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Not in my House!

Von Sebastian Hahn
Dienstag, 16.09.2014 | 18:13 Uhr
Dikembe Mutombo wedelte nach einem erfolgreichen Block immer mit dem Zeigefinger
© getty
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Er war nach Hakeem Olajuwon vielleicht der beste Afrikaner aller Zeiten in der NBA und erhob das Blocken zur Kunstform. Selbst mit 41 Jahren übte Dikembe Mutombo noch eine derartige Präsenz in der Zone aus, dass viele Spieler aus Angst vor ihm nicht zum Korb zogen. Die Zone war sein Hoheitsgebiet. Oder wie er es nennen würde: the House of Dikembe Mutombo.

Shawn Kemp weiß nicht mehr weiter. Immer wieder zieht das Athletik-Monster der Seattle SuperSonics gegen die Denver Nuggets zum Korb, immer wieder wird er von dieser afrikanischen Bohnenstange mit Albatross-Spannweite abgeräumt. In keiner der fünf Partien gegen die an Acht gesetzten Nuggets kann Kemp mehr als 19 Punkte erzielen. Seine Wurfquote von 36,8 Prozent ist ebenfalls unterirdisch.

Auf Seiten der Nuggets dagegen ist die Freude groß. Als erstes achtgesetztes Team schafft man 1994 den Upset gegen den Top-Seed, trotz eines 0-2-Serienrückstand, trotz eines fehlenden Superstars. Dafür springt Dikembe Mutombo in die Bresche - der Spieler, der Kemp zur Weißglut treibt. 31 Blocks verzeichnet der Kongolese in fünf Spielen - ein Rekord, der bis heute Bestand hat.

Der Sieg gegen die Sonics war zugleich auch die Geburtsstunde des zweiten afrikanischen Stars in der NBA. Zudem wurde Mutombos Signature Move zu einem Klassiker. Der Finger Wag ist bis heute eine der markantesten Gesten der Liga-Geschichte.

Rejection Row

Dass Mutombo überhaupt einmal mit dem orangen Leder sein Geld verdienen würde, ist nur wenige Jahre zuvor kaum abzusehen. 1988 kommt er nach Washington, um an der Georgetown University zu studieren. Der Kongolese spricht nur gebrochen Englisch, eigentlich wollte er Medizin studieren und Arzt werden. Hoyas-Coach John Thompson grätscht aber dazwischen und verpflichtet den 22-Jährigen für das Basketball-Team.

Thompsons Traum: Mutombo soll gemeinsam mit Frontcourt-Kollege Alonzo Mourning in die Fußstapfen von Patrick Ewing treten, der das College 1985 in Richtung New York Knicks verlassen hatte. In der Regular Season ging der Plan zunächst auf. Mourning und Mutombo dominierten unter den Körben, die Hoyas gewannen die Big East Conference.

"Sie sind wie eine große Wand. Eine Wand mit Armen, die die Würfe der armen Schützen blockt. Selbst wenn die Gegenspieler noch mit ihren Fakes erfolgreich sind, werden sie immer noch geblockt", schrieb die "L.A. Times" im Februar 1989.

Die Fans feiern ihre "Rejection Row" und breiten bei jedem Heimspiel in Plakat mit der Silhouette einer blockenden Hand aus. Im NCAA Tournament muss man sich im Elite Eight aber dennoch den Duke Blue Devils beugen.

Let's do the Finger Wag!

Zwei weitere Jahre absolviert Mutombo noch unter Thompson in Georgetown, ehe er den Schritt in die NBA wagt. Lange muss sich der Kongolese am Draft-Abend nicht gedulden. Bereits an vierter Stelle schlagen die Denver Nuggets zu. Mutombo soll den Abgang von Blair Rasmussen kompensieren, der im Vorjahr noch für die Mannschaft von Dan Issel gestartet war.

Und Mutombo macht direkt im ersten Jahr das, was er am besten kann: Defense spielen. Drei Rejections im Schnitt sammelt Mount Mutombo in seiner Rookie-Saison, hinzu kommen starke 16,6 Punkte und 12,3 Rebounds in etwas mehr als 38 Minuten. Dennoch sind die Nuggets weiterhin schlecht und verpassen als Elfter im Westen klar die Playoffs.

