Suche...

Bauermanns Playbook: Die Heat in der Taktik-Analyse

Das neue NBA-Testament

Von Aufgezeichnet von Haruka Gruber
Freitag, 24.05.2013 | 18:02 Uhr
Unorthox: Die Heat um James, Cole und Wade (v.l.) spielen klein und erfolgreich
Advertisement
NBA
Celtics @ Cavaliers
NBA
Rockets @ Warriors
NBA
Timberwolves @ Spurs
NBA
Knicks @ Thunder
NBA
Cavaliers @ Bucks
NBA
Warriors @ Grizzlies
NBA
Hawks @ Nets
NBA
Warriors @ Mavericks
NBA
Knicks @ Celtics
NBA
Pacers @ Thunder
NBA
Celtics @ Bucks
NBA
Thunder @ Timberwolves
NBA
Cavaliers @ Pelicans

Der Ursprung des Miami-Basketballs reicht bis nach Athen - und steht im krassen Kontrast zu den Lehren der alten Welt. Die Taktik-Analyse mit Ex-Bundestrainer Dirk Bauermann, amtierender Coach der polnischen Nationalmannschaft und des litauischen Top-Klubs Lietuvos Rytas, vor Spiel 3 der Conference Finals der Heat bei den Indiana Pacers, das SPOX in der Nacht von Sonntag auf Montag um 2.30 Uhr for FREE im LIVE-STREAM übertragt.

Teil I: Wie die Heat-Defense mit Athen zusammenhängt

Es widerspricht allem, was die alten Basketball-Gelehrten seit Ewigkeiten verkünden: Jedes erfolgreiche NBA-Team benötigt einen klassischen Center. Selbst die Chicago Bulls mit Michael Jordan verfügten über Brettspieler, die zwar nicht zur Elite gehörten, aber immerhin Gardemaß mitbrachten. Die Heat allerdings schreiben die Basketball-Gesetze um und verzichten gänzlich auf einen Center, der den üblichen Konventionen entspricht.

In der Rotation auf den beiden großen Positionen stehen nur Spieler, die bei anderen Teams eine Position kleiner eingesetzt werden würden: Die nativen Power Forwards Chris Bosh, Udonis Haslem und Chris Andersen teilen sich die Minuten als Center, die Small Forwards LeBron James und Shane Battier besetzen wiederum abwechselnd mit Haslem und Andersen die Power-Forward-Position.

Umso erstaunlicher, dass der Titelverteidiger in den Playoffs dem Gegner nur 86,4 Punkte gestattet und damit hinter den ausgeschiedenen Knicks die beste Defense der Postseason stellt. Der Schlüssel: die in der NBA unerreichte Aggressivität. "Mit ihrer Athletik und Beweglichkeit verteidigen die Big Men der Heat das gegnerische Pick'N'Roll mit einer Konsequenz, die man sonst nur in Europa sieht. So gleichen sie die Größennachteile aus und verwandeln sie sogar in eine Stärke", sagt Dirk Bauermann.

"Wir können hier von einem Paradigmenwechsel sprechen: Große, dafür langsam und unbewegliche Center sind eine aussterbende Art. Mehr und mehr sind auf der Center-Position mobile, im traditionellen Verständnis zu kleine Spieler gefragt, die über ihre Athletik ein Spiel beeinflussen. Die Verschiebung einer Position ist ähnlich zu dem bei den Power Forwards vor einigen Jahren, als angeführt von Dirk Nowitzki als wurfstarker Großer die sogenannten Stretch Fours in die NBA kamen. Jetzt wird auch die Center-Position neu definiert."

Der Ursprung des Miami-Basketballs reicht dabei bis nach Griechenland zu Panathinaikos Athen. Deren früherer Coach Zeljko Obradovic, mit unglaublichen 8 Euroleague-Titeln so etwas wie der Phil Jackson des europäischen Basketballs, begann vor rund zehn Jahren, den untersetzten Mike Batiste (2,04 Meter) als Fünfer aufzustellen. Selbst nach Obradovic' Weggang verpflichtete Pana mit Stephane Lasme (2,03 Meter) den nächsten Mini-Center. "Obradovic hat mit Batiste einen neuen Standard gesetzt und Lasme ist mit seiner unheimlichen Athletik und Schnelligkeit dessen logischer Nachfolger. Das konventionelle Basketball-Buch wurde so neu geschrieben. Diesen Trend haben die Heat in hervorragender Weise erkannt und für sich aufgenommen", sagt Bauermann.

