Die Pistons nach der Smith-Entlassung

Endlich eine Einheit

Von Jan-Hendrik Böhmer/Max Marbeiter
Mittwoch, 21.01.2015 | 16:46 Uhr
Bei den Pistons wird mittlerweile gemeinsam gelitten - und gefeiert
© getty
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Nach einem desaströsen Start reihen die Detroit Pistons seit Josh Smiths Entlassung mittlerweile Sieg an Sieg. Sogar die Playoffs sind möglich. Aber was sind die Gründe für den plötzlichen Erfolg? Die Pistons geben Auskunft.

Addition durch Subtraktion. Die Wegnahme einer Komponente verbessert also das Endergebnis. Es klingt schon ein wenig paradox und findet dennoch hin und wieder Anwendung. Auch im Sport. Bestes Beispiel: die Detroit Pistons. Die wählten im Dezember einen eher unkonventionellen Weg und entließen Josh Smith. Einfach so. Kein Trade. Kein Geschäft. J-Smoove musste gehen, obwohl sein Gehalt den Salary Cap weiterhin belasten wird.

Unter normalen Umständen lässt sich kein Team zu einem solchen Schritt hinreißen. Vor allem nicht, wenn es um den Topverdiener geht. Immerhin stehen Smith bis einschließlich 2017 pro Saison stolze 14 Millionen Dollar zu. Dennoch lief der Forward am 21. Dezember in Brooklyn letztmals für die Pistons auf. Dort hatte Detroit soeben die vierte Niederlage in Serie kassiert, die 23. der Saison. Diesen 23 Pleiten standen lediglich 5 Siege gegenüber. FÜNF. Es musste sich etwas ändern.

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Smith ging also - und mit ihm offenbar auch das Phlegma. Mit einem Mal gewannen die Pistons wieder Spiele. Viele Spiele. Sieben mal in Serie ging man nach Smiths Entlassung als Sieger vom Court, besiegte unter anderem den Champion aus San Antonio und die Mavs. Seit J-Smoove Motown verlassen hat, haben die Pistons überhaupt nur 3 Spiele verloren, 2 davon gegen die derzeit schier unbesiegbaren Hawks.

Ratloser van Gundy

Angesichts solcher Serien fällt es einem durchaus schwer, keinen direkten Zusammenhang zwischen Weggang - sprich: Subtraktion - und Erfolgsserie - sprich: (Erfolgs-)Addition - zu spinnen. So weit möchte Stan Van Gundy allerdings nicht gehen.

"Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, was passiert ist", sucht Detroits Coach und General Manager nach einer Erklärung. "Aber Ende Dezember hatten wir drei Tage, an denen es im Training einfach sensationell lief - und danach war alles anders. Die Spieler arbeiten härter, sind mehr bei der Sache."

Auf der anderen Seite seien sie aber auch "als Einheit deutlich besser zusammengewachsen. Niemand ist um seine eigene Spielzeit besorgt, oder darüber wer welche Würfe nimmt." Selbst dann nicht, wenn sie plötzlich nur auf der Bank sitzen? Selbst dann nicht: "Wir haben hier Jungs, die zeigen in einem Spiel sensationelle Leistungen, sitzen dann aber nur auf der Bank, weil ein anderer Spieler gerade eine unfassbare Serie hinlegt - und sie genießen trotzdem jede Minute. Sie fiebern mit ihren Teamkollegen mit als hätten sie selbst gepunktet."

Eine Vorliebe und ihre Folgen

Ein Seitenhieb auf Smith? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Fest steht nur, dass gerade Smiths Wurfauswahl dem Spiel der Pistons - freundlich formuliert - nicht unbedingt zuträglich war. In dieser Saison als Piston nahm der Forward so viele Dreier wie noch nie zuvor ins seiner Karriere (3,4). So weit, so gut. Nur hat die Sache eben einen klitzekleinen Haken: Smith beherrscht die Kunst des Distanzwurfs einfach nicht. Durchschnittlich trifft er lediglich 26 Prozent seiner Dreier. Effizienz und Wissen um die eigene Stärke respektive Schwäche sehen definitiv anders aus.

Zumal die effektivste Saison des J-Smoove ausgerechnet jene war, in der er den Dreier nahezu aus seinem Repertoire verbannt hatte. Anno 2009/10 drückte Smith lediglich sieben Mal von draußen ab. In der gesamten Saison, wohlgemerkt. Endlich nutzte er seine Stärke am Brett, schloss regelmäßig in Ringnähe ab - und traf (63 Prozent FG in Ringnähe).

Doch selbst diese Stärke bekamen die Pistons zuletzt kaum noch präsentiert. In dieser Saison traf Smith für Detroit aus weniger als 2,4 Metern nur noch 44 Prozent seiner Versuche und legte damit die schwächste Quote aller Spieler auf, die mindestens 150 Würfe in Ringnähe genommen hatten. Es entstand ein Mix aus nicht existentem Jumper und Ineffizienz am Ring. Ein Mix, der Smith offensiv nahezu unbrauchbar machte, der Detroits Offense deutlich mehr schadete, als dass er ihr genutzt hätte.

Nun wussten die Pistons allerdings sicherlich bereits bei Smith Verpflichtung von dessen Hang zum aussichtslosen Dreier und um ihren mit Greg Monroe und Andre Drummond bereits massig besetzten Frontcourt. Sie wussten, dass der Neuzugang häufig auf die Drei - sprich: weiter weg vom Ring und näher hin zur Dreierlinie - ausweichen musste. Völlig unvorhersehbar war die Entwicklung also nicht. Nun wurde sie gestoppt.

Plötzlich effektiv

Doch Erfolg und Statistik geben den Pistons Recht. Lag Detroits Offensiv Rating im November und Dezember, also mit Smith, noch bei 100,3, so ist es im Januar bei 105,4 angekommen, einem Wert, der ligaweit immerhin für die Top 10 reichen würde. Und auch das Net Rating, also die Differenz aus Offensive- und Defensive Rating, ist zu Jahresbeginn erstmals in dieser Saison positiv. Und viel war dazu laut van Gundy nicht einmal nötig.

"Es ist nicht so, dass wir taktisch groß etwas verändert hätten", erklärt er. "Über die X's and O's haben wir eigentlich kaum geredet. Es geht viel mehr um den Einsatz, den jeder Spieler zeigt. Darum, mit welcher Intensität die angesagten Spielzüge ausgeführt werden. Natürlich hat sich nach dem Abgang von Josh Smith ein wenig an unserer generellen Ausrichtung und an den Positionen, die einige Spieler einnehmen, getan. Aber insgesamt fand die größte Veränderung im Kopf statt. Das sieht man besonders in der Defensive. Hier haben wir uns enorm gesteigert."

Und tatsächlich: Wo man dem Gegner während der ersten beiden Saisonmonate pro hundert Ballbesitze durchschnittlich noch knapp 105 Punkte erlaubte, sind es im Januar lediglich 99,5, womit die Pistons wiederum im Bereich der Atlanta Hawks lägen - und damit unter den besten fünf Teams der Association.

"Haben uns auf Defense eingeschossen"

"Wir haben uns auf Defense eingeschossen", sagt deshalb auch Greg Monroe. "Wir wussten, dass das in der Vergangenheit eine unserer Schwächen war. Deshalb haben wir uns zusammengetan und angefangen, als Team besser aufzupassen. Früher haben wir in negativen Situationen oft den Kopf verloren, jetzt bleiben wir dran. Jeder arbeitet hart und gibt nicht auf, wenn es mal kurzzeitig nicht läuft."

Egal, wen man befragt, ob nun Monroe oder van Gundy - immer wieder kommt die Atmosphäre zur Sprache. Der Teamgeist. Das Zusammengehörigkeitsgefühl. Das stimme mittlerweile, heißt es.

"Wir haben uns gesagt: Wir sitzen hier alle im selben Boot", erklärt Monroe. "Deshalb spielt es keine Rolle, wer gerade auf dem Platz steht. Es ist wichtig, dass wir als Team gewinnen - nicht wer die meisten Punkte macht. Diese Einstellung hat das komplette Team verinnerlicht. Das macht uns derzeit aus."

"Spieler sind komplett uneigennützig"

Van Gundy erzählt dazu eine Anekdote aus dem Mavs-Spiel, als er kurz vor dem Ende wie üblich die Starter einwechseln wollte. "Nix da! Die Jungs haben es verdient, das Spiel zu Ende zu Spielen", hätten Monroe und Brandon Jennings ihrem Coach daraufhin entgegnet. "Das ist die Mentalität, die bei uns derzeit herrscht", erklärt van Gundy. "Die Spieler sind komplett uneigennützig und wollen einfach nur als Team gewinnen."

All das klingt kaum noch nach zerstrittenem Team ohne Rollenverteilung, nach Scherbenhaufen oder hoffnungslosem Fall. Offensichtlich weiß in Detroit mittlerweile jeder um seine Rolle. Monroe und Andre Drummond bilden klar und deutlich den Frontcourt, dominieren die Bretter (gemeinsam 23 Rebounds pro Spiel). Ein D.J. Augustin bringt Energie von der Bank, Brandon Jennings tritt wie bei seinem Gamewinner gegen die Spurs als Closer in Erscheinung. Kurz: Es läuft in Motown.

Und das seit Ende Dezember. Seit Smiths Entlassung. Ein Zufall? Vielleicht. J-Smoove den Misserfolg der ersten beiden Saisonmonate in seiner vollen Blüte aufbürden zu wollen, wäre andererseits nicht nur reine Spekulation, es wäre auch nicht fair. Smith trug sicher seinen Teil zum schwachen Start der Pistons bei, die Entlassung war sicherlich nicht die schlechteste Entscheidung, am Ende stimmten zu Saisonbeginn allerdings auch viele andere Dinge nicht, die nun funktionieren.

Fans und Playoff-Hoffnungen sind zurück

Auch dort mag ein gewisser Zusammenhang bestehen, alles in allem treten die Pistons nun jedoch endlich als echte Einheit auf. Die Stimmung im Team hat sich verbessert - und die in der Stadt gleich mit. Denn mit dem Erfolg kommen auch die Fans zurück, lassen ihrem Team endlich wieder jene Unterstützung zuteilwerden, die sich die Bad Boys einst hart erarbeitet hatten. Auch das bleibt nicht unbemerkt.

Greg Monroe spricht von einem wunderbaren Gefühl, weiß gleichzeitig aber auch, "dass es nicht immer einfach war, Pistons-Fan zu sein. Umso erfreulicher ist es, jetzt wieder so viel Energie in der Arena zu spüren. Das hilft uns auf jeden Fall dabei, in brenzligen Situationen noch ein paar Reserven zu finden."

Derzeit setzen die Pistons sogar derart viele Reserven frei, dass die Playoffs plötzlich wieder in Reichweite sind. Auf Rang zehn hat Detroit nur einen Sieg weniger und zwei Niederlagen mehr als die achtplatzierten Nets. Dank der schwächelnden zweiten Hälfte der Eastern Conference leben die Hoffnungen auf die Postseason - und damit der Beleg, dass ein wenig Subtraktion hin und wieder einen positiven Effekt haben kann.

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