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Ein Mann wie sein Haarschnitt

Montag, 04.08.2014 | 17:56 Uhr
Viel mehr als ein Rollenspieler: Detlef Schrempf
© getty
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Detlef Schrempf und die Seattle SuperSonics der 90er Jahre sind bis heute Kult. Der Stern des ersten deutschen Stars in der NBA ging aber schon früher auf: Sixth Man, Allrounder, Wegbereiter von Dirk Nowitzki und einer ganzen Generation. Wie "Det the Threat" sich in der besten Liga der Welt behauptete und in den USA eine neue Heimat fand.

Vor Dirk Nowitzki war Detlef Schrempf.

Dirk Werner Nowitzki, für viele ist er der deutsche Basketballer, der es geschafft hat in der NBA. Höhen, Tiefen, Superstar, MVP, Champion. Doch als Nowitzki sich 1999 aus Würzburg anschickte, die NBA-Welt zu erobern, war sein Weg bereits geebnet worden. Von einem ähnlich schlacksigen Jugendlichen von Bayer Leverkusen, der später als "Det the Threat", Det die Bedrohung, in die Basketball-Annalen einging.

16 Jahre spielte Detlef Schrempf in der besten Liga der Welt, mauserte sich vom Spezialisten von der Ersatzbank zu einem vielseitigen Starter, der es in den NBA-Finals sogar mit den übermächtigen Chicago Bulls von Michael Jordan aufnahm. Zwei Sixth-Man-Ehrungen, dreimal All-Star, in Indiana beliebt, in Seattle verehrt. Er war der erste Europäer, der sich in der NBA wirklich einen Namen machte, den Vlade Divacs und Drazen Petrovics und Tony Parkers zeigte, dass es auch auf der anderen Seite des großen Teichs klappen kann. Ohne Detlef Schrempf hätte es "Dörk" vielleicht nie gegeben.

Wer sich als deutscher NBA-Fan an Detlef Schrempf zurückerinnert, der gedenkt wahrscheinlich den kultigen "Inside NBA"-Übertragungen mit Manni Winter und Frank Buschmann, die Sendung im DSF, die die Liga Mitte der 90er in die deutschen Wohnzimmer brachte. Schrempf im grünen Trikot mit der Nummer 11, an der Seite von Gary Payton und "Reign Man" Shawn Kemp. Third Banana? Mitnichten! Heute würde man wohl "Big Three" dazu sagen.

Doch bevor Schrempf, stets versehen mit seinem Markenzeichen, dem makellosen, an den Schläfen kurzgeschorenen Bürstenschnitt, brilliert, ist er ein unbekannter Jugendlicher mit John-Stockton-Frisur, der in seinem Geburtsort Leverkusen das Basketballspielen erlernte. Damals noch ohne Dreierlinie, wohlgemerkt. Er ist von Basketball besessen, trainiert viele Stunden täglich: Seine Mitspieler halten ihn für ein bisschen verrückt, aber bei Bayer legt er die Grundlagen für den späteren NBA-Erfolg.

Zuerst College, dann NBA

1980 zieht er mit seiner Familie an die Westküste der USA, wo der 17-Jährige der Centralia High School als Forward prompt zur State Championship verhilft. Drei Jahre studiert er an der Uni in Seattle (Internationale Wirtschaft), führt die Huskies dreimal in die Postseason und wird in die Hall of Fame aufgenommen. "An der Uni war ich ein Star", erinnert er sich im Interview mit der "Basket". Es war klar: Der Weg würde in die NBA führen.

1985 draften ihn die Dallas Mavericks an achter Stelle. Ironie des Schicksals: Dallas' berühmtester deutscher Sohn wurde eben nicht von den Mavs gedraftet, Schrempf dagegen schon - doch den verbindet man mit den Pacers und Sonics.

Detlef Schrempf im SPOX-Interview: "Ich war anormal"

Das liegt auch daran, dass Schrempf in Texas zu Beginn Probleme hat. Obwohl der Kulturschock nach fünf Jahren in den USA ja eigentlich ausbleibt. Aber die Mavs erreichen in seinen ersten drei Jahren jeweils die Postseason, es ist die erste Blütezeit der noch jungen Franchise. Viel Zeit für den jungen Deutschen bleibt da zunächst nicht, manchmal kommt er im ersten Jahr nicht einmal von der Bank herunter. "Das war nicht gut fürs Selbstvertrauen", gibt er zu. Er habe auch daran gedacht, nach Europa zurückzukehren.

Aber er glaubt weiter an sich. Er bleibt fleißig, stur, diszipliniert, no nonsense. Wie sein Haarschnitt eben. Im zweiten und dritten Jahr steigert er sich auf rund 20 Minuten pro Spiel, wird mit fast zehn Punkten im Schnitt zum wichtigen Mann von der Bank (von draußen trifft er in der Saison 86/87 fast 48 Prozent). Dann traden ihn die Mavs zu den Indiana Pacers. Dort geht sein Stern so richtig auf.

