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Leben und Wirken in L.A.

Von David Digili
Samstag, 16.09.2017 | 13:10 Uhr
Elgin Baylor verbrachte seine gesamte aktive Karriere bei den Minneapolis und L.A. Lakers
© getty
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An Elgin Baylor erinnern sich NBA-Fans wahlweise als überragenden Spieler der Lakers oder glücklosen GM der Clippers. Dabei hat der heute 83-Jährige den Basketball in Los Angeles fast 40 Jahre lang entscheidend mitbestimmt - und musste dabei verschiedenste Hürden bewältigen. Wir blicken auf die Karriere des Forwards zurück.

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 5. April 2014.

Der Basketball der NBA wird gerne unterteilt in die "Big Market Teams" und den Rest der Liga. Teams aus kaufkräftigen Metropolen sehen sich stets in der Pflicht, um Titel mitzuspielen, haben ein Selbstverständnis als Publikums- und Starmagnet.

New York, Chicago, Los Angeles. Städte mit großer Basketballkultur, mit prägenden Figuren, die ihre Teams auf der Landkarte des Sports erst festgesetzt haben. Michael Jordan in der "Windy City", die Knicks-Meisterteams der frühen 70er. Namen, die jedem Fan in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Auch L.A. hat diese prägende Figur, doch die ganz große Anerkennung ist ihr bis heute verwehrt geblieben - und das, obwohl Elgin Baylor den Basketball in "Tinseltown" fast ein halbes Jahrhundert lang entscheidend mitbestimmt hat, erst als Spieler für die Lakers, dann als General Manager der über lange Zeit notorisch schwachen Clippers. Hoops in L.A. ohne Baylor?

Unvorstellbar, wenn man will, würde Mount Rushmore in Kalifornien bestehen aus Magic, Kareem, Kobe - und dem langjährigen Lakers-Forward, der nicht nur einer der härtesten Arbeiter der NBA-Geschichte war, sondern auch einer ihrer tragischen Helden.

Erste Schritte in D.C.

Baylor wächst in Washington, D.C. auf, schon seine zwei älteren Brüder Sal und Kermit spielen Basketball, dass der junge Elgin ebenfalls dazu kommt, schien ein Selbstläufer. An der Springarn High School scort er nach Belieben, Probleme aber bereitet das Leben abseits von Korblegern, Rebounds und Assists.

Als Afroamerikaner in der damaligen Zeit ist auch er ein Opfer des widerwärtigen Rassismus, der viele Teile des Landes mit seiner lähmenden, zersetzenden Menschenverachtung tief im Sumpf von sinnlosem Wahn und Alltagsdiskriminierung hält. Im Bildband "Hoops: The American Dream" erinnert er sich, wie die Freiplätze der Region erst spät nachts von Schwarzen bespielt werden durften, wenn die Weißen längst wieder zuhause in der trauten Umarmung ihrer bigotten Familien waren.

Er spielt sich den Frust von der Seele, hier kann er sich verwirklichen, auf den Courts der Hauptstadt, hier ist er jemand, hier erarbeitet er sich Selbstwertgefühl - schlechte schulische Leistungen hätten ihn fast eine College-Karriere gekostet, an die Fakultät in Idaho kommt er über einen Freund, der sich für ihn einsetzt.

Seine sportlichen Leistungen helfen ihm. Auch hier bestimmt er sofort das Geschehen, wird zur Sensation, ehe der Basketball-Coach entlassen und dazu alle Stipendien unwirksam gemacht werden. Baylor steht kurzzeitig vor dem Nichts, ehe er - nach einem Jahr, das er aussetzen musste - an die Seattle University wechseln kann und dort ebenso überzeugt. In seinen insgesamt drei College-Jahren erzielt er 31,3 Punkte im Schnitt.

