Suche...

Detlef Schrempf: "Ich war anormal"

Von Interview: Haruka Gruber
Donnerstag, 25.10.2012 | 14:45 Uhr
Detlef Schrempf am Zenit: 1996 erreichte er mit Seattle die NBA-Finals
© Getty
Advertisement
NBA
Lakers @ Cavaliers
NBA
Spurs @ Rockets
NBA
Jazz @ Cavaliers
NBA
Kings @ Raptors
NBA
Warriors @ Lakers
NBA
Cavaliers @ Bucks
NBA
Lakers @ Rockets
NBA
Celtics @ Knicks
NBA
Lakers @ Warriors
NBA
Mavericks @ Hawks
NBA
76ers @ Knicks
NBA
Cavaliers @ Warriors
NBA
Wizards @ Celtics

Für die einen der biedere Muster-Deutsche, für die anderen ein Basketball-Maniac und Effizienz-Monster: Detlef Schrempf über seine außergewöhnliche NBA-Karriere, das unwürdige Karriereende und ein spannendes Projekt in Seattle.

SPOX: Vor einem Jahr tätigte Denver-Coach George Karl eine erstaunliche Aussage: Danilo Gallinari, sein talentiertester Spieler und zukünftiger All-Star, solle sich ein Vorbild an Ihnen nehmen. Wird Gallinari der nächste Schrempf?

Detlef Schrempf: Ich kenne die Aussage gar nicht, aber das ist eben George. Er sagt immer etwas Nettes über mich. Er ist ein guter Freund - und ein extrem guter Coach. Er hat gleich erkannt, über was für ein großes Potenzial Gallinari verfügt und dass er mehr kann als nur werfen. George ist der perfekte Trainer für Gallinari, weil er ihm den Ball in die Hand gibt und ihn einfach machen lässt, indem er nicht nur Dreier nimmt, sondern mehr dribbelt, mehr dirigiert, gleichzeitig mehr reboundet und mehr verteidigt. Aus Gallinari wird ein Großer, davon bin ich überzeugt.

SPOX: Woher kommt Ihre innige Beziehung zu Karl, der Sie in Seattle trainiert hatte und mit dem Sie 1996 das NBA-Finale erreichten?

Schrempf: Wir waren sofort auf einer Wellenlänge. Es ist sehr einfach, unter George zu spielen. Er setzt konsequent einen Leitsatz um: "Trainiere hart und der Rest kommt von alleine." Solange man gut trainiert und alles gibt, interessiert es ihn überhaupt nicht, ob alle Würfe rein- oder vorbeigehen. Wir hatten einige fantastische Jahre in Seattle, zusammen mit Shawn Kemp, Gary Payton und vielen anderen. Die gemeinsame Zeit verbindet.

SPOX: Karl sagt: "Detlef ist der vielleicht effizienteste Spieler, den ich je trainiert habe." Wie spielt man effizient?

Schrempf: Ich habe mir nie die Frage gestellt. Es geht auch nicht, sich vorzunehmen, effizient zu spielen. Das ist zu abstrakt. Ich ging immer so vor: Vor jeder Saison steckte ich mir ein statistisches Ziel. Zum Beispiel wollte ich 90 Prozent der Freiwürfe, 50 Prozent aus dem Feld und 40 Prozent der Dreier treffen. Oder ich suchte noch mehr Details und ließ mir ausrechnen, ob die Quoten der Dreier aus der rechten Ecke oder der Korbleger mit der linken Hand schlechter wurden. Wenn etwas auffällig war, wusste ich, woran ich im Sommer gezielt arbeiten muss. So wird man automatisch effizient.

SPOX: Statistik als wichtigster Ratgeber?

Schrempf: Mir waren Boxscores immer sehr wichtig - wobei ich den Sheet immer anders gelesen habe als die meisten NBA-Profis. Viele schauen nur nach den Punkten. Mein Blick ging hingegen als erstes auf die anderen Spalten: Rebounds, Assists, Turnover. Besonders interessant fand ich die Plus/Minus-Wertung, um zu vergleichen, ob die Mannschaft mit mir oder ohne mich besser gespielt hat.

SPOX: Wegen Ihrer Basketball-Obsession sagte Ihr Vater einmal: "Detlef war immer irgendwie anders." Ist das ein Lob? Oder ist das nur eine nette Formulierung dafür, dass er Sie seltsam fand?

Schrempf: Wahrscheinlich beides. Ich habe schon versucht, mich an die Gesellschaft anzupassen und nicht zu seltsam rüberzukommen. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich anormal war.

SPOX: Anormal?

Schrempf: Ich glaube, dass jeder erfolgreiche Mensch bis zu einem gewissen Grad anormal ist, vor allem im Sport. Welcher normale Mensch stellt sich von Kindesbeinen an jeden Tag in die Halle und trainiert sechs Stunden am Stück? Ein normaler Mensch kommt sich irgendwann blöd dabei vor. Ich konnte allerdings den natürlichen Drang nicht verleugnen, immer mehr und mehr zu machen. Ich weiß noch, wie in Leverkusen nach dem Training alle Mitspieler froh waren, nach Hause gehen zu können. Ich wollte nicht aufhören, so dass ich irgendwann in drei Mannschaften gleichzeitig trainiert habe: bei der B-Jugend, bei der A-Jugend und bei den Herren. Die anderen sagten mir, dass es Blödsinn wäre, aber ohne diesen natürlichen Drang hätte ich wohl nie so erfolgreich werden können.

