Bulls-Assistant-Coach Mike Wilhelm im Interview

"Rose legt Messlatte für alle höher"

Mittwoch, 29.10.2014 | 16:30 Uhr
Nach zwei schweren Knieverletzungen ist Derrick Rose zurück bei den Chicago Bulls
© getty
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Bei den Chicago Bulls ist Mike Wilhelm Assistent von Head Coach Tom Thibodeau, blickt aber auch über die Grenzen der USA hinaus. SPOX traf Wilhelm in der Offseason am Rande eines Trainer-Lehrganges in Bamberg. Im Interview spricht über das Besondere an Derrick Rose, den Teamgeist der Bulls, Probleme für Rookies und seine Beziehung zu Dirk Bauermann.

SPOX: Mike Wilhelm, Derrick Rose ist endlich wieder fit. Blicken wir aber zunächst zurück: Wie war das, als er sich zum zweiten Mal verletzt hat? Hat es die Luft aus dem Team gelassen oder sagte man sich: Wir wissen, was zu tun ist, es ist ja nicht das erste Mal, wir kommen schon klar.

Mike Wilhelm: Derrick ist einzigartig: Wenn es Spieler gibt, die aus dieser Situation zurückkommen können, und zwar stärker als zuvor, dann Derrick. Wir haben vollstes Vertrauen in ihn. Er ist mental und physisch so stark, dass er die Messlatte für alle anderen Spieler höher legt. Als er sich Ende November verletzte, war das für alle ein harter Schlag.

SPOX: Wie hat er reagiert?

Wilhelm: Direkt nach seinem Eingriff ist er wieder zum Team gestoßen. Das war großartig. Wir haben ihn beim Training gesehen, wie er seine Reha mit dem Knie durchzog und es ihm langsam aber sicher besser ging. Er hatte schon immer einen positiven Einfluss auf seine Teamkollegen, und ich glaube, dass sie ihm damals, im Dezember und Januar, auch sehr geholfen haben.

SPOX: Aber es ist trotzdem eine große Umstellung fürs Team.

Wilhelm: Natürlich. Aber erstens hat das Management einen tollen Job gemacht und charakterlich einwandfreie Spieler geholt. Zweitens ist unser Coach vielleicht der beste der Liga - zumindest, wenn es darum geht, passende Persönlichkeiten zu kombinieren und kurzfristig Dinge anzupassen. Niemand kann Tom das Wasser reichen, wenn es darum geht, dass die Spieler perfekt ihre Rolle spielen und ihren Job machen - zumindest in den vier Jahren, in denen er hier ist. Als sich Derrick verletzte, hatten wir ja keine Zeit, erst einmal tief durchzuatmen. Wir mussten uns direkt an die Arbeit machen. Aber Tom ist der Beste der Liga, wenn es darum geht, aus den Spielern das Optimum herauszuholen.

SPOX: Ihre Spieler scheinen die Situation ebenfalls gut aufgenommen zu haben.

Wilhelm: Sie haben einen tollen Job gemacht. Das Team und unsere Führungsspieler haben sich noch einmal gesteigert, und das ist das Einzigartige an ihnen: Sie sind nicht nur tolle Basketballspieler, sondern auch tolle Persönlichkeiten. Sie haben Derrick durch schwere Zeiten hindurchgeholfen, und er half ihnen dabei, die Umstellungen zu meistern. Wir saßen alle in einem Boot.

SPOX: Tom Thibodeau ist nicht der erste Coach, unter dem Sie arbeiten. Wie gelang Ihnen der Einstieg?

Wilhelm: Ich bin jetzt seit 21 Jahren in der NBA und seit zwölf Jahren Assistant Coach. Ich habe damals als Video-Coordinator angefangen, bevor ich Assistant Coach wurde und dann Advanced Scouting gemacht.

SPOX: Was macht Coaching für Sie aus?

Wilhelm: Man lernt einfach nie aus. Auch Coaches, die noch viel länger dabei sind als ich. Das ist das einzigartige am Coachen. Es gibt immer noch eine Nuance, die man sich hier und da aneignen kann. In Europa ist das Spiel beispielsweise auf der anderen Seite des Spektrums, da ist es super, die Philosophien der Coaches von hier kennenzulernen und die "Notizen zu vergleichen".