Prototyp des modernen Spielers

Wer sich bei YouTube um Highlights von Schrempf bemüht, der sieht einen hageren, drahtigen Spieler, der irgendwie kleiner wirkt als seine 2,08 Meter Körpergröße - übrigens nur fünf Zentimeter weniger als bei Nowitzki. Heute wären das schon fast Center-Dimensionen, aber der Deutsche ist kein steifer Big Man. Er spielt beide Forward-Positionen, und seine Vorteile dabei voll aus: Gegen kleinere Verteidiger geht es in den Post, wo er mit Spinmoves und Turnarounds zuverlässig punktet. Größere Verteidiger werden nach außen gelockt, dann folgen Head Fakes und Drives zum Korb, gekoppelt mit dem gelegentlichen Dreier.

Sein Jumper ist vorbildlich, vor allem aus der Mitteldistanz. "Viele Spieler legen einfach keinen großen Wert mehr auf einen sauberen Wurf", moniert er später, und macht die Highlights im Fernsehen verantwortlich: "Die jungen Spieler lernen das Werfen auch gar nicht mehr. Die wollen lieber dunken." Wobei - stopfen kann er auch. Dazu ist er ein exzellenter Rebounder, der in Indianapolis mehrfach an einer zweistelligen Board-Ausbeute kratzt. Ein gutes Auge obendrein, dazu die hervorragende Einstellung. Schrempf ist kein Megatalent, hat aber das komplette Paket.

Kein Rollenspieler!

Wer beim Deutschen nicht an die Sonics denkt, der denkt wahrscheinlich an die zwei Sixth-Man-Awards. Die gewinnt Schrempf 1991 und 1992. Und wer an den Sixth Man denkt, der denkt an Rollenspieler, wie Jason Terry oder Jamal Crawford. Fähige Spieler, aber doch eher einseitig.

Schrempf passt wie gesagt nicht in diese Kategorie. Das beweist er 1992, als er zum Starter befördert wird und sich mit 19,1 Punkten, 9,5 Punkten und 6,0 Assists pro Partie ins All-Star-Game spielt. Die Diskussion um den Rollenspieler ist damit passé - worauf er auch großen Wert legt: "Ich war bestimmt kein Rollenspieler! Niemand hatte damals solche Stats!" Aber dem Front Office um Larry Bird ist das nicht genug. Sie wollen mehr Defense im Team. Deshalb wird Schrempf in der Offseason 1993 zu den Seattle SuperSonics getradet.

Die Sonics: Nur Jordan ist besser

Für "Det the Threat" ist es ein überraschender Trade, aber gleichzeitig eine Rückkehr an alte Wirkungsstätte. Unglücklich ist er deshalb nicht: "Seattle war schon lange meine Heimat. Auch als ich in Dallas und Indiana gespielt habe, habe ich mein Haus in Seattle nie verkauft und bin im Sommer immer dorthin zurück."

Kein Wunder also, dass es mit Coach George Karl und den Local Heros Payton und Kemp sofort funktioniert: Payton als Floor General, Kemp lässt es krachen, und dazu nun Schrempf als Hans-Dampf-in-allen-Gassen. "Wir hatten eine wunderbare Mannschaft", erinnert sich Schrempf. In den folgenden fünf Jahren gewinnt Seattle nie weniger als 57 Spiele, dreimal sogar über 60. Es ist eins der verehrtesten Teams der NBA-Geschichte.

Allein die Meisterschaft ist ihnen nicht vergönnt. 1996 kämpft sich Seattle in die Finals, aber auf der anderen Seite steht "His Airness" höchstpersönlich. Michael Jordan. 72-10. Das beste Team aller Zeiten. Seattle fightet, aber nach sieben Spielen gegen Utah fehlen die Körner. "Wir waren noch ziemlich fertig von der Serie gegen die Jazz", trauert Schrempf der verpassten Gelegenheit hinterher. 4-2 gewinnen die Bulls.

Das Ende bei den Jail Blazers

Zweimal zieht man noch als bestes Team im Westen in die Postseason ein, aber zum großen Wurf reicht es nicht mehr. Nach dem Lockout stürzt das Team 1999 ab und verpasst die Playoffs, der mittlerweile 36-Jährige Schrempf muss gehen. Noch immer legt er 15 Punkte und über 7 Rebounds auf, an ihm liegt es also nicht. Aber das Team muss neu aufbauen. Die Sonics der 90er bleiben unvollendet.

Ein fröhlicher Ritt in den Sonnenuntergang bleibt Schrempf nicht vergönnt: Die Portland Trail Blazers sichern sich seine Rechte, es folgen zwei Jahre, an die er sich nur ungern erinnert. Denn die "Jail Blazers" sind für einen harten, ehrlichen Arbeiter wie ihn ein Graus. "Es wurde zuletzt immer wahnsinniger. Die Spieler in Portland haben den Coach angemacht: "Hey, hau ab!" Sie haben ihm den Stinkefinger gezeigt, so nach dem Motto: Ich mach hier, was ich will", erzählt er im "Tagesspiegel".

