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Let it Reign

Von Max Marbeiter
Sonntag, 25.05.2014 | 13:25 Uhr
Shawn Kemp zählt zu den spektakulärsten Fliegern der NBA-Geschichte
© getty
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Shawn Kemp zählt zu den spektakulärsten Spielern der NBA-Geschichte, sein Coach bezeichnete ihn einst sogar als besser als Michael Jordan. Diverse Eskapaden verhinderten jedoch eine größere Karriere des Reign Man.

In den 90ern gab es eine goldene Regel. Standen die Chicago Bulls in den Finals, übernahm Michael Jordan. MJ entschied Spiele, er entschied Serien, insgesamt sechs Mal. Kurz: Er war der beste Spieler eines jeden Finals-Auftritts seiner Bulls, der MVP. Immer. Immer? "Er war der beste Spieler auf dem Court. Niemand kann etwas anderes behaupten", sagte George Karl, nachdem seine Sonics Chicago in sechs Spielen unterlegen waren.

Nur meinte er damit nicht Jordan, Karl sprach von Shawn Kemp. Zugegeben, es wäre nichts Neues, dass der eigene Coach einen seiner Schützlinge ein wenig zu sehr in den Himmel lobt. Vielleicht tat Karl das auch. Ganz sicher stand er mit seiner Meinung jedoch nicht allein da. 23 Punkte und 10 Rebounds legte Kemp während der Finals auf und traf dabei 55 Prozent seiner Würfe. Der Reign Man dominierte. Dank seiner Athletik, dank seiner Power, die eigentlich sogar bis heute ihresgleichen sucht.

Zum Titel reichte es dennoch nicht. Die Bulls anno 1996 hatten in jenem Jahr schließlich nicht umsonst als einziges Team der Geschichte die magische 70-Siege-Marke geknackt. Dass das Überteam nach einer scheinbar sicheren 3:0-Führung doch noch einmal alles mobilisieren musste, die Serie am Ende über sechs Spiele ging und Seattle Chicago alles abverlangte, lag neben Gary Paytons herausragender Defense gegen Jordan größtenteils an Shawn Kemp.

Von der Schwester inspiriert

Dabei deutete beim späteren Überathleten in jungen Jahren relativ wenig auf eine schillernde Karriere in der besten Basketballliga der Welt hin. Nicht weil er in Elkhart aufwuchs - Indiana und Basketball gehören schließlich zusammen wie John Stockton und aufreizend kurze Shorts - nein, Kemps Beine hielten nicht mit seinem Wachstum Schritt. An Knien und Knöcheln musste er Schienen tragen.

Wäre seine Schwester Lisa nicht gewesen, Kemp hätte vielleicht nie diese Leidenschaft für das Spiel entwickelt, die ihn schlussendlich zum sechsmaligen All Star und Weltmeister machen sollte. "Sie hat alles möglich gemacht", sagte Kemp einst. "Sie hat mir beigebracht zu spielen."

Offensichtlich mit Erfolg. Denn immerhin mutierte Kemp während seiner Zeit an der Concord Highschool zur größten Attraktion auf den Courts im Staate Indiana. Der Reign Man war zwar noch nicht geboren, Kemps unglaubliche Athletik hob ihn jedoch bereits damals von der Masse ab. So sehr, dass die Concord Minutemen während des Senior-Jahres ihres Power Forwards in eine größere Halle umzogen, um dem Zuschauerandrang Herr zu werden.

Bobby Knight blitzt ab

Selbst Bobby Knight hatte mittlerweile Notiz genommen. Angeblich setzte die Coaching-Legende alles daran, Kemp zu seinen Indiana Hoosiers zu lotsen. Der entschied sich jedoch für die University of Kentucky und damit für den unbequemen Weg. Indianas größtes Talent nicht an der Indiana University. Eigentlich undenkbar! Nicht wenige vermuten, dass Kemp, den Toronto-Coach Dwane Casey, damals Assistent in Kentucky, als "besten Highschool-Spieler" bezeichnete, den er je gesehen hatte, deshalb nicht zu Indianas Mr. Basketball gekürt wurde.

Eigentlich ebenfalls undenkbar, bei weitem jedoch nicht Kemps größtes Problem. Da er beim College-Aufnahmetest nicht die erforderliche Punktzahl erreicht hatte, wurde er nämlich für sein erstes Jahr in Kentucky gesperrt. "Shawn ohne Basketball, das einzige, das er liebte, am College zu haben, war, denke ich, ein großer Fehler", schilderte Kemps Highschool-Coach Jim Hahn die Problematik.

Hahn sollte Recht behalten. Kaum bei den Wildcats angekommen, wurde Kemp beschuldigt, seinem Mitspieler Sean, noch dazu dem Sohn von Coach Eddie Sutton, zwei Goldketten geklaut zu haben. Angeklagt wurde der Junior zwar nie, seine Zeit in Kentucky war dennoch beendet, ehe sie richtig begonnen hatte.

Nach nur einem Semester bei den Wildcats, ohne auch nur ein Spiel absolviert zu haben, folgte der Wechsel ans Trinity Valley Community College. Nicht gerade der Weg eines der größten Talente der Landes, richtig? Richtig! Und deshalb hielt sich Kemp auch gar nicht erst lang in Texas auf.

Kemp? "Boooo"!

Mittlerweile schreiben wir das Jahr 1989: "With the 17th Pick, the Seattle SuperSonics select: Shawn Kemp of Trinity Valley Community College." 14 Jahre war es her, dass Commissioner David Stern einen Namen aufrief, der zuvor noch auf keinem College-Scoreboard zu lesen gewesen war. Kemps Vorgänger: Moses Malone. Sicherlich nicht die schlechteste Blutlinie.

Jubelstürme wollten rund um Seattle dennoch nicht aufkommen. Stern hatte "Shawn Kemp" noch nicht einmal ausgesprochen, da hallte bereits ein langgezogenes "Boooo" durch den Draftroom. Neue Stadt. Neues Umfeld. Ein Jahr lang kein Spiel. Und dann nicht einmal willkommen. Keine optimalen Voraussetzungen für einen Rookie, dessen Spiel noch dazu sehr roh daherkam.

Tatsächlich bedurfte es einer Saison plus der Fittiche des Xavier McDaniel, ehe Kemp in seiner zweiten Spielzeit förmlich explodierte. Aus 6,5 Punkten im Schnitt wurden 15, aus 4,3 Rebounds 8,4 Boards. Immer mit dabei: Unglaubliches Power-Play und krachende Tomahawk-Dunks, Kemps Markenzeichen. So krachend, dass ein Filmplakat Seattles Ansager Kevin Calabro inspirierte, Kemp endlich den Spitznamen Reign Man zu verpassen.

"Als ergieße sich Regen"

Einen Spitznamen, der nicht passender hätte sein können. Auf dem Court war Kemp eine Naturgewalt. Er sprintete den Court auf und ab wie kein andere Big Man. Allzu optimistische Verteidiger erhielten nicht selten einen Termin beim Posterfotografen. Allen voran Alton Lister, der während der Playoffs 1992 Nebendarsteller in des Reign Mans vielleicht denkwürdigster Dunk-Vorstellung wurde.

"Ich werfe den Ball hoch und danach ist es, als ergieße sich Regen aus dem Himmel." Gary Payton, der 1990 zu Kemp und den Sonics stieß, hatte die Vorzüge seines neuen Teamkollegen schnell erkannt. Gemeinsam mit dem Reign Man bildete The Glove eines der spektakulärsten Duos der 90er.

Um die beiden Superstars im Frühstadium baute George Karl nach seiner Rückkehr von Real Madrid schließlich das atypischste Team des Jahrzehnts. Wo andere Teams das Zentrum ihrer Offense häufig in den Lowpost verschoben, liebte Seattle das Transition-Spiel.