Konkret heißt das: "Miami ist das vielleicht einzige Team der NBA, welches das gegnerische Pick'N'Roll nicht ständig, aber sehr regelmäßig doppelt. Ohne bewegliche Center wäre das jedoch nicht möglich, weil diese dank der Athletik immer wieder aushelfen können." Stellvertretend dafür führt Bauermann den erst mitten in der Saison verpflichteten Chris Andersen auf. Andersen, ein 34-jähriger Wirrkopf ohne Vertrag und Perspektive, erweist sich trotz aller Skepsis als ideale Ergänzung. In nur 14,2 hingebungsvollen Minuten erbringt er erstaunliche 3,8 Rebounds und noch erstaunlichere 1,4 Blocks. Gemeinsam mit Chris Bosh, dessen 2,0 Blocks Playoff-Karrierebestwert bedeuten, ist Andersen hauptverantwortlich für eine erstaunliche Bilanz: In keinem einzigen Playoff-Spiel gelangen dem Gegner mehr Blocks als Miami.

Bauermann: "Die Andersen-Verpflichtung ist vermutlich die entscheidende Personalie in dieser Saison. Mit ihm kam ein weiterer Großer, der beweglich und aggressiv ist und dazu eine unglaubliche Spannweite mitbringt. An Andersen erkennt man auch, dass die Heat einen genauen Plan verfolgen. Sie hätten ja auch einen typischen Center unter Vertrag nehmen können, der zwar den Konventionen entspricht - der aber zu langsam ist und im Grunde nur in der Zone bleibt und das Pick'N'Roll nur passiv verteidigt. Das hätte aber keinen Sinn ergeben, weil es der Ausrichtung von Miami nicht entsprochen hätte. Diese Weitsicht ist vorbildlich."

Bei den Heat ist in der Defense alles dem Ziel untegeordnet, durch die aggressive Deckung so schnell wie möglich den Ball zu erobern und selbst ins Laufen zu kommen, weil Miami vor allem dank eines LeBron James in der Transition kaum zu stoppen ist. Neben den Center/Forward-Hybriden immens wichtig: die sonst wenig beachteten Point Guards. "Mario Chalmers und vor allem Norris Cole erledigen einen herausragenden Job", sagt Bauermann. Die 1,5 Steals (Chalmers) beziehungsweise 0,8 Steals (Cole) in den Playoffs seien nur ansatzweise ein Indiz dessen, wie gut und inbrünstig beide derzeit verteidigen.

Aussagekräftiger sind die Wurfquoten der gegnerischen Spielmacher: In der ersten Runde quälte sich Milwaukees Brandon Jennings zu Wurfquoten von 29,8 Prozent aus dem Feld (Regular Season: 39,9 Prozent) und 21,4 Prozent (Regular Season: 37,5 Prozent) von der Dreierlinie. Und in der zweiten Runde wiederfuhr Chicagos Kampfhobbit Nate Robinson nach einer grandiosen Serie gegen die Nets und Deron Williams ähnliches. Die Quoten aus dem Feld gingen von 50,5 auf 33,3 Prozent zurück, von der Dreierlinie von 36,4 auf 31,3 Prozent. Dazu explodierten die Ballverluste von 2,0 auf 3,6 pro Partie. Bauermann: "Vor allem Cole gefällt mir sehr gut. Besonders, wie er seine Rolle als Backup annimmt und von der Bank kommend gemeinsam mit Andersen der gesamten Mannschaft Energie injiziert."

Teil I: Wie die Heat-Defense mit Athen zusammenhängt

Teil II: Wie Miami die Zwergen-Taktik zelebriert

Teil III: Das schlechteste Rebounding der NBA - und doch dominant

Teil IV: Dwyane Wade - Der Fall aus dem Superstar-Olymp

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung