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NBA

Legenden-Serie: Steve Nash - The Great Gatsby

Von David Digili
Nach 1217 Spielen für die Mavs, Suns und Lakers trat Steve Nash von der NBA-Bühne ab
© getty

Cuban lässt Nash ziehen

In den nächsten Jahren hält er seine Stats bei mindestens 14,5 Punkten und 7,3 Assists pro Spiel, die Mavs hatten sich in der Liga-Elite etabliert, zum ganz großen Wurf sollte es aber nicht reichen. Spätestens in den Conference Finals ist jedes Jahr Schluss für alle Titelträume, ob gegen die Spurs oder die starken Sacramento Kings.

2004 kommt, unerwartet für Fans und Beobachter, das Aus in Dallas. Nash wird Free Agent, Cuban zögert, dem damals 30-Jährigen einen hoch dotierten Langzeitvertrag anzubieten. Nowitzki, nicht Nash, ist das Gesicht der Franchise.

Ausgerechnet bei den Phoenix Suns, diesem Alptraum seiner Rookie-Zeit, sieht man die Chance gekommen und verpflichtet den verlorenen Sohn für sechs Jahre.

Noch heute ist es ein unbefriedigendes Ende der Zeit Dallas. "Damals haben wir die Situation völlig falsch eingeschätzt," sagt Cuban. "Besonders seine gesundheitliche Situation haben wir falsch bewertet und heute weiß ich, dass es ein Fehler war."

Karriere-Zenit bei Phoenix Suns

Zwar hat Nash schon zu Dallas-Zeiten mit den Rückenproblemen zu kämpfen, die Jahre später letztlich das Karriereende einläuten. Nach Auswechslungen sitzt Nash nicht auf der Bank, sondern liegt auf dem Hallenboden, um Verspannungen zu vermeiden.

Doch der Zenit seiner Karriere sollte noch kommen: Der zweite Anlauf in Arizona katapultiert den Rückkehrer endgültig zum großen Star, zu einem dieser Spieler, die nicht nur eine Randnotiz der NBA-Historie bleiben. Nash spielt den besten Basketball seiner Karriere.

Auch hier ist es ein Name, der maßgeblich am spielerischen Höhepunkt beteiligt ist: Head Coach Mike D'Antoni, Offensivguru und Uptempo-Fanatiker. Sein schnelles System ist wie geschaffen für Nash, der Amar'e Stoudemire und Shawn Marion immer wieder fliegen ließ und - wie zuvor in Dallas - zum Denker und Lenker des attraktivsten Balls der Liga wird.

MVP-Titel 2005 und 2006

Attraktiv und erfolgreich: Die reguläre Saison beenden die Suns mit der ligaweit besten Bilanz von 62-20 Siegen. 110,4 Punkte produziert die Offense-Maschine pro Spiel, erst zehn Jahre später wurde diese Werte durch besseres Spacing und mehr Tempo (Warriors!) übertroffen. Nash verteilt 11,5 Assists pro Spiel, trifft aus dem Feld und von der Linie fast automatisch und wird Regular Season MVP 2005. Nur Bob Cousy und Magic Johnson hatten zu diesem Zeitpunkt als Point Guards diese Auszeichnung erhalten.

In der darauffolgenden Spielzeit steigert er sich erneut, scort mit 18,8 Punkten so viel wie nie zuvor, die 10,5 Assists in jenem Jahr gehen nicht an Stoudemire, der verletzt ist, auch nicht an Joe Johnson, der getradet wurde, sondern an eine Rumpftruppe, die mit 54-28 Siegen trotzdem zur Ligaspitze gehört.

Erneut wird Nash MVP, hat damit mehr Maurice-Podoloff-Trophäen im Schränkchen stehen als Kobe Bryant, Shaquille O'Neal oder Allen Iverson - Namen, die Weggefährten wurden.

Dass es das Team erneut bis in die Conference Finals schafft und dort ausgerechnet gegen die Dallas Mavericks verliert, ist die Ironie des Schicksals. Näher sollte Nash einer Championship nicht mehr kommen. Auch 2010 ist an gleicher Stelle Schluss, dieses Mal gegen die Los Angeles Lakers.

Einsatz für Bürgerrechte

So getrieben Nash jedoch vom Wunsch nach Titeln ist, so sehr ist er sich auch der Verhältnismäßigkeit des Sports bewusst. Sind andere Stars seines Kalibers unnahbar, macht sich der unprätenziöse Nash einen Spaß daraus, während der WM 2010 in einem Straßenfußballspiel mitzumischen, mitten in Berlin.

"Ich hätte auch Fußballer werden können", scherzt er oft, und man will es ihm glauben. Immer wieder organisiert Nash Benefizspiele mit Freunden aus der Sportwelt, drängt seine NBA-Kollegen, mitzuziehen. Es gibt auch noch wichtigere Dinge auf der Welt als Punkte oder Assists und Nash ist sich dessen bewusst.

Im Jahr 2010 bezieht er Stellung gegen ein umstrittenes "Gesetz zum Kampf gegen illegale Immigranten", das in Arizona auf den Weg gebracht wurde und Einwanderer quasi der Polizeiwillkür aussetzt. "Damit wird dem Racial Profiling Tür und Tor geöffnet. Freiheit und Bürgerrechte sind unser höchstes Gut und es ist ein fatales Signal an die Jugend." 2012 wurde das Gesetz in vielen Punkten wieder gekippt.