Chamberlain schaut vorbei

Sein Ruf eilt ihm dermaßen voraus, dass sich ein junger 2,13-Meter-Mann aus Philadelphia auf nach "D.C." macht, um sich mit der Berühmtheit zu messen. Woche für Woche im Sommer 1957, auf verschiedenen Plätzen der Stadt, mal hier, mal dort, Fünf gegen Fünf. Die Welt sieht hier die ersten Duelle von Elgin Baylor - und Wilt Chamberlain. "Das war gar nichts Besonderes, ganz normale Pick-up games", sagt Baylor später. Dass die Duelle aber doch etwas mehr als nur "ganz normale Pick-up games" gewesen sein müssen, bestätigen die vielen Augenzeugenberichte.

"Damals konnte ich gar nicht richtig einschätzen, was da gerade vor meinen Augen passierte", erinnert sich Detroit-Pistons-Legende Dave Bing, der ebenfalls in Washington aufwuchs. "Ich hatte ja noch nie jemanden von Wilts Größe und Statur gesehen. Trotzdem wussten ich und die anderen Zuschauer, dass wir Teil von etwas Besonderem waren. Ich weiß noch, wie alle an den Zäunen standen und wie gebannt auf den Court starrten." Die großen NBA-Karrieren der beiden werfen hier ihre Schatten voraus. Später sollen sie sich wiedertreffen.

Rookie als Lakers-Retter

1958 kommt der 1,96-Meter-Mann als Top-Pick in die Liga, die Lakers - damals noch in Minneapolis - sind so überzeugt vom College-Star, dass sie ihn überreden, sein Senior-Jahr in Seattle zu verwerfen und stattdessen auf die große Bühne zu wechseln. Er erobert sie im Sturm: 24,9 Punkte, 15 Rebounds und 4,1 Assists pro Spiel legt der Neuling auf, über seine gesamte Karriere soll Baylor die Forward-Position prägen.

Mit seiner Vielseitigkeit ist er LeBron vor LeBron, er dominiert mit seiner Physis und Athletik. Den Rookie-of-the-Year-Award nimmt er fast schon im Vorbeigehen mit, die Lakers - im Jahr zuvor noch auf dem letzten Platz im Westen - erreichen die NBA-Finals. Dort sind die Boston Celtics zu stark, es setzt einen Sweep für die wiedererstarkten Lakers.

Doch der unmittelbare Einfluss Baylors griff noch an ganz anderer Stelle, weitestgehend unbemerkt vom Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Ohne das überragende Spiel des Mannes mit der 22 auf dem Trikot hätte es wohl keine Showtime-Lakers und auch kein Duo Shaq-Kobe gegeben.

"Wir standen vor dem Ruin"

"Wenn sich Elgin nicht für uns entschieden hätte - das wäre das Aus für die Franchise gewesen", sagte der langjährige Teambesitzer Bob Short einst im Rückblick. Der große George Mikan hatte seine Karriere beendet, der Kader war nicht mehr konkurrenzfähig, überaltert. "Wir standen vor dem Ruin", bestätigte Short. Doch der Top-Pick reißt das Ruder herum, bildet zusammen mit Jerry West, der 1960 dazukommt, ein kongeniales Duo. Und der Basketball in Los Angeles lebt weiter.

So sehr das Tandem auch brilliert, immer wieder ist in den Finals gegen Boston Endstation. Selbst, als Chamberlain in einem Trade 1968 die Lakers verstärkt, ist Baylor kein Titel vergönnt. Umso tragischer ist das stete Scheitern im Hinblick auf seine Work-Ethic.

Denn Baylor muss unglaubliche Strapazen auf sich nehmen, um NBA-Basketball spielen zu können: Zu Beginn seiner Karriere ist er Reservist der US Army, stationiert im US-Bundesstaat Washington, muss alleine zu jedem Spiel der Lakers fliegen, dabei stets akribisch darauf achten, ja keinen Anschlussflug zu verpassen. Hätte nicht der Großteil der Saisonspiele damals an Samstagen und Sonntagen stattgefunden, es wäre nichts aus der Karriere geworden - die Armee gab nur an Wochenenden frei.

Trotzdem vollbrachte Baylor 1961/62 das Kunststück, 38,3 Punkte, 18,6 Rebounds und fünf Assists pro Spiel aufzulegen - in 48 Saisonspielen. Aus heutiger Sicht, in einer Zeit liebevoll umsorgter, gehegter und gepflegter NBA-Millionäre unvorstellbar.