SPOX: Ihr Vater erzählte die Geschichte, wie Sie sich den Kiefer ausgerenkt hatten. Statt wie vom Arzt verordnet drei Wochen zu pausieren, spielten Sie am Folgetag gleich wieder.

Schrempf: Das lief ein bisschen anders: Ich hatte mir den Kiefer nicht ausgerenkt, sondern mir wurden alle Zähne eingeschlagen. Ich bekam noch in der Nacht eine Art Zahnspange, so dass ich am Tag darauf beim Entscheidungsspiel meiner Schulmannschaft für "Jugend trainiert für Olympia" mitmachen konnte. Wir wollten uns unbedingt für das Finale in Berlin qualifizieren.

SPOX: Hat es geklappt?

Schrempf: Natürlich! (lacht)

SPOX: Kommt es Ihnen wie ein anderes Leben vor, wenn Sie sich an Ihre Kindheit und Jugend in Deutschland erinnern?

Schrempf: Nein, gar nicht. Ich bin zwar seit über 30 Jahren in den USA und lebe damit fast doppelt länger dort als in Deutschland, dennoch bleibt Leverkusen-Boddenberg meine Heimat. Dort wuchs ich auf und dort lernte ich, diszipliniert, fleißig und manchmal stur zu sein. Das Deutsche ist tief verwurzelt.

SPOX: Bemerken Sie aus der Entfernung, wie sich Deutschland verändert? Ist Leverkusen-Boddenberg noch das Leverkusen-Boddenberg, das Sie kennen?

Schrempf: Eigentlich hat sich in Boddenberg nichts verändert. Es gibt zwei, drei neue Häuser, ansonsten sieht alles fast so aus wie vor 30 Jahren. Es ist noch heute ein schöner Fleck zum Aufwachsen. Es ist irgendwie seltsam, dass es noch so ist wie früher. Gleichzeitig finde ich es sehr beruhigend.

SPOX: Ihre bodenständige Art machte Sie zu einem der beliebtesten NBA-Spieler der 90er Jahre. Umso enttäuschender verlief ihr Karriereende: Wie kam es, dass Sie 2000/01 aus Ihrem Vorruhestand zurückkehrten und noch einmal für die Portland Trail Blazers aufliefen? Die Mannschaft war gespickt mit Egomanen und Halb-Kriminellen wie Rasheed Wallace, Damon Stoudamire, Rod Strickland und Bonzi Wells. Ging es Ihnen am Ende doch um Geld?

Schrempf: Nein, nein, mir blieb leider nichts anderes übrig. Nachdem wir mit Portland 2000 Spiel 7 gegen die Lakers verloren und denkbar knapp das NBA-Finale verpasst hatten, wollte ich endgültig aufhören. Ich hatte keine Lust mehr auf die Mannschaft, weil die meisten - gelinde formuliert - ein bisschen verrückt waren. Das Problem: Ich besaß noch einen gültigen Vertrag mit Portland. Deswegen stellte mir Besitzer Paul Allen die Bedingung, dass ich wieder spielen muss, wenn jemand ausfällt - und dann verletzte sich tatsächlich Scottie Pippen. Ohne das Druckmittel wäre ich niemals zurückgekommen.

SPOX: Die "Jail Blazers" von damals sind noch immer der Inbegriff für alles Schlechte in der NBA. Wie gefällt Ihnen die NBA der Gegenwart?

Schrempf: Mich hat Dallas' Titelgewinn 2011 sehr gefreut, weil damit bewiesen wurde, wie wertvoll der Teamgedanke sein kann. Miami hatte die deutlich besseren Einzelspieler, aber es gewannen die Mavs, weil sie als Gemeinschaft auftraten.

SPOX: Was hat sich zu früher verändert?

Schrempf: Insgesamt ist die Liga athletischer geworden. Früher waren nur die Topstars athletisch, mittlerweile muss selbst die Nummer zwölf im Kader topfit sein, um mitzuhalten. Außerdem wurde die Offense dank der neuen Regeln ein bisschen offener. Ansonsten hat sich nicht viel verändert. So wie vor 20 Jahren auch, gehen die Superstars zu den gleichen vier, fünf Teams, während die Small-Market-Franchises wie Charlotte und Milwaukee immer Probleme haben werden, die besten Spieler zu halten. Für zwei, drei Jahre ist es möglich, als kleine Mannschaft für Furore zu sorgen, am Ende regiert trotzdem das große Geld. Die Strukturen in der NBA sind sehr verfestigt. Für das Problem sehe ich keine Lösung.

SPOX: Wegen angeblicher Perspektivlosigkeit zog Ihr Ex-Klub Seattle SuperSonics 2008 um und wurde zu den Oklahoma City Thunder. Es gibt jedoch Gerüchte, wonach Seattle wieder zu einem NBA-Standort wird und die New Orleans Hornets dafür zur Disposition stehen. Wie ist der Stand?

Schrempf: Der Unternehmer Chris Hansen will unbedingt die NBA zurückholen. Er hat bereits viel Geld reingesteckt und es sieht ziemlich gut aus, dass in zwei Jahren etwas passiert. Ich verstehe mich gut mit ihm und helfe, so gut es geht. Ich trete vor allem bei PR-Events auf, um die Bevölkerung für das Projekt zu gewinnen.

SPOX: Sie wohnen im Raum Seattle und besitzen als Vermögensverwalter finanzielles Knowhow. Ist ein offizielles Amt für Sie angedacht?

Schrempf: Offiziell wurde noch nichts besprochen, aber es ist nichts ausgeschlossen.

Der NBA-Spielplan der Saison 2012/13

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung