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NBA-Lockout: Die Lehren von 1998

"Jobs für große Männer"

Von Sebastian Kurzweg
Mittwoch, 17.08.2011 | 12:44 Uhr
Grant Hill sorgte während des Lockouts 1998 in einem Werbespot für Aufsehen
© Getty
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Der NBA-Lockout 2011 dauert an, die Verhandlungen stocken und hinter der ganzen Saison steht ein dickes Fragezeichen. Vergleicht man die aktuelle Situation mit dem letzten Lockout 1998, dann lässt sich erkennen, warum ein schnelles Ende diesmal unwahrscheinlich ist. Ein Rückblick garniert mit unvorbereiteten Spielern, einem seltsamen "Wohltätigkeitsspiel" und legendären Werbespots mit Tim Duncan und Grant Hill.

Im Sommer 1998 machte die NBA öffentlich, dass 15 der 29 Teams rote Zahlen schreiben. Schon lange waren die jährlich anwachsenden Gehaltskosten Teambesitzern und der Liga gleichermaßen ein Dorn im Auge gewesen.

Der Tropfen, der das Fass letztlich zum Überlaufen brachte, wird heute als Kevin Garnetts Vertragsverlängerung angesehen. Nach nur zwei Jahren in der Liga unterschrieb Garnett in Minnesota einen Sechsjahresvertrag. Gesamtvolumen: 126 Millionen Dollar.

Die Liga war nicht länger bereit, an einem kaputten Finanzsystem festzuhalten und setzte Neuverhandlungen des Tarifvertrags an. Ziel war eine Veränderung des Systems, um den Verlust der 15 unwirtschaftlichen Teams einzudämmen. Der gleiche Grund zählte jetzt auch 2011 zu den Auslösern des Lockouts.

Aber wie lief es damals eigentlich genau? Die Verhandlungen begannen im Sommer 1998 und gestalteten sich als zäh. Da eine Einigung nach Ermessen der Liga nicht absehbar war, rief sie am 22. Juni 1998 einen Lockout aus. Spieler und alle Angestellten wurden ausgesperrt, jegliche Geschäfte und Verhandlungen, sowie der Trainingsbetrieb auf Eis gelegt.

Nachdem bereits die Vorbereitung ausgefallen war, scheiterte später auch der Versuch, den Saisonstart noch zu retten. Die ersten beiden Wochen wurden offiziell abgesagt.

Legendäre Werbespots

Der Entscheidung folgte ein Gerichtsurteil, welches die Verhandlungsbasis von Grund auf verändern sollte und auch für heute wegweisend ist. Per Gerichtsbeschluss wurde den Teambesitzern das Recht zugesichert, Spielern während des Lockouts keine Gehälter zahlen zu müssen.

Die Liga und Teambesitzer hatten die Kontrolle über die Verhandlungen gewonnen und ein wertvolles Druckmittel nun in ihrer Hand. Zunächst waren die Spieler durch das Ausbleiben ihrer Gehaltszahlungen nicht sonderlich geschockt, doch dies sollte sich später gewaltig ändern.

In der Folge wurden Spiele im November und Dezember abgesagt. Als sei dies nicht bereits zu viel des Guten, wurde dann auch das erste heilige Sakrileg einer jeden NBA-Saison zum Opfer der Tarifstreitigkeiten. Das All-Star-Game 1999 in Philadelphia wurde gestrichen.

Das Murren der Fans und Medien, angesichts der stockenden Verhandlungen und des Verlustes eines Saisonhighlights, wurde nach dieser Entscheidung allmählich größer. Nicht gerade zur Entspannung trugen einige Spieler mit unklugem Verhalten und dreisten Aussagen bei.

Je länger sich der Lockout hinzog, desto schlechter wurde das Bild, das die Spieler in der Öffentlichkeit abgaben. Die Spieler waren menschlich und finanziell ganz einfach nicht darauf vorbereitet, so lange auf ihr Gehalt zu verzichten.