Gegnerische Flügel wurden häufig getrappt, der schnelle Ballverlust erzwungen, um ins Laufen zu kommen und den Rest Payton und Kemp erledigen zu lassen. Doch die Sonics waren nicht nur spektakulär, sie entwickelten sich auch zusehends zu einem der dominierenden Teams der Western Conference.

Trauma Denver

1992 gelang gegen Golden State noch die Sensation, '93 verlor man denkbar knapp gegen Charles Barkley und die Phoenix Suns, ehe Seattle 1994 als bestes Team im Westen in die Playoffs ging. 63 Spiele wurden in der Regular Season gewonnen, drei weitere waren gegen Denver fest eingeplant. Gerade nach den beiden souveränen Auftaktsiegen.

Doch alles kam anders. Plötzlich lag Dikembe Mutombo überglücklich auf dem Parkett der Key Arena und wollte den Ball gar nicht mehr hergeben. Den Nuggets war tatsächlich das Comeback gelungen. Seattle, die Nummer eins war ausgeschieden. Negative Stimmen wurden laut. Die Sonics könnten mit Unwägbarkeiten nicht umgehen, hieß es.

Gerüchte um Pippen-Trade

Dass der Superstar des Teams von derlei Kritik nicht ausgenommen war, überraschte kaum. Dass wenig später Gerüchte aufkamen, die Sonics und Bulls würden einen Trade um Kemp und Scottie Pippen diskutieren, schon eher. "Das hat mich schon getroffen", erklärte der Reign Man hinterher.

Erste Risse entstanden, die in den Folgejahren trotz der Finals-Teilnahme von '96 noch tiefer werden sollten. Im Fokus: Wie so oft, das liebe Geld. Kemps Vertrag war noch unter alten Gehaltsbedingungen - sprich, bei kleinerem Salary Cap - ausgehandelt worden. Kemp bat um eine Gehaltserhöhung, vielleicht forderte er sie auch. Bekommen hat er keine.

McIlvaine, der Anfang vom Ende

Das allein zu akzeptieren, fiel Kemp nicht leicht. Schier unerträglich wurde es jedoch, als die Sonics Jim "You can't teach height" McIlvaine mit einem 33 Millionen-Dollar-Vertrag ausstatteten. Zur Einordnung: Kemp hatte in den Jahren zuvor in den Playoffs zunächst Hakeem Olajuwon dominiert, dann Karl Malone und schließlich trotz der freundlichen Bewachung eines Dennis Rodman in den Finals geglänzt. McIlvaine war - einfach groß.

Der Reign Man kochte, der Streit eskalierte und gipfelte in einem Trade, der Kemp zu den Cleveland Cavaliers und seinem Abstieg ein gutes Stück näher brachte. Gewichts-, Drogen- und Alkoholprobleme, ein Kokainentzug. Dazu mindestens sieben Kinder von sechs unterschiedlichen Frauen. Nicht mehr der Reign Man, Shawn Kemps Eskapaden beherrschten die Schlagzeilen.

Von Cleveland ging es nach Portland, nach Orlando und schließlich nach Italien. Den alten Shawn Kemp bekam jedoch niemand mehr zu sehen. Ein letzter Comeback-Versuch 2006 ging schief. Kemps Eskapaden verbauten ihm eine größere, längere Karriere. Nach dem Umzug der Sonics nach Oklahoma City wird auch sein Trikot nicht retired werden.

Zufrieden wirkt Kemp dennoch. Er lebt mittlerweile in Seattle und betreibt dort erfolgreich ein Restaurant. "Ich habe herausgefunden, dass du, wenn etwas schief läuft, den Fehler nicht bei anderen suchen sollst", sagt er. "Es ist liegt immer an dir." Worte, die mindestens so faszinierend sind, wie die Flugeinlagen des Reign Man.

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