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Mentalitätswechsel bei den Toronto Raptors

Dirk Nowitzki light und der Meistermacher

Von Maurice Kneisel
Freitag, 12.08.2011 | 18:29 Uhr
Center-Juwel Jonas Valanciunas (r.) soll die Toronto Raptors nach vorne bringen
© Getty
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Seit 16 Jahren mischen die Toronto Raptors in der NBA mit, dabei erreichten sie fünf Mal die Playoffs. Nach dem Abgang von Chris Bosh stand das Team vor einem Scherbenhaufen, doch jetzt soll es wieder bergauf gehen. Mit einem Meistermacher der Dallas Mavericks und einem vierfach übergangenen Center-Juwel soll der Neuaufbau gelingen. Aber hinter dem Franchise-Player steht ein fettes Fragezeichen.

Falsche Verpflichtungen, keine Defense, miese Presse - die Toronto Raptors haben nicht nur aufgrund ihrer Sonderstellung als einziges kanadisches Team einen schweren Stand in der NBA. Doch jetzt soll alles anders werden. Der erhoffte Schlüssel zum Erfolg? Ein Meistermacher von Dirk Nowitzkis Dallas Mavericks.

Am 21. Juni vermeldeten die Raptors die Verpflichtung von Dwane Casey, der zuvor seit 2008 in Dallas als Assistent von Rick Carlisle tätig war. Der 54-Jährige gilt als Hauptverantwortlicher für die starke Defense, die Dirk und seine Kollegen in der abgelaufenen Saison zum Titel führte.

Mit Härte zum Titel

"Als Rick und ich in Dallas anfingen, hatte das Team einfach nicht die richtige Balance von Offensive und Defensive", erinnert sich Casey. "Deswegen haben wir uns darauf fokussiert, konzentriert zu verteidigen und im Angriff das Spiel zu öffnen."

Diese Formel will er auch in Toronto anwenden: "Wir werden im Angriff mit hohem Tempo spielen, häufig über Pick'n'Roll. Aber defensiv müssen die Spieler mir wirklich beweisen, was sie drauf haben. Ich weiß aus Erfahrung, dass dieser Mix funktioniert."

Keine Frage, Casey hatte im Vorjahr entscheidenden Anteil am Erfolg der Mavs und ist mit seinen insgesamt 32 Jahren im Trainergeschäft ein sehr erfahrener Mann. Allerdings muss er noch beweisen, dass er als Head Coach in der NBA bestehen kann. Seine bislang einzige Station war zwischen 2005 und 2007 bei den Minnesota Timberwolves mit einer Bilanz von 53-69.

Caseys Kontrollzwang

Trotz der enttäuschenden letzten Saison der Raptors ist Casey zufrieden mit dem ihm zur Verfügung stehenden Spielermaterial. "Ich sehe ein junges, athletisches, dynamisches Team, das ein Bewusstsein für Defensive entwickeln muss."

"Mein Vorgänger Jay Triano hat ein flüssiges Angriffsspiel installiert, aber wir müssen jetzt anfangen, unsere Gegenspieler in der Defensive zu stoppen", so der neue Head Coach weiter. Gegenüber "Yahoo Sports" betonte er, defensiv "ein absoluter Kontrollfreak" zu sein.

Der Mann könnte der Richtige sein, um in Toronto das Ruder rumzureißen. Alleine schon wegen der eigenwilligen Taktik, auf die er in den diesjährigen Finals zurückgriff: Zur Motivation führte er seinen Spielern Videos mit Szenen aus der kanadischen Volkssportart Nummer Eins vor, Eishockey.

"Wir hatten das Gefühl, zu Beginn der Serie nicht mit genügend Einsatz gespielt zu haben. Ich weiß zwar nicht viel über Hockey, aber wir haben uns angesehen, wie diese Spieler ihre Gegner gegen die Plexiglaswand oder in die Absperrung checken, denn mit solchem Einsatz wollten wir auch spielen."

Dirk Nowitzki light

Eine weitere Sache dürfte Casey aus seiner Zeit in Dallas vertraut sein: Er hat seinen eigenen Dirk Nowitzki. Oder besser gesagt eine Light-Version. Andrea Bargnani, 2006 an erster Stelle gedraftet, wurde er vor allem zu Beginn seiner NBA-Karriere aufgrund seiner Beweglichkeit und seines starken Distanzwurfs stets mit dem Würzburger verglichen.

Bargnani war 2010-11 zwar mit 21,4 Punkten im Schnitt bester Scorer seines Teams, durch seine für einen Center absolut enttäuschende Rebound-Ausbeute (5,2) sowie seine nicht vorhandene Defensivpräsenz in der Zone wurden diese aber wertlos.

Die Raptors holten gerade mal 22 Siege und legten damit die drittschwächste Bilanz in der Liga hin. Entsprechend deutlich ist die Kritik der Fans am Italiener, der nach dem Abgang von Chris Bosh eigentlich die Rolle des Franchise-Players bei den Kanadiern übernehmen sollte: Er zeige zu wenig Einsatz, sei zu soft und zudem völlig überbezahlt.

"Andrea ist ein besserer Athlet als Dirk"

Sollte man also versuchen, Bargnani schnellstmöglich loszuwerden? Nicht zwingend.

Denn den Raptors mangelt es an starken Schützen von außen. DeMar DeRozan ist zwar ein talentierter Slasher, macht seiner Positionsbezeichnung als Shooting Guard mit gerade mal neun verwandelten Dreiern (bei 68 Versuchen) in 159 NBA-Spielen aber keine Ehre. Neben Bargnani trifft nur Jose Calderon regelmäßig von draußen.