Getrieben von Leidenschaft

Basketball wirkt bei Nash nicht wie einziger Lebensinhalt, sondern wie eine seiner vielen Leidenschaften. Spenden an Krankenhäuser weltweit, das intensive Engagement für Kinder, Ehrendoktorwürden und Auszeichnungen für soziale Verdienste, sie waren und sind keine Imagepflege, ausgedacht von windigen Agenten und PR-Beratern.

Jeder Schritt, ob auf dem Court oder in der Öffentlichkeit, scheint nicht wohlkalkuliert, sondern getrieben von Leidenschaft, Emotion, Freude.

Am Rande eines Werbetermins in China verkleidete sich Nash einmal mit Pudelmütze und Taucherbrille und spielte bei einem Pick-up-Game mitten in der Stadt mit.

Nash, der Verrückte

Nash genießt Anonymität und Privatsphäre, am liebsten bei einfachen Burgern und gepflegten Getränken. Mit Dirk ist er jahrelang Stammgast im "The Loon" in Dallas, weil das Bier dort noch in Dosen serviert wird.

Al Whitley, Freund aus Kindertagen in Kanada und langjähriger Mavs-Betreuer, erinnerte sich in Sports Illustrated an eine besondere Anekdote: "Kurz vor der Saison 2003 wollten ich und ein weiterer Freund zusammen mit Steve ein paar Bars in Dallas besuchen. Natürlich haben wir ihn dauernd gedrängelt, doch endlich mal wenigstens ein Bier mitzutrinken. Er sagte zu, unter zwei Bedingungen: Nur ein Bier pro Laden - und wir müssten mit ihm von Bar zu Bar sprinten, durch die Straßen von Dallas. Er rannte uns immer davon, war immer mit seinem Bier schon fertig, wenn wir gerade erst durch die Tür stolperten, rief uns den Namen der nächsten Bar zu und lief weiter. Eine Bar hatte einen Außenpool, und als wir dort ankamen, schwamm Steve dort schon seine Runden in Straßenklamotten."

Steve Nash: Seine Statistiken in der NBA

SaisonTeamSpieleMinutenPunkteFG%3P%Assists
1996/97Suns6510,53,342,341,82,1
1997/98Suns7621,99,145,941,53,4
1998/99Mavs4031,77,936,337,45,5
1999/00Mavs5627,48,647,740,34,9
2000/01Mavs7034,115,648,740,67,3
2001/02Mavs8234,617,948,345,57,7
2002/03Mavs8233,117,746,541,37,3
2003/04Mavs7833,514,547,040,58,8
2004/05Suns7534,315,550,243,111,5
2005/06Suns7935,418,851,243,910,5
2006/07Suns7635,318,653,245,511,6
2007/08Suns8134,316,950,447,011,1
2008/09Suns7433,615,750,343,99,7
2009/10Suns8132,816,550,742,611,0
2010/11Suns7533,314,749,239,511,4
2011/12Suns6231,612,553,239,010,7
2012/13Lakers5035,512,749,743,86,7
2013/14Lakers1520,96,838,333,35,7

"Ich liebe dieses Spiel so sehr"

Trotz des "Trainings" macht Nash der malade Rücken über die Jahre immer mehr zu schaffen, er quält sich, bringt weiter Topleistungen in einem längst nicht mehr konkurrenzfähigen Suns-Team.

Im Sommer 2012, mit nunmehr 38 Jahren, geht er zu den Los Angeles Lakers, mit Kobe, Pau Gasol und Dwight Howard soll eine Meistermannschaft her - es blieb beim Wunschdenken.

Zu den Rückenproblemen kommt ein Knochenbruch am Wadenbein hinzu, er läuft in 50 Partien auf, wirkt oft wie ein Fremdkörper. "Es ist jeden Tag ein Kampf, aber zur gleichen Zeit führe ich mir vor Augen, wie sehr ich dieses Spiel liebe. Ich kämpfe, auch wenn es manchmal wirklich hart ist", sagt er nach erneuten Verletzungsproblemen 2013.

15 Mal steht er in der abgelaufenen Saison noch auf den Parkett. Die neue Spielzeit sollte der versöhnliche Abschluss einer einzigartigen Karriere werden. Doch bei einer alltäglichen Bewegung bricht die Verletzung wieder auf. Nash verhebt sich beim Koffertragen, die Nervenverletzung im Rücken ist zurück. Zum Wohle seiner Gesundheit entscheidet er sich für eine Operation und damit auch für das Karriereende.

Kobe nennt ihn "Gatsby"

Nach 1217 Spielen, fünf Mal war er bester Vorlagengeber der Liga, drei Mal im All-NBA First Team. Am Ende hat er 10.335 Assists verteilt. Mehr als Magic Johnson. Oscar Robertson. Kevin Johnson. Tim Hardaway. Isiah Thomas. Gary Payton.

Da sind sie wieder, die Namen. Steve Nash bekommt kurz vor Karriereende auch einen. Neu-Teamkollege Kobe Bryant nennt ihn nach kurzer Zeit bei den Lakers nur noch wie eben jene Romanfigur von F. Scott Fitzgerald, die wie er nach Höherem strebte.

Die sich Chancen nicht entgehen ließ, für die Erfolg nur Mittel zum Zweck der eigenen Leidenschaft war. Auf der Suche nach Erfüllung, Herausforderung und Veränderung zugleich.

Gatsby.

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