Tim Ohlbrecht im Interview

"Habe Extraschichten eingelegt"

Von Philipp Dornhegge
Mittwoch, 16.10.2013 | 14:25 Uhr
Verschiedene Welten: Evan Turner (r.) ist der Star der Sixers, Tim Ohlbrecht seit Mittwoch vereinslos
© getty
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Wenige Wochen vor dem Start der Regular Season haben sich die Philadelphia 76ers von Tim Ohlbrecht getrennt. Gegenüber der "Bild" ließ der Deutsche verlauten, er habe alles gegeben und sich nichts vorzuwerfen. Ohlbrechts Zukunft ist vorläufig ungewiss, dabei war er vor wenigen Tagen noch voller Hoffnungen. In Manchester hatte sich Philipp Dornhegge vor dem Preseason-Spiel gegen die Oklahoma City Thunder mit dem 25-Jährigen über seine NBA-Karriere, deutsche Nörgler und soziale Medien unterhalten.

SPOX: Herr Ohlbrecht, nach dem NBA-Start in Houston sind Sie in Philadelphia gelandet. Die aktuellen Centerprobleme der Sixers könnten Ihnen in die Karten spielen, was Spielzeit angeht.

Tim Ohlbrecht: Das stimmt, und ich arbeite hart, um im Kader zu bleiben. Ich biete mich im Training immer an, aber am Ende müssen eben noch einige Spieler gecuttet werden. Die Sixers haben mir allerdings gesagt, dass sie mich langfristig einplanen, wenn ich alles dafür mache.

SPOX: Mit Sam Hinkie haben Sie einen prominenten Fürsprecher. Wie ist das Verhältnis?

Ohlbrecht: Wir haben ein gutes Verhältnis. Er war einer derjenigen, die schon beim Training in Houston immer dabei waren und der mir nach der Entlassung gesagt hat: 'Du bist ein guter Spieler, Du musst die Chance bekommen, Dich in der NBA zu etablieren.' Er hat mir im Sommer seine Ideen für die Sixers vorgestellt mit dem Neuaufbau und allem Drumherum. Ich war froh, dass er mich als Teil der Idee gesehen hat.

SPOX: Von außen betrachtet sieht es so aus, als könnte ihnen das System von Coach Brown entgegen kommen.

Ohlbrecht: Auf jeden Fall, ja. Rauf und runter rennen, immer in Bewegung sein, das ist eigentlich mein Ding.

SPOX: Was haben Sie abgesehen vom Training investiert, um bereit für die Herausforderung NBA zu sein?

Ohlbrecht: Ich habe einen Ernährungsberater, der mir klar sagt, wie ich meinen Körper mit guten Lebensmitteln fit halte. Coach Brown will seine Spieler unter zehn Prozent Körperfett haben, insofern muss ich aufpassen, dass ich diese Marke nicht unterschreite. Ich esse kein Schwein, keine Currywurst oder sowas. Keine Chips natürlich. Ein Steak hier und da ist okay, aber vor allem gibt's Hühnchen. Und natürlich Kohlenhydrate.

SPOX: Das Abenteuer USA begann im letzten Sommer, was sind Ihre Erinnerungen an diese Zeit?

Ohlbrecht: Ich war im Flieger in die USA und wusste gar nicht, wo ich eigentlich lande. Ich habe vor meinem Umzug gewusst: Jetzt bin noch jung genug, um etwas Neues auszuprobieren, die Zelte abzureißen. In Europa kennt man mich. Wenn es nicht klappt mit der NBA, ist eine Rückkehr immer möglich. Ich wollte einfach mal was wagen und nicht nach Italien, Spanien oder so gehen, wo es leicht ist, einfach zurückzugehen. Jeder weiß, wie hart der Weg durch die D-League ist. Da muss man sich durchkämpfen, alles erarbeiten.

SPOX: Wie kamen Sie menschlich klar auf diesem Niveau?

Ohlbrecht: Ich bin ganz bestimmt überhaupt nicht rassistisch, aber gefühlt der einzige Weiße zu sein: Das ist echt hart. Die schwarzen Jungs machen da ihr Ding, nehmen einen am Anfang nicht ernst. Man muss mit Leistung überzeugen, und so habe ich mir nach und nach den Respekt erarbeitet. Und dann hat's wirklich Spaß gemacht. Die Reisen waren nicht immer so komfortabel, aber drei Spiele die Woche, das war schon cool.

SPOX: Und dann kam ja irgendwann der Call-Up von den Rockets...

Ohlbrecht: Und ab diesem Zeitpunkt hat man dann den Stempel, NBA-Spieler zu sein. Das gibt einen weiteren Schub in der Wertschätzung. Dass es so läuft, dass ich einen Zweijahresvertrag unterschreibe, war wirklich unfassbar. Ich habe wohl zwei Wochen gebraucht, um das zu realisieren.

SPOX: Was hat Ihnen diese Unterschrift für Ihr Selbstverständnis gebracht?

