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Der vergessene Superstar

Von Ole Frerks
Dienstag, 23.09.2014 | 15:44 Uhr
John Havlicek gewann mit den Boston Celtics insgesamt acht Meisterschaften
© getty
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John Havlicek war Revolutionär, athletischer Freak, Sixth Man und Superstar in einem. Mit den Boston Celtics gewann er acht Titel in zwei komplett unterschiedlichen Epochen, mit seinem Resümee muss er sich vor niemandem verstecken. Dennoch kennen viele heute nur noch genau einen Moment seiner Karriere.

Eastern Division Finals 1965, Game 7, Boston Garden. Die Celtics haben die Philadelphia 76ers zu Gast. Fünf Sekunden sind noch zu spielen, die Kelten haben Einwurf. Bill Russell wirft den Ball gegen ein Seil der Korbanlage, von wo aus er zurück ins Aus fliegt.

Einwurf Philly also. Hal Greer lässt vier Sekunden verstreichen, dann schickt er den Ball auf die Reise. Doch John Havlicek spritzt dazwischen und bringt den Ball unter Kontrolle. Er spielt den Ball weiter zu Sam Jones. Game Over.

Die Finals sind gebucht, Fans stürmen das Parkett, Kommentator Johnny Most verfällt in Schnappatmung, als er seine Worte in den Nachthimmel schreit: "Havlicek stole the ball! It's all over! Johnny Havlicek stole the ball!"

Jeder NBA-Fan kennt diese Sequenz, auch heute noch, fast 50 Jahre später. Sie hat überlebt, beispielsweise durch die "Greatest Moments in Playoff History"-Clips, die beim "League Pass" während Timeouts gezeigt werden. Der Protagonist dieser Szene ist dagegen weniger präsent im Bewusstsein. Dabei hatte Hondos Karriere so viel mehr zu bieten als diesen einen Moment.

"Bester Athlet aller Zeiten"

Wenn es um die besten Spieler der Liga-Geschichte geht, werden nur selten Spieler aus Havliceks aktiver Zeit genannt. Dafür sind einfach schon zu viele Jahre vergangen. Und wenn doch, sind es vor allem diejenigen, deren außerordentliche Klasse sich in Zahlen ausdrücken lässt, die auch heute noch für sich sprechen.

Das sind beispielsweise Oscar Robertson mit seiner Triple-Double-Saison, Wilt Chamberlain mit seinen 100 Punkten und diversen weiteren Rekorden, oder Bill Russell mit seinen elf Ringen. Einer wie Havlicek wird da schon eher übersehen - weil er nicht diese eine Zahl vorzuweisen hat, die ihn bis heute einzigartig macht. Zumindest auf den ersten Blick.

Schaut man dagegen die Übertragung seines letzten Spiels am 9. April 1978 an, ergibt sich ein anderes Bild. Sein Resümee damals: Die meisten Spiele (1.269). Die meisten Playoff-Spiele (172). Der einzige Spieler, der 16 Saisons in Folge mindestens 1.000 Punkte erzielt hat. Die drittmeisten Karriere-Punkte (26.895). Die zweitmeisten Karriere-Minuten (46.407).

1974 schrieb die "Sports Illustrated": "Man könnte behaupten, dass er derzeit der wertvollste Spieler überhaupt ist. Oder, dass er der beste Athlet ist, den die NBA je gesehen hat."

Barry: "Der einzige echte Superstar"

Die Grafik mit Hondos Statistiken ist nicht das einzige, was bei der Übertragung von seinem Abschiedsspiel auffällt. Es sind auch die rund acht Minuten andauernden Standing Ovations für ihn, die den Tip-Off deutlich nach hinten verschieben. Havlicek wurde verehrt - von Fans, Mitspielern und auch Gegnern. Es ist kaum möglich, ein negatives Wort über den achtmaligen Champion zu finden. Lob, Respekt, gar Verehrung findet sich dagegen in Massen.