"Andrea ist einer der besten Schützen unter den Big Men, und er ist ein besserer Athlet als Dirk", lobt Casey. "Er hat das Potential, ein absoluter Topspieler zu werden. Aber um dieses Level zu erreichen, muss er konstant mehr Einsatz beim Rebounding zeigen und seine Größe einsetzen."

Daran zweifelt aber selbst Raptors-GM Bryan Colangelo - bislang Bargnanis größter Befürworter - mittlerweile: "Wir wissen, dass Andrea besser rebounden kann, aber er konzentriert sich nicht darauf... das hat etwas mit Willen zu tun. Damit muss er klar kommen."

Den Blick auf die Zukunft gerichtet

Was den Raptors bislang fehlte, ist ein defensiv orientierter Center, der Bargnani erlaubt, sich auf dem Flügel rumzutreiben. Und eben den haben sie im diesjährigen Draft mit Jonas Valanciunas verpflichtet. Bereits im Vorfeld erklärten diverse Scouts den Litauer zum Top-Talent 2011. Wieso wurde er aber erst an fünfter Stelle gepickt?

Valanciunas steht noch drei Jahre bei seinem litauischen Klub Lietuvos Rytas unter Vertrag und die Raptors müssten 1,8 Millionen Euro zahlen, um ihn schon in diesem Jahr rauszukaufen. Da ein Team laut NBA-Statuten aber maximal 351.000 Euro zu einem Buyout hinzuzahlen darf, müsste der 19-Jährige den Restbetrag aus eigener Tasche löhnen.

Entsprechend ist klar, dass Valanciunas die kommende Saison, unabhängig vom Lockout, definitiv in Europa verbringen wird. "Hätte er direkt zur Verfügung gestanden, dann wäre er der Nummer-Eins-Pick gewesen", ist sich "ESPN"-Experten Ric Bucher sicher.

"Ihr habt den Richtigen gewählt"

Colangelo war bereit, auf seinen Wunschspieler zu warten und könnte dadurch der große Gewinner des Drafts werden. Insbesondere, da Valanciunas sich mittlerweile mit Rytas auf einen Buyout geeinigt hat und zur Saison 2012-13 nach Toronto wechseln wird.

"In Zukunft werden die Leute auf diesen Pick zurückschauen und sagen: 'Ihr habt den richtigen Spieler gewählt'", versichert Colangelo, den laut eigener Aussage direkt nach dem Draft zahlreiche Kollegen anriefen, um ihm zu seinem Glücksgriff zu gratulieren.

Ein Eindruck, der sich bei den U-19-Weltmeisterschaften in Lettland bestätigte: Valanciunas führte sein Team mit durchschnittlich 23 Punkten, 13,9 Rebounds und 3,2 Blocks zum Titel und wurde zum MVP gekürt. Auch die USA bekamen im Rahmen einer 75:108-Klatsche in der Vorrunde seine Qualitäten (23 Punkte, 11 Rebounds, 2 Blocks) deutlich zu spüren.

Physische Defizite

Um in der NBA bestehen zu können, muss Valanciunas allerdings dringend an Kraft zulegen. Derzeit wiegt er bei 2,13 Metern Körpergröße gerade mal 105 Kilogramm.

"Stärke könnte ein Problem sein. Er muss kräftiger werden, um in der NBA mithalten zu können. Daran muss er jetzt arbeiten, aber er wird die Zeit dazu haben", gab sich Casey auf der Pressekonferenz nach dem Draft zuversichtlich. "Ich habe zuletzt mit Tyson Chandler gearbeitet, und Tyson war in dem Alter noch nicht so gut wie Jonas."

Seiner Qualitäten und Defizite ist sich auch das Center-Juwel selbst bewusst: "Meine Stärken liegen im Pick'n'Roll und in der Defensive, ich blocke Würfe und rebounde. Aber ich muss noch an meinem Körper arbeiten, um stärker zu werden. Ich muss im Low Post noch vielschichtiger werden, genauso wie bei meinem Schuss."

Neuaufbau mit Fragezeichen

Die Raptors brauchen in erster Linie Zeit, und der Lockout spielt ihnen dabei in die Karten. Denn Valanciunas ist während der voraussichtlich verkürzten Saison 2011/12 bei Lietuvos Rytas bestens aufgehoben. Colangelo kündigte bereits an, eine enge Zusammenarbeit mit den Litauern anzustreben, um Einfluss auf sein Training nehmen zu können.

Mit Dwane Casey kommt ein neuer Impuls ins Spielsystem: Defense. Und dafür wird es auch höchste Zeit, denn mit Offense alleine haben die Raptors während der letzten neun Saisons nur zwei Mal die Playoffs und kein Mal die zweite Runde erreicht. Aber: Wie lange braucht die Mannschaft, um ihre Spielweise umzustellen?

Ein dickes Fragezeichen steht weiterhin hinter Andrea Bargnani. Prinzipiell ist er der ideale Frontcourt-Partner für Valanciunas, der einige seiner Schwächen ausgleichen wird.

Allerdings kann das kein Alibi für mangelnden Einsatz in der Defensive sein. Selbst, wenn es Casey gelingt, in Toronto ähnlich viel zu bewirken wie in Dallas - eine Light-Version kann den echten Dirk Nowitzki nicht ersetzen.

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