Es dauert bis 1994, bis Mutombo mit den Nuggets erstmals die Playoffs sieht. Es kommt die Serie gegen die Sonics - und plötzlich ist Mutombo der neue Star in Denver. Völlig unverhofft. Sein Finger Wag läuft in sämtlichen Highlight-Shows bei "ESPN" und Co. rauf und runter.

Warum Mutombo plötzlich damit anfängt, mit dem Zeigefinger zu wackeln und im Anschluss ein "Not in my house" in Richtung Gegner nachzulegen? "All die anderen NBA-Spieler mit guten Stats hatten ihren Signature Move, nur ich nicht. Also habe ich mir gedacht: Ich brauche auch so etwas", erklärte Mutombo später. Die Masche zieht, schon bald erhält der 28-Jährige seinen ersten Signature-Sneaker.

Defensive Ausnahmeerscheinung

1995 wird dann beinahe logischerweise Mutombos individuell erfolgreichste Saison. Er führt die NBA zum zweiten Mal in Folge bei den Blocks an (3,9), wird zum zweiten Mal nach 1992 zum All-Star-Game eingeladen und räumt auch erstmals den Defensive-Player-Of-The-Year-Award ab. In den Playoffs ist mit Denver in Runde eins gegen die Spurs allerdings bereits nach drei Spielen Schluss.

Im Folgejahr wird es noch schlimmer: Die Nuggets verpassen nach zwei Spielzeiten erstmals wieder die Playoffs - und Mutombo unterschreibt als Free Agent in Atlanta. Auch bei den Hawks ist der mittlerweile 30-Jährige weiterhin die defensive Ausnahmeerscheinung, im Anschluss an die Regular Season darf er zum zweiten Mal die Trophäe des besten Verteidigers der Liga in die Höhe stemmen.

In den Playoffs reicht es aber erneut nicht für mehr als die zweite Runde, Michael Jordan und die Bulls machen in fünf Spielen kurzen Prozess mit Atlanta. Auch in den kommenden Jahren bleibt dieses Bild im Bezug auf Mutombo haften. Mehr als die zweite Runde im Lockout-Jahr 1999 ist nicht drin, 2000 verpasst man als 14. im Osten sogar komplett die Playoffs.

Mutombo selbst ragt aus dem eher durchschnittlichen Hawks-Kollektiv weiterhin heraus, gewinnt ein weiteres Mal den DPOY-Award und wird abgesehen von 1999 in jedem seiner Jahre in Atlanta All-Star.

Mehr als Basketball

Abseits des Courts plagen Mutombo dagegen andere Sorgen. In der Demokratischen Republik Kongo tobt der Bürgerkrieg, im Sommer 1998 versuchen Rebellen die Haupstadt Kinshasa einzunehmen - wo auch Mutombos Familie lebt. Die Mutter des Centers leidet an hohem Fieber und muss zu dieser Zeit ins Krankenhaus, dort schickt man sie aber wieder nach Hause. Es gibt weder genügend Personal noch Elektrizität.

Kurz darauf stirbt die 63-Jährige, während Mutombo als Vizepräsident der Spielervereinigung NBPA mit der Liga versucht, den anstehenden Lockout zu verhindern. Die Tage danach sind wohl die schlimmsten seines Lebens. Natürlich will er sofort nach Hause reisen, um bei der Beerdigung seiner Mutter vor Ort zu sein.

Sein Vater widerspricht ihm aber: " Er meinte, ich soll in den USA bleiben. Er will keinen weiteren Verlust in der Familie so kurz nach dem Tod meiner Mutter", erklärte Mutombo am Rande eines Charity Games der "Seattle Times".

Im Schatten von AI

Nachdem es auch auf dem Court nicht mehr läuft, wird er zur Trading-Deadline 2001 nach Philadelphia verschifft. Die 76ers schicken im Gegenzug den verletzten Theo Ratliff nach Atlanta. Da man in diesem Jahr mit den Finals liebäugelt, möchten die Sixers auf der Fünf schlicht mit den Spurs und Lakers mithalten können. Mount Mutombo soll Shaquille O'Neal und Tim Duncan in Schach halten, sollte man soweit kommen.