"Er fügte dem Basketball das 'wow' hinzu"

Ironie des Schicksals, dass das Team prompt im ersten Jahr seines verletzungsbedingten Rücktritts - die Knie machten nach jahrelanger Belastung nicht mehr mit - eine Serie von 33 Siegen in Folge hinlegt und am Ende endlich die Meisterschaft gewinnt. 4:1 heißt es in der Finalserie 1972 gegen die New York Knicks. Der Meisterschaftsring für Baylor - ein schwacher Trost.

Die fehlende Championship soll trotzdem die öffentliche Meinung bestimmen - Experten dagegen wissen um Baylors Einfluss aufs Spiel. "Er konnte einfach alles und war einer der besten Shooter, die der Basketball je gesehen hat", analysiert sein langjähriger Partner West.

23.149 Punkte und Karrierestats von 27,4 Punkten, 13,5 Rebounds und 4,6 Assists pro Spiel, dazu elf All-Star Games, eine All-Star-Game-MVP-Trophäe - Zahlen sprechen Bände und werden Baylor doch nicht gerecht. Er half mit, das Spiel zu verändern, war der vielleicht erste Highlight-Player einer Liga, deren Spiele damals noch fast ausschließlich aus unbeholfenen Jumpshots schlechter Schützen ohne Sprungkraft, Athletik oder Treffsicherheit bestanden. "'Above the Rim' spielte damals nur Bill Russell - bis Elgin kam", erklärt der renommierte US-Sportjournalist Bill Simmons. "Er fügte dem Basketball der NBA das 'wow' hinzu."

22 Jahre bei den Clippers

Jahre später (und nach einem erfolglosen knapp vierjärigen Versuch als Coach der New Orleans Jazz, der 1978/79 mit einer Gesamtbilanz von 86:135 endete) kehrt Baylor zurück nach L.A.. Bei den damals notorisch schwachen Clippers soll er ab 1986 als General Manager Kurs Richtung Erfolg setzen - und scheitert letztlich grandios und in einer Vehemenz, die so wohl unübertroffen in der Liga-Historie ist.

Überragte Baylor als Spieler, so bleiben von seiner Schreibtisch-Laufbahn vor allem dramatische Fehlentscheidungen im Gedächtnis, auch hier bestimmen die Downs über die Ups: Draft-Desaster wie Michael Olowokandi, Darius Miles, Bo Kimble oder Lorenzen Wright machten Baylor zum Gespött von Fans und Fachpresse.

Dass er dafür bei Trades immer wieder ein gutes Händchen bewies und dem Team über die Jahre Dominique Wilkins, Sam Cassell, Ron Harper oder Elton Brand bescherte, wird dabei ebenso ignoriert wie Draft-Steals namens Danny Manning, Lamar Odom, Chris Kaman oder Quentin Richardson.

Nur zwei Fakten bestimmen noch heute die Berichterstattung rund um Baylors Zeit beim "anderen Team aus L.A.": Die katastrophale Siegesbilanz von 607:1153 und eine einzige gewonnene Playoff-Serie in 22 Jahren. Als er 2008 zurücktritt, wird nur gefragt: "Warum erst jetzt?"

"Der Beste, den es je gab"

Chris Paul, Blake Griffin, DeAndre Jordan - auch bei den Clippers war Baylor zur falschen Zeit am falschen Ort. Wie würde über seine Amtszeit gesprochen, hätte der einst für seine Sparsamkeit berüchtigte Teambesitzer Donald Sterling schon früher die Geheimnummer zu seinem üppigen Bankkonto wiedergefunden?

"Elgins Einfluss auf den Basketball ist unglaublich. Pfund für Pfund ist er für mich der Beste, den es je gab", sagte sein früherer Lakers-Teamkollege und -Coach Bill Sharman einmal. Wer von sich sagen kann, den Basketball in einer der wichtigsten Städte dieses Sports fast 50 Jahre lang maßgeblich mitbestimmt zu haben, kann nicht alles falsch gemacht haben.

Mit ein wenig Glück wird das auch der Öffentlichkeit irgendwann auffallen.

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