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NBA

Die Reinkarnation der Twin Towers

Von Aufgezeichnet von Haruka Gruber
Twin Towers II: Tim Duncan (r.) hat mit Tiago Splitter wieder einen klassischen Brettspieler neben sich
© getty

Die imposanteste Ära der NBA setzt sich diese Saison fort: San Antonio lehrt die Liga das Fürchten und ist hinter den Miami Heat das zweitbeste Team. Die früher langweiligen Spurs transformierten sich zu einer effizienten Offensiv-Maschinerie - angeführt von Tony Parker und den neuen Twin Towers. Die Taktik-Analyse mit Ex-Bundestrainer Dirk Bauermann, amtierender Coach der polnischen Nationalmannschaft und des litauischen Top-Klubs Lietuvos Rytas, vor dem Spitzenspiel gegen Miami, das SPOX in der Nacht von Sonntag auf Montag um 1 Uhr for FREE im LIVE-STREAM zeigt.

Teil I: Tony Parker - der meist unterschätzte Superstar

Ein Märchen: Anfangs in den USA belächelt und von Gregg Popovich aussortiert, erst nach dem Rat eines Praktikanten doch noch von den San Antonio Spurs spät in der ersten Runde gedraftet worden und mittlerweile dreifacher NBA-Champion. Ein Märchen allerdings, bei dem der Protagonist auf die Würdigung seiner selbst noch warten muss.

Tony Parker ist zwar fünffacher All-Star und der Finals-MVP von 2007, dennoch dürfte er der meist unterschätzte Superstar der NBA sein. "Tony kommt seit Jahren viel zu schlecht weg. Wenn es gerecht zugehen würde, gehört er absolut in die Diskussion um den MVP-Award", sagt Dirk Bauermann.

Die im Vergleich wenig auffälligen Statistiken von 21,0 Punkten und 7,6 Assists im Schnitt seien verantwortlich für die Ignoranz ihm gegenüber. Bauermann: "Tony übernimmt bei den Spurs sehr viele Funktionen, die nicht in Zahlen zu erfassen sind. Mich beeindruckt vor allem die taktische Reifung. Anfangs kannte er nur eine Richtung: stramm nach vorne. Mittlerweile kontrolliert er das Tempo und beschleunigt oder verlangsamt zum richtigen Zeitpunkt. Genauso hat er das Timing perfektioniert, wann er als Point Guard passorientiert spielt oder wann er aggressiv selbst den Wurf sucht. Sein Gefühl für den Moment ist einzigartig." (siehe Diashow)

Ohne den 30-Jährigen und dessen überlegte Spielweise wäre es nicht denkbar gewesen, dass sich die Spurs von der einst langweiligen Setplay-Mannschaft zu der neben Miami beeindruckendsten Offensiv-Maschinerie wandelte. San Antonio erzielt die viertmeisten Punkte (104,3), trifft am zweitbesten aus dem Feld (48,6 Prozent) und drittbesten von der Dreierlinie (38,3 Prozent) und verteilt die meisten Assists (25,1).

Und Parker ist der Ausbund jener fast schon beängstigenden Effizienz. Sein Punkt- und Assistschnitt mögen gegenüber LeBron James oder Kevin Durant nur mäßig beeindrucken, aussagekräftiger sind dafür seine Wurfquoten: Er trifft für einen Spielmacher sensationell gute 54 Prozent. Auch die 38,3 Prozent von der Dreierlinie sind für einen früher unbeständigen Schützen beeindruckend.

Für Bauermann ein Beweis seines "hervorragenden Entscheidungsverhaltens": "Parker nimmt extrem selten schlechte und überhastete Würfe. Selbst wenn die Shot Clock runtertickt, analysiert er die beste Option. Und was man nicht vergessen darf: Er ist ein geborener Scorer. Mit seinem zur Perfektion trainierten Floater kann er selbst gegen deutlich größere Gegenspieler hochprozentig punkten." (siehe Diashow)

Der Floater ist Parkers Signature Move - und zugleich ein Ausdruck seiner Ungewöhnlichkeit. "Normalerweise ist der Floater eine Waffe der amerikanischen Guards, die den Wurf seit früher Jugend auf dem Freiplatz imitieren. In Europa wird von den Basketball-Vereinen der Floater selten vermittelt, daher beherrschen ihn nur wenige." Mit dem Franzosen Parker als Ausnahme, der nicht nur wegen des Floaters die beiden Basketball-Welten vereint wie kein anderer.

Bauermann: "Was mich an Parker fasziniert: Der Großteil der Basketballer kennt nur eine Art zu spielen, entweder NBA- oder FIBA-Basketball. Er hingegen passt sich beliebig an. Man könnte meinen, dass es ihm in Europa schwerer fällt. Durch das Fehlen der defensiven 3-Sekunden-Regel kann der Gegner die Mitte einfach zumachen. Und das Ziehen wird ohnehin behindert, weil das Handchecking eines Verteidigers anders als in der NBA nicht kategorisch verboten ist. Und durch das kürzere und schmalere Spielfeld ist von vornherein weniger Platz zum Attackieren. Was macht also Parker? Er verwandelt sich einfach zu einem anderen Spieler: Er zieht weniger und agiert mehr von außen - und kontrolliert dennoch die Offensive. Diese Anpassungsfähigkeit ist unglaublich."

In der NBA würden durch die Regel-Unterschiede seine Stärken noch besser zur Geltung kommen: "Zum Beispiel muss er anders als in Europa aus Pick'N'Roll-Situationen nicht sofort den freien Mann suchen, weil der Platz so eng ist. Stattdessen geht er ein paar Schritte vor- und rückwärts und wartet ab, ob er es selbst versuchen oder lieber passen soll. Im Grunde ist jemand, der so gut mit dem Ball umgeht und einen so tiefen Körperschwerpunkt besitzt, in der NBA nicht zu stoppen."

Teil I: Tony Parker - der meist unterschätzte Superstar

Teil II: Das Geheimnis der Spurs-Defense

Teil III: Twin Towers Duncan/Splitter

Teil IV: Der Bench Mob

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