Ohlbrecht: Das hat mich richtig gepusht, klar. Ich konnte hinter ein großes Ziel einen Haken setzen, und obwohl es in Houston dann im Sommer zu Ende war, habe ich die Euphorie nach Philadelphia mitgenommen. Ich war überhaupt nicht nervös, als ich ankam, konnte frei aufspielen. Und ich kannte mich schon mit Dingen aus wie dem Reisestress, dem Dresscode und so weiter.

SPOX: Ein deutscher Journalistenkollege hatte im Sommer berichtet, er habe sich mit Leuten aus Houston unterhalten und von denen gehört, dass Sie nach Ihrer Vertragsunterschrift zufrieden gewesen wären und sich etwas zurückgelehnt hätten.

Ohlbrecht: Nein, das stimmt überhaupt nicht. Ich war immer einer derjenigen, der als erster beim Training ankam und am längsten in der Halle war. Ich hab Extraschichten im Kraftraum eingelegt, habe zusätzlich Kondition gebolzt. Auf keinen Fall habe ich mich zurückgelehnt. Ich habe auch nicht gemeckert, als ich in die D-League zurückkam. Der Trainer hatte inzwischen eine feste Starting Five ohne mich gefunden, aber auch das war okay für mich. Ich muss mir nichts vorwerfen. Aber so sind die Gerüchte, die gab's auch schon damals in Deutschland.

SPOX: Bei einem möglichen Aus in Philadelphia könnten wieder Stimmen laut werden.

Ohlbrecht: Aber Sie können jeden in Philly fragen, die werden Ihnen bestätigen, dass ich immer alles gebe. Das alles bringt mich nicht mehr aus der Ruhe. Ich weiß, was ich für meinen Traum tue, und der Trainer weiß es auch. Alles andere ist egal.

SPOX: Um Dennis Schröder ist in Deutschland ein regelrechter Hype entstanden, sie dagegen werden von vielen Fans sehr kritisch beäugt.

Ohlbrecht: Und das ist einfach schade. Jan Jagla ist auch nicht umsonst für eine Weile aus Deutschland rausgegangen und hat in Europa gut gespielt. Ich freue mich wahnsinnig für einen Per Günther, dass er so beliebt ist, mit ihm können sich die Deutschen scheinbar identifizieren. Aber wenn dann mal ein anderer Charakter daherkommt, der auch mal eine andere Meinung vertritt, das geht schnell nach hinten los. Das kenne ich, seit ich klein bin. Deswegen bin ich froh, den Schritt in die USA gewagt zu haben. Hier fühle ich mich wohl, die Leute sind mir gegenüber total positiv.

SPOX: Was bringt Ihnen die Zeit bei Houston und Philadelphia im Hinblick auf Ihre DBB-Karriere?

Ohlbrecht: Das ist sehr einfach zu erklären. Wenn man hier jeden Tag auf höchstem Niveau mit den besten Athleten der Welt trainiert, dann wird man automatisch besser. Mehr kann man nicht verlangen. Es ist toll für Dennis, dass es in Atlanta so gut läuft. Und es ist auch super für Elias, der in L.A. eine echte Chance hat. Umso schöner wird es, wenn wir uns in Zukunft wieder bei der Nationalmannschaft begegnen.

SPOX: In den USA ist Ihre Rolle natürlich eine ganz andere als beim DBB. Wie lassen sich die unterschiedlichen Spielweisen balancieren?

Ohlbrecht: Diese Gedanken mache ich mir aktuell gar nicht. Der DBB wird erst im nächsten Sommer wieder aktuell sein, und dann kann man sehen, wie meine Rolle aussehen wird und was Frank Menz vorhat.

SPOX: Wer gibt Ihnen in den USA Rückhalt, wenn es mal nicht so läuft?

Ohlbrecht: Ich habe eine Freundin, mit der ich zusammenwohne. Und wir haben einen Hund. Mein Privatleben ist also ein völlig normales, und das ist wunderbar. Wenn man gestresst oder ausgelaugt ist, geht man einfach mal eine Stunde mit dem Hund spazieren, kommt an die frische Luft, bekommt den Kopf frei. Und es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass zu Hause jemand auf mich wartet. Das ist ein richtiges Familiengefühl für mich. Und auf meine Eltern kann ich mich sowieso immer verlassen, sie unterstützen mich bedingungslos.

SPOX: In Deutschland ist es mitunter schwierig, ihren Weg in den USA zu verfolgen. Warum sind Sie eigentlich nicht bei Twitter, wo Sie uns schnell und einfach über Entwicklungen informieren könnten?

Ohlbrecht: Von sozialen Netzwerken halte ich mich lieber fern. Privat bin ich ab und zu bei Facebook und Instagram unterwegs, aber ich halte mein Privatleben lieber privat. Da kann man so schnell etwas falsch machen, das ist mir nicht geheuer. Ich bin einfach nicht der Typ, der jeden Mist kommentieren muss. Und auch wenn es einige meiner Kollegen anders sehen: Ihr Journalisten müsst auch nicht immer wissen, was ich gerade mache.

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