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NBA in Manchester: John Amaechi im Interview

"Meiste Athleten sind enttäuschend"

Von Philipp Dornhegge
Mittwoch, 09.10.2013 | 13:11 Uhr
John Amaechi hatte beim NBA Cares / Unity Game viel Spaß mit Kevin Durant und Peja Stojakovic
© getty
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Lokalmatador John Amaechi war in Manchester eine ständige Präsenz, genoss den ersten Auftritt der NBA in seiner Heimatstadt. Im Interview äußert er sich dennoch kritisch über die Bemühungen des heimischen Verbands, Basketball in Großbritannien zu etablieren - und er stellt klare Forderungen. Zudem spricht der erste offiziell schwule NBA-Spieler über Jason Collins und die Vorbildfunktion von Profisportlern.

Frage: Zum ersten Mal war die NBA in Manchester. Wie sieht Ihr Fazit aus?

John Amaechi: In meiner Zeit war die NBA etwas, das weitgehend drüben auf der anderen Seite des Atlantiks stattfand. Inzwischen ist die Liga ein globales Unternehmen, und wenn man sich ansieht, wie viele Menschen hier in Manchester zusammen gekommen sind, wie viele auch von außerhalb Manchesters angereist sind, dann sieht man, was für einen Stellenwert die NBA in Europa und England hat.

Frage: England hat eine große NBA-Fangemeinde, aber selbst keine starke Basketballliga und wenige Talente. Wie ist der Auftritt der Thunder und Sixers zu nutzen, um daran etwas zu ändern?

Amaechi: Die Geschichte hat sich in den letzten Jahren ja nicht geändert, wir haben keine Ausreden. Frankreich hat gerade die EM gewonnen. Die Franzosen sind genetisch identisch mit uns, sie haben die gleichen körperlichen und athletischen Voraussetzungen wie wir, und doch haben sie eine Mannschaft mit sechs etablierten NBA-Stars, und eine riesige Reserve, mit der man dann auch mal einen Titel holen kann. Wir könnten das auch haben, doch uns fehlt die Infrastruktur, Basketball ist zu teuer bei uns, wir haben keine guten Trainer.

Frage: Aber Großbritannien hat mit Deng, Gordon, Freeland auch Spieler bei NBA-Teams.

Amaechi: Und das ist super, speziell Luol ist ein phänomenaler Kerl. Er ist ein Idol für viele, aber was haben wir davon, wenn die jungen Fans ihn sehen, es ihm gleichtun wollen und dann nirgendwo in ihrer Umgebung einen Klub oder Trainer finden, der sich mit ihnen beschäftigt?

Frage: Würden Sie gern sehen, dass Basketball an Schulen stärker gefördert wird?

Amaechi: Das würde bestimmt helfen, aber nur wenn Basketball nicht nur für ein paar Wochen gelehrt würde und man sich dann wieder anderen Sportarten zuwendet. Schulen können schwerlich die ganze Arbeit machen, wir brauchen außerhalb davon eine Vereinsstruktur, die uns weiterbringt.

Frage: Es klingt auch jetzt wieder durch: Sie sind ein großer Kritiker des britschen Verbands, zeitweise war das Verhältnis regelrecht vergiftet. Hat sich daran in den letzten Jahren etwas geändert?

Amaechi: (lacht) Es ist schon komisch: Ich habe seit einiger Zeit meinen Twitter-Account @JohnAmaechi, und doch finden es manche Leute anscheinend zunehmend schwer, Kontakt zu mir aufzunehmen. Ich habe eine Weile nichts gehört, würde mich aber sehr über einen Anruf oder eine Mail freuen.

Frage: Von Ihrer Seite gibt es also keinen Grund, warum John Amaechi dem britischen Basketball nicht helfen sollte?

Amaechi: Natürlich nicht! Ich bin ja nicht gegen den britischen Basketball, sondern dafür. Es sollte so sein, dass junge Talente genauso leicht Profibasketballer werden können wie Profifußballer. Nur verdienen Fußballer 7000 Pfund pro Woche, Basketballer das gleiche Geld in einem Jahr! So kann das nicht funktionieren.

Frage: Wo würden Sie abgesehen vom Geld als erstes ansetzen, um die Verhältnisse zu verbessern?

Amaechi: Bei den Trainern. Das Niveau der britischen Basketball-Trainer ist, das muss man so deutlich sagen, verheerend. Vielen von Ihnen muss man klarmachen: Entweder du arbeitest an dir, suchst dir Unterstützung von außerhalb, um dich und deine Arbeit zu verbessern, oder du musst gehen.

Frage: In Deutschland herrscht bis heute Frust, weil der EM-Titel 1993 nie richtig genutzt wurde. Sagen Sie das auch über die Olympischen Spiele in London und die damit verbundene Teilnahme der britischen Nationalmannschaft?

Amaechi: Definitiv. Schon vor und während der Spiele haben wir zu wenig getan, und das setzt sich jetzt fort. Dabei ist die Lust am Basketball bei vielen ja da. Was glauben Sie, was es für eine riesige Freude für mich ist, dass ich dieser Tage aus meinem Haus gehen und innerhalb von ein paar Minuten bei einem NBA-Event sein könnte! Das hätte ich mir vor Jahren nie träumen lassen. Und man hat so viele Kids gesehen, auf deren Gesichtern man eine ähnliche Freude ablesen konnte. Aber noch mal: Das ist alles nichts wert, wenn wir selbst nicht auch die nötige Arbeit investieren.

Frage: Außerhalb Englands und Großbritannien sind sie vielen Basketball-Fans vor allem deshalb ein Begriff, weil sie sich nach ihrer aktiven Karriere als erster NBA-Profi als schwul geoutet haben. Wie haben sie das Coming-Out von Jason Collins erlebt?

Amaechi: Jason ist ein guter Freund von mir, ich kenne ihn schon sehr lange. Wir haben uns deshalb vorher unterhalten, ich wusste vorab Bescheid.

Frage: Bisher hat Collins noch kein neues Team gefunden. Hat das aus ihrer Sicht nur sportliche Gründe?

Amaechi: Die Realität ist: Jason ist ein Journeyman, der schon bei vielen Teams gespielt hat. Und die NBA ist die beste Liga der Welt, wo der Wettbewerb um Kaderplätze entsprechend hoch ist. Er hat selbst gesagt, dass es für ihn diesen Sommer schwer werden könnte. Aber er hat 12 Jahre Erfahrung, und er ist ein toller Teamkamerad. Was viele Leute nicht begreifen, ist der hohe Wert, den selbst der 12. oder 13. Mann am Ende der Bank für die Teamchemie hat. Leute, die diese Rolle bereitwillig spielen und ihre Mitspieler unterstützen, ohne Ärger zu machen, sind auch und gerade heute schwer zu finden. Deshalb bin ich voller Hoffnung, dass er noch seine Chance bekommt.

Frage: Homosexualität im Profisport ist nach wie vor ein heikles Thema. Können namhafte Spieler mit Coming-Outs da Abhilfe schaffen, oder müsste die Bewegung eher von unten heraus kommen, dass schon junge Spieler sich bekennen und es ganz einfach Normalität wird?

Amaechi: Man muss das gar nicht als Entweder-Oder-Frage stellen. Beides wäre wichtig. Natürlich können Stars helfen, es jungen Schwulen leichter zu machen. Aber es muss auch von unten nach oben ein anderes Bewusstsein her. Wenn man im Moment junge Leute fragt, würde wohl kaum einer sagen, dass ein 16-jähriger bekennender Schwuler die gleichen Chancen hat, Profi zu werden, wie ein Heterosexueller. Da haben wir noch viel Arbeit vor uns.

Frage: Wie sehr fehlt Ihnen die NBA?

Amaechi: Das Spielen fehlt mir nicht. Was mir allerdings fehlt, ist in Form zu sein (lacht). Früher haben wir uns vor einem Spiel intensiv warmgemacht und konnten uns bequem dabei unterhalten, ohne ins Schwitzen zu kommen. Heute laufe ich ein paar Treppenstufen rauf - und bin fix und fertig.

Frage: Wie war es vor diesem Hintergrund, bei dem NBA Cares / Unity Game an der Seite von Dikembe Mutombo, Vlade Divac, Peja Stojakovic und Athleten der Special Olympics teilzunehmen?

Amaechi: Lassen Sie uns lieber nicht über meine Kondition reden, sondern über die Athleten der Special Olympics. Wer mich kennt, der weiß, dass ich den meisten "normalen" Athleten sehr kritisch gegenüber stehe. Ich halte die meisten in Bezug auf ihre Fähigkeit, sich vernünftig auszudrücken, und auf ihre Bereitschaft, ihre Vorbildfunktion wahrzunehmen, gelinde gesagt enttäuschend. Dikembe ist natürlich ein krasses Gegenbeispiel, er baut Schulen und Krankenhäuser. Aber solche Beispiele sind im Profisport so selten. Wenn man dann zu den Special Olympics kommt, sieht man plötzlich nur noch Paradebeispiele. Diese Athleten wollen rennen, kämpfen, besser werden, hart arbeiten - und vor allem wollen sie Spaß haben. Diese Jungs und Mädels treiben Sport so, wie es sich gehört.

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