry, den er am Ende sogar zu einem höchst seltenen Airball zwang. Acht Würfe nahm Steph gegen den ungedrafteten Guard - und traf keinen einzigen. Dazu kamen noch vier Turnover. Noch einmal James: "Er war defensiv einfach spektakulär."

Einfach nur ein schlechter Abend

Und es ist möglich, wenn Kerr die Krise seiner jungen Truppe nicht in den Griff bekommt. Die spektakulär schlechte Trefferquote von außen darf er dabei mit Fug und Recht als Ausnahme ansehen, und zwar nicht nur von Curry, der mit 13 vergebenen Dreiern einen neuen Finals-Rekord aufstellte. Bis auf Klay Thompson, der einen starken Abend erwischte, trafen die Männer in weiß-blau kein Scheunentor. Von 25 offenen Würfen fielen gerade einmal fünf, zum ersten Mal seit Ende März punktete das Team vom Perimeter weniger als der Gegner.

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Überreagieren wäre da also die falsche Entscheidung. "Ich habe es bei allen gesehen. Michael Jordan, Tim Duncan... Niemand ist immun gegen einen schlechten Abend", nahm es der Rookie-Coach also betont locker. Immerhin war nicht alles schlecht, wie die Quote der Cavs beweist.

Kerr sucht Antworten

Aber es liegt an Kerr und seinem Coaching Staff, um die richtige Antwort auf die gestellten Fragen zu finden. Wie kann man das Tandem Mozgov-Thompson von den Brettern abhalten (55:45 Rebounds pro Cleveland)? Wie schränkt man LeBrons Kreise wirkungsvoller ein? Und wie bringt man wieder Tempo und Verve in das Offensivspiel des Teams, das in dieser Spielzeit schon 80 Partien gewinnen konnte?

"Wir müssen von uns aus die Pace und den Rhythmus kreieren", forderte Kerr. Er muss seinem Team bis Dienstagabend den Schlüssel dazu an die Hand geben. Was die Fans positiv stimmen sollte: Nach Spiel 3 in den Conference Semifinals gegen die Memphis Grizzlies lagen die Dubs schon einmal zurück. Nur 89 Punkte hatte man markiert, Curry mit 8/21 FG ebenfalls Probleme offenbart.

Damals fand Kerr die Lösung gegen ein Team, von dem sich die Cavaliers mittlerweile gar nicht mehr so sehr unterscheiden. Drei Siege folgten.

Aber einen gewichtigen Unterschied gibt es dann eben doch: Memphis hatte keinen LeBron.

Der Spielplan im Überblick

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