Ein junger Grant Hill zog gemeinsam mit Tim Duncan den Zorn von Fans und Mitspielern auf sich, als sie lustig gemeinte, fiktive Werbespots aufnahmen. Der Effekt dieser Spots war allerdings wesentlich unlustiger, als es die Intention von Hill und Duncan gewesen war.

In jenen Spots probierten sich die beiden Spieler an Hilfstätigkeiten wie Rasenmähen und Hundepflege, als Anspielung auf ihre Arbeitslosigkeit. Gegen Ende der Spots wurde eine Telefonnummer eingeblendet, um Duncan und Hill anzuwerben. "Jobs für große Männer" - so hieß der gängige Werbeslogan.

Eines von acht Autos verkaufen?

Nicht sonderlich besser stellte sich Kenny Anderson an. Der Guard der Boston Celtics, ausgestattet mit einem 6-Millionen-Dollar-Jahressalär, prahlte vor Journalisten damit, "eines seiner acht Autos verkaufen zu wollen". Schließlich müsse er "den Gürtel etwas enger schnallen". Der blanke Hohn gegenüber unzähligen Sportfans, die täglich um ihr kleines Gehalt kämpfen müssen.

Ihren Gipfel fand die mangelhafte Außendarstellung der Spieler am 19. Dezember. Unzählige All-Stars versammelten sich, um ein Wohltätigkeitsspiel zu veranstalten. Laut Shawn Kemp von den Cavaliers "ein Geschenk an die Fans" für ihre Geduld während des andauernden Lockouts. Irritationen verursachte im Vorfeld dieses "Wohltätigkeitsspiels" lediglich der Fakt, dass die momentan erwerbslosen NBA-Stars an den Einnahmen beteiligt werden sollten.

Erst als sich massiver Widerstand in der Öffentlichkeit regte, sah man von diesem Plan ab und spendete die Einnahmen. Knicks-Star Patrick Ewing rechtfertigte sich auf interessante Weise. NBA Spieler "verdienen zwar sehr viel, wir geben aber auch viel aus", lautete seine Erklärung für die Geldnot der Spieler.

Eine Woche nach jenem Spiel wurde die lange Zeit sehr statische Situation plötzlich sehr viel aktiver. Commissioner David Stern erklärte die Saison ausfallen zu lassen, sollte man nicht bis zum 7. Januar eine Einigung erzielt haben.

Nicht auf die Erwerbslosigkeit vorbereitet, fingen viele Spieler an, die Nerven zu verlieren. Der Zusammenhalt der Spielergewerkschaft bröckelte und brach schließlich völlig auseinander. Letztlich baten mehrere Spieler nur noch um das Ende des Lockouts, egal zu welchen Bedingungen.

Das Ende des Lockouts

Am 7. Januar 1999 konnte Stern das offizielle Ende des ersten NBA-Lockouts mit Spielausfällen verkünden. Der abgeschlossene Tarifvertrag wird weithin als Sieg für die Liga und Stern betrachtet, nachdem die Gewerkschaft bei ihren finalen Treffen völlig zerbrochen war und so ihre Verhandlungskraft einbüßte.

Die heutige Vorbereitung und finanzielle Absicherung für einen Lockout ist der Grund, weshalb dieses Mal kein Ende dessen absehbar ist. Die Spieler waren sich seit längerer Zeit bewusst, dass ein Lockout im Jahr 2011 im Bereich des Möglichen lag.

Der Großteil hat sich finanzielle Rücklagen gebildet und schaut sich die Spielpause 2011 relativ gelassen an. Die Spieler sind nicht von den Nebeneffekten des Lockouts überrascht und verhalten sich dementsprechend intelligenter.

Kein Spieler lässt sich zu unüberlegten Aussagen hinreißen, oder strapaziert die angespannte Situation mit Aktionen a la Duncan und Hill. Teilnahmen an Amateurspielen stellen die Nähe zu den Fans sicher, um Druck von dieser Seite zu vermeiden. Der große "Hass auf die Millionäre" bleibt folglich bisher weitgehend aus.

Im Vergleich zu 1998 besteht heute auch die Möglichkeit, in die europäischen Ligen zu wechseln. Superstars wie Deron Williams haben bereits Verträge bei europäischen Klubs wie Besiktas unterschrieben. Superstars wie Kevin Durant, Kobe Bryant und Dwyane Wade ließen bereits verlauten, dass sie definitiv im Ausland spielen werden, sollte die NBA-Saison ausfallen. Auch im Ausland können die Stars relativ gutes Geld verdienen, was der Liga ihr Hauptdruckmittel von 1998 raubt.

"Wir sind dieses Mal besser vorbereitet"

Damals reichte das Einfrieren der Gehälter und der Selbstzerstörungsprozess der Gewerkschaft erledigte den Rest. Darauf braucht die Liga dieses Mal nicht zu hoffen. "Wir sind dieses Mal besser vorbereitet und besser organisiert", stellt Antawn Jamison von den Cavaliers zusammenfassend fest.

Auch die Gegenseite im aktuellen Konflikt präsentiert sich deutlich entschiedener als zuvor. Eine neue Gruppe, bestehend aus jüngeren und moderneren Teambesitzern, hat den größten Einfluss auf Stern und den Kurs der Liga. Diese neueren Besitzer haben vor kurzer Zeit noch horrende Summen für den Kauf ihrer Teams bezahlt und wollen den Wertverlust dieser Teams um jeden Preis stoppen.

Während ein Teil der Besitzer daran arbeitet, den Lockout schnell enden zu lassen, hat ein anderer Teil andere Pläne. Eine Partei der Besitzer will eine harte Linie fahren und die Spieler quasi ausbluten zu lassen. Der Lockout sollte so bis mindestens in den Januar andauern. Denn die allgemeine Richtlinie der Besitzer bleibt unverändert.

Ein neues Finanzsystem muss her. Eher soll der Lockout kein Ende finden. Bisher deuten die Anzeichen nicht darauf hin, dass die Besitzer von ihrer harten Linie abweichen werden.

Komplett abgesagte Saison keine Utopie mehr

Der Lockout 1998 war nach dem Kollaps der Gewerkschaft jedenfalls Geschichte. Zwar hatte die Liga den Tarifstreit beendet und wohl auch zu ihren Gunsten entschieden, doch die Folgen des Lockouts blieben unübersehbar. Ein klares Warnzeichen für die aktuelle Situation.

Die Saison 1998/1999 hatte 32 Spiele und das All-Star-Game verloren. Fans und Medien evaluierten im Nachhinein beide Parteien als gierig und viele NBA-Stars büßten erheblich an Sympathie ein.

Über 29 Prozent der Amerikaner gaben in einer Umfrage zu Protokoll, dass sie die NBA deutlich negativer sehen würden als zuvor. Die Presse zeigte sich enttäuscht über diesen "Krieg der kleinen Millionäre gegen die großen Millionäre", der auf dem Rücken der Fans ausgetragen wurde.

Zuschauer-Einnahmen sanken auf einen Schlag um vier Prozent und die TV-Quoten der NBA fielen in drei aufeinander folgenden Jahren. Das Produkt NBA hatte deutlichen Schaden erlitten. Es stellt sich folglich die Frage, ob die NBA und die Spieler den Aufschwung der jüngeren Vergangenheit aufs Spiel setzen wollen. Denn erst die letzten Jahre haben die NBA marketingtechnisch und wirtschaftlich wieder auf das Niveau gehoben, dass sie vor dem Lockout vor 13 Jahren hatte.

Die Spieler sind dieses Mal vorbereitet und die entschlossenen Teambesitzer zeigen sich von der Strategie der Spieler nicht beeindruckt. Es scheint, als wäre eine komplett abgesagte Saison keine Utopie mehr. Und was das für Folgen hätte, weiß im Moment niemand.

Der Spielplan der neuen NBA-Saison

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