Und tatsächlich: Mutombo räumt unter dem eigenen eigenen Korb auf, sammelt 12,4 Rebounds im Schnitt und blockt 2,5 Würfe pro Spiel. Scoren muss der Kongolese gar nicht, schließlich ballert ein Allen Iverson in MVP-Form jeden Ball auf den Korb, den er in die Finger bekommt. Die Würfe, die nicht reingehen, schnappt sich Mutombo zuverlässig (4,6 Offensiv-Rebounds im Schnitt).

In den Finals ringt man den favorisierten Lakers zum Auftakt einen Sieg ab, Mutombo glänzt gegen O'Neal und Co. mit fünf Blocks. Danach bricht der Diesel aber über ihn herein. Philly gewinnt kein einziges Spiel mehr, Shaq wird zum Finals-MVP gewählt. Dass Mutombo zum vierten Mal als bester Verteidiger ausgezeichnet wird, ist nur ein schwacher Trost.

Back to the Finals

Zwei Jahre später kommt Mutombo noch einmal dem Ring gefährlich nahe, bei den New Jersey Nets ist er aber nicht mehr in der Form von 2001. Gegen Boston verletzt er sich zudem im ersten Spiel der zweiten Runde und muss bis zu den Finals aussetzen.

Dort kann er aber nicht mehr den entscheidenden Impuls setzen, insgesamt steht er nur 11,5 Minuten im Schnitt auf dem Feld. Die Nets verlieren mit 2-4.

Nach einem einjährigen Intermezzo bei den Knicks will der immerhin schon 38-Jährige doch noch einmal nach dem Ring greifen und schließt sich den Rockets an. In Houston heißen die Stars Tracy McGrady und Yao Ming, Mutombo soll den Backup des chinesischen Riesens geben.

Bis 2008 schaffen es die durchaus talentierten Rockets aber nicht, die erste Runde zu überstehen. Zu Jahresbeginn 2009 verletzt sich dann auch noch Tracy McGrady schwer, die Saison ist für den Star beendet. Im Anschluss entwickelt sich bei den Rockets aber einer "Jetzt-erst-recht"-Atmosphäre. Mutombo wird quasi aus dem Fast-Ruhestand reaktiviert, absolviert neun Spiele und wird zum "Vater" der Mannschaft.

Zum Aufhören gezwungen

Die Rockets gewinnen 22 Spiele in Folge und schnappen sich gegen die Trail Blazers die erste Playoff-Serie seit 1997. Im ersten Spiel zeigt Mutombo mit neun Rebound und zwei Blocks, dass er es mit 42 Jahren immer noch einiges zu leisten im Stande ist.

im zweiten Spiel kommt der Kongolese jedoch unglücklich auf - das Knie ist kaputt. Unter Tränen verkündet er wenige Wochen später sein Karriereende. Nach 18 Saisons in der NBA. Die Rockets schaffen beinahe den Upset gegen die Lakers und zwingen diese sogar in ein Spiel sieben, nach einer Verletzung von Yao Ming sind die Playoffs für Houston jedoch beendet.

House of Mutombo

Mutombo hat mit seinem defensivorientierten Spiel die NBA geprägt. Er erhob den Block zur Kunstform, selbst Michael Jordan ließ sich vom Kongolesen reizen und wackelte nach einem Dunk über Mutombo mit dem Finger. Zwischenzeitlich wetteiferten die Superstars der Liga sogar darum, wer zuerst über den Center dunkt. In vielen anderen Sportarten hat der Finger Wag mittlerweile auch Einkehr gefunden.

Der heute 48-Jährige rangiert auf Platz zwei der All-Time-Liste für Blocks, nur Hakeem Olajuwon hat den Ball öfter an seinen Absender zurückgeschickt. Mit seiner unverkennbaren, tiefen Stimme lässt Mutombo seine Karriere Revue passieren. Und macht eines klar: So leicht kommt niemand in das House of Mutombo.

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