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NBA

Mann ohne Emotionen

Von Gregor Haag
Steven Adams könnte bei den Thunder der Big Man der Zukunft sein
© getty

OKC draftete 2013 mit Steven Adams ein Langzeitprojekt. Doch der Neuseeländer hat nicht zuletzt in den Playoffs gezeigt, dass er das Centerproblem der Thunder bald beheben könnte.

Steven Adams ist in jeder Hinsicht ein besonderer Basketballer. Das fängt damit an, dass er aus Neuseeland stammt. Er ist der erste "Kiwi", der in der ersten Runde gedraftet wird. Auch sein Verhalten ist besonders: Als er in der ersten Playoff-Runde gegen Memphis mit Zach Randolph aneinandergerät und dieser ihn unsanft schubst, macht der 20-Jährige einen Ausfallschritt und verzieht keine Miene.

Zu guter Letzt stört es ihn - in der NBA auch völlig atypisch - nicht sonderlich, wie er öffentlich wahrgenommen wird. In den Interviews beim Media Day vor dem Draft 2013 wirkt er, anders als die meisten anderen Talente, sehr locker, fast schon gelangweilt, und antwortet fast auf alle Fragen grinsend. Es scheint, als wäre es ihm egal, was die Leute von ihm wissen wollen und was von ihm erwartet wird - der Junge will einfach nur Basketball spielen und sein Land in der NBA repräsentieren.

Aber so ist Steven Adams. Auf dem Court ein Eisklotz, abseits davon lustig und gut gelaunt. Und diese Leichtigkeit des Seins hat einen Grund: Stevens besonderen Werdegang.

Harte Kindheit

Am 20. Juli 1993 erblickt er im 50.000-Einwohner-Kurort Rotorua auf der Nordinsel Neuseelands das Licht der Welt. Sein Vater ist Engländer, seine Mom stammt vom Inselstaat Tonga. Wie seine 17 Geschwister (!), die alle überdurchschnittlich groß und kräftig sind, bekommt Steven die Anlagen für Profisport in die Wiege gelegt. Seine Schwester Valerie ist viermalige Weltmeisterin und zweifache Olympiasiegerin im Kugelstoßen, sein Bruder Warren war neuseeländischer Basketballnationalspieler. Doch wie viele Kids hat er lange andere Dinge im Kopf, zumal ihn der Tod seines Vaters 2006 völlig aus der Bahn wirft.

"Das war ein schwerer Schlag", sagt Adams. "Ich erfuhr keine elterliche Führung mehr und nutzte das aus - ich war ein dummer Idiot. Ich ging nur zur Schule, wann ich wollte. Meine Geschwister habe ich deswegen immer angelogen." Doch der Tod seines Dads verändert in doppeltem Sinne sein Leben. Denn Bruder Warren übernimmt die Vaterrolle, holt Steven zu sich in die Hauptstadt Wellington, steckt ihn in eine Basketball-Akademie, gibt ihn in die Obhut seines ehemaligen Vormunds Blossom Cameron und rettet ihn so vor dem Leben auf der Straße.

"Er war ein 2,08 Meter großes, 15-jähriges, überaus wildes Kind, konnte kaum lesen und schreiben", sagt Cameron. Doch Warren und sie schaffen es, Steven für Basketball zu begeistern. Und sie bringen Adams dazu, am Scots College intensiv für eine schulische Ausbildung zu arbeiten. Mit Erfolg! Der Youngster spielt eine Saison beim Erstligaclub Wellington Saints und bekommt Stipendien von US-Colleges angeboten.

Ab Dezember 2011 besucht er die bekannte Privatschule Notre Dame Prep School, ehe er im Sommer 2012 an die University of Pittsburgh wechselt. Für die Panthers legt er in nur 23,4 Minuten 7,2 Punkte, 6,3 Boards und 2,0 Blocks pro Partie auf. Solide Stats für einen Freshman. Vor allem für einen, dessen Spiel noch so unausgereift ist wie das von Steven. Die Scouts sehen sein Potenzial, prognostizieren aber, dass der "Kiwi" noch mehrere Jahre am College reifen muss. Doch Adams hat andere Pläne und meldet sich zum Draft 2013 an. Die Experten sind überrascht, doch nach starken Workouts picken ihn die Thunder tatsächlich an zwölfter Stelle.