Drogen, Alkohol, Kriminalität. Das Team ist talentiert, scheitert aber an sich selbst: " Von der Einstellung zum Basketball und zum Profisport war es nicht das, was ich mir vorgestellt habe und wo ich weitermachen wollte." Verletzungen kommen dazu, er sattelt um und kommt wieder von der Bank. 2000 scheitern die Blazers knapp am späteren Champion aus Los Angeles.

Absprung geschafft

Mit 38 beendet Schrempf seine Karriere - nach den Erfahrungen in Portland kein Wunder, selbst wenn er sagt, dass er noch ein paar Jahre hätte spielen können. Aber er will seine Frau Mari und die zwei Söhne nicht aus Seattle entwurzeln. Dort lebt er bis heute, sattelt auf den Finanzsektor um und arbeitet mittlerweile bei einer milliardenschweren Investmentfirma.

Im Nordwesten der USA kennt den 51-Jährigen immer noch jeder: Schrempf ist Fan der Seattle Seahawks und betreibt seit 18 Jahren eine Stiftung, die mittlerweile schon fast 15 Millionen Dollar für Kinderhilfswerke gesammelt hat. Seine Gastauftritte in der Comedy-Serie "Parks and Recreations" sind Kult, bei "Twitter" ist er sehr aktiv.

Dem Basketball ist er weiter freundschaftlich verbunden. Schrempf veranstaltet sein eigenes Camp und ist viel unterwegs, auch für die NBA. Aber der Abschied der SuperSonics hat auch bei ihm ein großes Loch hinterlassen.

Heimat gewonnen, Sonics verloren

"Ich denke nicht, dass sie das Team gestohlen haben", meint Schrempf, der von 2006 bis 2008 als Assistant Coach für die Sonics gearbeit hatte - bis zu ihrem Umzug. "Wir haben es vielmehr selbst aus der Hand gegeben. Unsere Führung, unsere Politiker. Wir haben Mist gebaut." Die Oklahoma City Thunder hat er nicht adoptieren können, wie so viele Sonics-Fans: "Das hat mit Seattle nichts mehr zu tun. Es gibt keine Tradition. Es ist ein vollkommen neues Team in einer anderen Stadt."

Seine Stadt ist dagegen Seattle, seine Heimat mittlerweile die USA. Zwei Drittel seines Lebens hat er dort verbracht, nachdem er den amerikanischen Pass beantragte, wurde der deutsche "vor meinen Augen zerschnitten". Nach 71 Länderspielen und zwei Olympia-Teilnahmen hat er sich weiter von Deutschland entfernt, als es bei einem Dirk Nowitzki jemals möglich scheint. Es hatte sich angedeutet: Schon 1996 war sein Deutsch nicht mehr akzentfrei.

"Dirk wird viel besser werden als ich"

Den Staffelstab des deutschen NBA-Athleten hat er an Dirk übergeben, der damit Höhen erklimmen konnte, die Schrempf nicht vergönnt waren. Es mutet fast poetisch an, dass Nowitzki sein erstes NBA-Spiel am 5. Februar 1999 gegen die Seattle SuperSonics bestritt. Und gegen Detlef Schrempf. "Detlef war sehr nett", erzählt Nowitzki. "Er hat mir seine Nummer gegeben und gesagt, dass ich ihn jederzeit anrufen kann. Daran werde ich mich immer erinnern."

Schrempf, der mit Nowitzki noch in losem Kontakt steht, erinnert sich vor allem an das Talent seines "Nachfolgers". Schon früh wusste er: "Dirk wird viel besser werden als ich." Denn der habe von Beginn an grünes Licht von seinen Coaches bekommen. "Er darf auf dem Platz machen, was er will. Werfen, wan und von wo er will."

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Vielleicht klingt in dieser Aussage auch ein kleines bisschen Wehmut durch. Zu Schrempfs Zeiten war das Spiel ein anderes. Strukturierter, enger. So ist es vielleicht zu erklären, dass er in seiner Karriere trotz einer Downtown-Quote von 38,4 Prozent (besser als die von Nowitzki!) nur dreimal mehr als zwei Dreier pro Spiel nahm.

Dennoch: Nach 16 Jahren, 15.761 Punkten und über 7.000 Rebounds ist Schrempf zufrieden und mit sich im Reinen. Er hat den Übergang in die zweite Karriere nach dem Basketball geschafft - und er hat der nachfolgenden Generation den Weg in die NBA gezeigt. Wenn man den Mann mit der markanten, tiefen Stimme heute sieht, hat er sich kaum verändert: Groß, athletisch. Vielleicht die eine oder andere Falte mehr.

Nur der Bürstenschnitt. Der ist verschwunden.

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