SPOX: Einerseits lernt die NBA vom internationalen Basketball, andererseits verschiebt die FIBA die Dreierlinie. Wird man sich eines Tages in der Mitte treffen?

Wilhelm: Ich bin nicht sicher. Ich denke, dass man sich eines Tages, was die Regeln, angeht zumindest noch ein bisschen näher kommen wird. Die Komitees und Verbände, die die Regeln festlegen, sind allesamt Fachleute, vor denen ich großen Respekt habe. In den USA natürlich auch. Sie werden sich ansehen, was im Interesse aller ist, und im Interesse des Sports.

SPOX: Was würden Sie persönlich am liebsten ändern?

Wilhelm: Ich würde in den USA beispielsweise gern eine Shot Clock auf High-School-Level einführen. So wie es ist, ist es für die jungen Spieler sehr schwer, wenn sie dann aufs College gehen. Denn die Shot Clock ist ein Monster, und wird in der NBA dann zum umso größeren Monster. Plötzlich sind es dann nur noch 24 Sekunden sind. Daran muss man sich erst gewöhnen.

SPOX: Was würde die Shot Clock an der High School konkret verändern?

Wilhelm: Sie würde das Spiel schneller machen und die Kids vorbereiten. Zudem sehen wir dann besseren Basketball: Schnelle Entscheidungen, den Ball laufen lassen. Die Spieler müssen das "Read and React"-Prinzip lernen und viel schneller als heute mitdenken, auch schon in jungen Jahren. Das wäre gut für den Sport.

SPOX: Das betrifft natürlich auch Ihren Rookie Doug McDermott. Der muss jetzt erst einmal verinnerlichen, dass er elf Sekunden weniger Zeit hat als am College, oder?

Wilhelm: Das ist eine Umstellung, ja. Nicht nur für Doug, sondern für alle, die den Sprung in die Liga schaffen. Shot-Clock Management spielt eine sehr große Rolle, umso mehr, wenn man ein Team als Point Guard führen muss. Unser Job als Coaches ist es, die Jungs vorzubereiten.

SPOX: Gibt es da spezielle Maßnahmen?

Wilhelm: Wenn Rookies neu in die NBA kommen, spielen wir im Training normalerweise eine Shot Clock mit nur 18 statt 24 Sekunden. So machen wir die Rookies im Kopf noch schneller. Es ist vor allem eine Aufgabe der Coaches, es ihnen beizubringen. Aber wenn man offensiv so stark ist, punkten will und ein so guter Schütze ist wie Doug, hat man ohnehin immer ein Auge auf der Uhr. Man möchte seinen Wurf schließlich noch loswerden. Aber es dauert definitiv eine Weile, bis man sich umgestellt hat.

SPOX: Sie sprachen den Europäischen Basketball bereits an. Es gibt sogar eine direkte Verbindung. Sie kennen den ehemaligen Bundestrainer Dirk Bauermann. Wie kam das?

Wilhelm: Ich kenne Dirk nun schon seit fast zehn Jahren und habe großen Respekt vor ihm als Basketballcoach und seinen Erfolgen, nicht nur in Deutschland sondern auch international. Ich habe ihn über unseren gemeinsamen Freund Ron Adams (derzeit Assistant Coach bei den Golden State Warriors, Anm. d. Red.) kennengelernt, ein langjähriger NBA-Coach. Das war 2002, in unserem ersten gemeinsamen Jahr bei den Bulls.

SPOX: Was macht den Menschen Dirk Bauermann aus?

Wilhelm: Dirk ist nicht nur ein sehr guter Coach, sondern ein noch besserer Mensch. Das ist das Gute am Coaching, und zwar nicht nur in der NBA: Man lernt so viel internationale Trainern kennen, und die meisten sind auch super Typen, mit denen es Spaß macht. Wir haben die gleichen Interessen. Dirk ist ein Mensch, der mir als Freund sehr lange erhalten bleiben wird.

Die Chicago Bulls im Überblick

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