Ungeschliffener Diamant

Der heute 20-Jährige überzeugt mit starker Athletik und einem Körper, der mit 2,13 Metern und 116 Kilo Muskeln perfekte Maße für einen NBA-Center aufweist. Seine Stärken sind harte Screens, kraftvolle Dunks, starke Verteidigung beim Pick-and-Roll, erstaunlich schnelle Füße in der Defensive und gutes Offensiv-Rebounding. Außerdem ist der Koloss ein starker Shotblocker, in den Playoffs verbucht er in nur 18,4 Minuten im Schnitt 1,3 "Swats".

Doch wenn es um die Offensive geht, kann man mit Steven Adams (noch) keinen Trumpf landen. 2013/14 lieferte er gerade einmal 3,3 Punkte pro Partie, was vor allem an seinen wenig bis gar nicht vorhandenen Postmoves liegt: Wenn er mit dem Rücken zum Korb steht, ist der Big Man so gefährlich wie eine Schmeißfliege und wirkt oft unbeholfen. Es fehlt ihm in vielen Bereichen an den Basics. So verliert er etwa defensiv noch zu viele Box-outs. In den Playoffs hat er neben Dunks aber auch schon ab und an einen soliden Baby-Hook gezeigt. Eine gute Entwicklung ist definitiv zu erkennen!

Vielversprechendes Projekt

Der Fan von Marc Gasol ist also noch längst kein etablierter NBA-Big-Man, hat aber alle Anlagen dazu, was unter anderem die Pistons in Form von 17 Zählern, zehn Rebounds und drei Blocks bei ihrer 110:119-Heimpleite zu spüren bekamen. Ja, Steven Adams hat das Zeug, in der NBA eine gute Rolle zu spielen, dafür muss er aber auch noch konstanter werden.

Und dann wäre da noch die Sache mit seinem gleichgültigen Auftreten. Fehlt ihm der Killerinstinkt? Der absolute Siegeswille? Diese Fragen lassen einige Experten zögern, wenn es um die Zukunft des Neuseeländers geht. Kevin Durant ist da anderer Meinung. "Du bist eine großartige Persönlichkeit und bedeutest mir sehr viel - bleib so, wie du bist!", sang "KD" bei seiner MVP-Rede eine Lobeshymne. Denn trotz seines emotionslosen Auftretens bringt "Big Kiwi" seine Leistung, spielt sein Spiel in aller Ruhe. Und Coach Scott Brooks vertraut Steven, der es ihm mit guten Performances wie in den Playoffs dankt.

So könnte Adams schon bald Kendrick Perkins als Starter ablösen und mit Serge Ibaka das neue Big-Men-Duo bilden. Auch wenn er noch ein Rohdiamant ist, dieser besondere Typ hat das Potenzial und die Anlagen, in naher Zukunft ein besonderer Spieler zu werden.

Scouting Report

Stärken: Sehr physischer, athletischer Big Man mit kräftigem Körper. Gutes Gespür beim Shotblocking und Offensiv-Rebounding. Stellt gut harte Screens. Trotz seines Alters schon mit solider Defense beim Pick-and-Roll. Gute Fußarbeit. Schließt in der Transition sehr effektiv ab. Kaum aus der Ruhe zu bringen.

Schwächen: Offensiv stark limitiert, was sich vor allem am überschaubaren Arsenal an Postmoves zeigt. Setzt seine Athletik nicht effektiv ein und wird zu oft geblockt. Zudem fehlen noch "Fundamentals" in der Verteidigung sowie beim Ausboxen. Und: Seine Freiwurfquote ist stark ausbaufähig (58,1 %)!

Fazit: Adams bringt alles mit, um ein (zumindest defensiv) dominanter Big Man zu werden, aber dafür muss er noch viel tun. Sowohl offensiv als auch in der Defense hat der unerfahrene Youngster noch viel Luft nach oben.

Der Artikel erscheint in der BASKET 07/2014

Steven Adams im Steckbrief

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