"Er ist der beste Allrounder, den ich je gesehen habe", adelte ihn Russell. "Havlicek ist der einzige echte Superstar", sagte Rick Barry. Lakers-Legende Jerry West forderte bei Hondos Abschied gar, dass dessen Nummer 17 von jeder einzelnen NBA-Franchise retired werden sollte. "Er ist der Botschafter unserer Sportart. Menschen mit seiner Klasse sind selten."

Das vielleicht größte Kompliment kam vom legendären Red Auerbach, der nicht gerade für seine warmen Worte bekannt war. "Er verkörpert alles, was gut ist. Wenn ich einen Sohn wie ihn hätte, wäre ich der glücklichste Mensch der Welt", sagte das Celtics-Mastermind in der Halbzeit von Hondos letztem Spiel.

Vorbild für Ray und Reggie

Mit Zahlen allein kann man Havliceks Bedeutung derweil nicht gerecht werden. Aufgrund seiner ruhigen Art und seines "gewöhnlichen" Aussehens käme man nicht zwingend auf die Idee, aber Hondo war ein Revolutionär.

Er interpretierte die Swingman-Positionen (sowohl Shooting Guard als auch Small Forward) auf eine gänzlich neue Art. In jeder Sekunde des Spiels war er in Bewegung, wie später beispielsweise Ray Allen oder Reggie Miller.

Er arbeitete deutlich härter an sich, als es zu seiner Zeit üblich war: Als Rookie "lebte [er] noch von Bob Cousys Pässen im Fastbreak", wie er selbst sagte. Als "Cooz" jedoch aufhörte und er mehr auf das eigene Ballhandling sowie den bis dahin mittelmäßigen Jumper angewiesen war, feilte er im Sommer wie ein Verrückter an beidem. Der Mitteldistanzwurf wurde zur Waffe.

Er war einer der besten Clutch-Player seiner Ära, wie es beispielsweise durch seinen berühmten Steal 1965 illustriert wird. Er war der vielleicht beste Sixth Man aller Zeiten und büßte auch nicht an Effizienz ein, als er später Starter wurde und im Alter von 30 beziehungsweise 31 Jahren über 45 Minuten pro Spiel auf dem Parkett stand.

Beispiellose Pferdelunge

Es war vor allem diese Ausdauer, die ihn von jedem anderen Spieler abhob. Havlicek war in dieser Hinsicht ein Wunder der Natur. Er wurde einfach nicht müde. In jedem Fastbreak war er als erster vorne, im Setplay standen seine Füße nie still, defensiv war er schnell und gleichzeitig kräftig genug, um drei Positionen zu verteidigen.

Hondos Pferdelunge ist in der Liga-Geschichte nahezu beispiellos, am ehesten würde vielleicht noch Allen Iverson einem Vergleich gerecht werden. Tatsächlich kam er schon mit einem anomal großen Lungenvolumen auf die Welt, ein "Nein" in der Kindheit war ebenfalls hilfreich: Später sagte er einmal, er habe als Kind immer neben seinen Kumpels herrennen müssen, weil die Eltern ihm kein Fahrrad kaufen wollten.

Die unfassbare Ausdauer sowie die starken athletischen Voraussetzungen ermöglichten es Havlicek, an der High School, nicht eine, nicht zwei, sondern drei Sportarten auf All-State-Niveau zu betreiben. Obwohl er dann am College nur noch Basketball spielte, drafteten ihn die Cleveland Browns 1962 mit dem Ziel, ihn zum Wide Receiver zu machen.

"Ich wollte beide Sportarten betreiben", blickte Hondo später zurück. Er schaffte es nach einigen Einsätzen in der Preseason jedoch nicht in den endgültigen Kader. "Gott hat mir klar gemacht, dass ich für Basketball und nicht für Football bestimmt war." Dort war seine Ausdauer - neben vielen anderen Qualitäten - in der Tat Gold wert.

Assistent von Russell

Sie ermöglichte es ihm, als Ü-30-Spieler zwei Saisons in Folge die NBA bei den Minuten anzuführen. Oder 69 und 72 jeweils mehr als 47 Minuten pro Spiel in den Playoffs auf dem Parkett zu stehen. Sie ermöglichte es Havlicek auch, in den 1974er Finals unmenschliche 289 von 291 möglichen Minuten zu spielen und Finals-MVP zu werden. Noch 1976, damals war er 35, spielte er in Spiel 5 der Finals 58 Minuten, obwohl ihm die Ärzte eigentlich nicht mehr als 25 erlaubt hatten.

Sein Spielverständnis und seine Vielseitigkeit standen der Ausdauer derweil in Nichts nach. Als Auerbach General Manager wurde und Russell als Spielertrainer übernahm, wurde Hondo de facto zu seinem Haupt-Assistenten, der sich im Wesentlichen um die Offense kümmerte.

Er selbst war dabei vielleicht der größte Luxus, den der Trainer Russell hatte. "Da Havlicek das ganze Spiel über mit Höchstgeschwindigkeit agieren und problemlos mehrere Positionen übernehmen kann, erlaubt er es Russell, jeden müden oder kalten Spieler mit dem besten Bankspieler zu ersetzen, unabhängig von dessen Position", erklärte Frank Deford von der "Sports Illustrated" Hondos Rolle bei den Celtics der 60er Jahre.

Der legendäre Knicks-Coach Red Holzman gab sich einmal konsterniert: "Allein schon mit seiner Ausdauer wäre er einer der besten Spieler aller Zeiten gewesen. Es wäre denen, die gegen ihn spielen oder coachen müssten, gegenüber fair gewesen, wenn er nur diese unmenschliche Ausdauer gehabt hätte. Stattdessen musste Gott noch einen draufsetzen, indem er aus ihm einen guten Scorer, cleveren Ballhandler und intelligenten Verteidiger machte, der zudem auch noch schnellen Verstand, schnelle Hände und schnelle Füße hatte."

Vom Schüler zum Lehrer

Nachdem Russell 1969 als größter Gewinner in der Geschichte des amerikanischen Sports aufhörte, änderte sich auch für Havlicek einiges. "In meinen ersten sieben Saisons war ich sowas wie das Kind im Team. Auf einmal wurde ich dann zum 'alten Typen', auf den die ganzen Youngster hören sollten. Das war nicht einfach für mich", blickte Hondo 2009 in einem großen Interview mit "Celtic Nation" zurück.

Diese kurze Rebuild-Phase dauerte allerdings nicht lange. Ebenso wie es Russell, Cousy, Tom Heinsohn und Sam Jones für ihn getan hatten, zeigte Hondo den Neulingen wie Dave Cowens, Jo Jo White oder Don Chaney nun, was "Celtic Pride" bedeutete und wie man sich in der erfolgsverwöhnten Franchise zu verhalten hatte. Mit dem unangefochtenen Leader Havlicek stellte sich schon bald wieder Erfolg ein.

Schon '72 und '73 hatte es für die beste Bilanz im Osten sowie die Conference Finals gereicht, '74 und '76 gewann Hondo dann seine Titel 7 und 8. Nur Russell und Jones haben mehr. Er hinterlässt ein Vermächtnis, das für sich spricht - sollte man meinen.

West: "Ein echter Superstar"

Wenn nach den besten Swingmen der Geschichte gefragt wird, würden den meisten Leuten wahrscheinlich trotzdem zehn Spieler eher einfallen, bevor sie auf den Mann verweisen, der nach John Wayne benannt war.

Jeder hat seine Favoriten, und das ist auch richtig so. Aber man sollte bei jeder Bestenliste nicht vergessen, dass in den 60ern und 70ern einer spielte, der jede Definition eines Superstars erfüllte und der unter den Spielern mehr Respekt genoss als fast jeder andere.

"Superstar ist ein schlechtes Wort", sagte Jerry West mal, als er nach seinem langjährigen Rivalen gefragt wurde. "In unserer Liga sieht man Jungs, die durch die Beine dribbeln und spektakulär spielen, und sagt: 'Das ist ein Superstar'. Ich sage euch: Havlicek ist ein echter Superstar. Die meisten anderen sind den Gedanken irgendwelcher Schreiberlinge entsprungen."

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