Dienstag, 06.04.2010

Detroit eine der großen Enttäuschungen

Der Untergang von Utopia

Die Detroit Pistons waren das Vorbild für jeden NBA-Klub - doch jetzt sind sie eine Lachnummer. Das Team steckt in einer Identitätskrise, Hoffnung macht nur wenig. Außer ein gewisser Schwede und zwei Rookie-Kollegen...

Generationswechsel: Ben Wallace (r.) hat das Nachsehen gegen Orlandos Dwight Howard
© Getty
Generationswechsel: Ben Wallace (r.) hat das Nachsehen gegen Orlandos Dwight Howard

Fehlende Kreativität lassen sich die amerikanischen Jugendlichen nicht vorwerfen. Zumindest nicht die zwei weiblichen Fans der Detroit Pistons, die eigens für ihren Lieblingsspieler den R'n'B-Hit "Down" von Jay Sean liebevoll und mit einem gewissen musikalischen Talent umtexteten.

"So Jonas don't worry,
You are my only,

You will beat Kobe,
Even if you're down by seventeen."

Hier geht's zum ultimativen Fan-Song für Jonas Jerebko!

Der Besungene heißt Jonas Jerebko und gehört eigentlich zu den unbekannten Gesichtern der NBA. Dennoch hinterließ ihm das Duo ein musikalisches Vermächtnis im Internet.

Einerseits wohl, weil der 2,08-Meter-Modellathlet aus Schweden vor allem Mädchen im Teenager-Alter optisch zu gefallen weiß. Andererseits aber auch, weil Jerebko zu den wenigen Lichtblicken in einem sonst desaströsen Jahr der Pistons gehört.

"Dieses Jahr ist richtig tough"

Nach der elften Niederlage in Serie und einer Bilanz von 23-53 rangiert Detroit auf einem indiskutablen 13. Platz im Osten. Erschreckenderweise könnte die Franchise selbst vom Vorletzten Washington (ebenfalls 23-53) verdrängt werden, obwohl die Wizards aufgrund des Arenas-Skandals mitten in der Saison einen Neubeginn einläuteten.

"Wenn man es gewohnt ist, so lange oben zu stehen, und sich dann plötzlich unten wiederfindet, ist es tough. Ich sag' es euch: Dieses Jahr ist richtig hart", klagt Veteran Ben Wallace.

Acht Spielzeiten hintereinander erreichten die Pistons die Playoffs, zwischen 2003 und 2008 sechs Mal in Folge sogar das Conference-Finale. Kein anderes Team der Liga war in den letzten Jahren derart konstant - und kein anderes Team diente anderen Klubs so häufig als Vorbild wie der Meister von 2004.

Vom Manager-Papst zum Verlierer

Die Ära der Pistons glich einer wahr gewordenen Utopie: Statt teure Superstars zu verpflichten, stellte General Manager Joe Dumars mit viel Weitsicht eine Gruppe von selbstlosen, aber dafür umso härter arbeitenden Spielern zusammen - und hatte in einem Zeitraum von fast einer Dekade durchgängig Erfolg.

Doch Dumars hat sein Gespür für intelligente Trades und kostenbewusstes Salary-Cap-Management verloren. Er war es, der das Potenzial in verkannten Spielern wie Ben und Rasheed Wallace, Chauncey Billups, Rip Hamilton und Tayshaun Prince erkannte und um sie herum die defensivstärkste Mannschaft der NBA formte.

Er war es aber eben auch, der Anführer Chauncey Billups für Allen Iverson eintauschte und am 8. Juli letzten Jahres innerhalb weniger Stunden zwei Deals einfädelte, die Detroit womöglich noch Jahre verfolgen werden.

Gordon und Villanueva katastrophal

Free Agent Ben Gordon (zuvor Chicago Bulls) wurde für fünf Jahre und 55 Millionen Dollar verpflichtet, der ebenfalls vertragslose Charlie Villanueva (Milwaukee Bucks) erhält für den gleichen Zeitraum immerhin noch 35 Millionen Dollar.

"Wir sind sehr glücklich, unsere Mannschaft mit solchen Spielern verjüngen zu können", jubelte Dumars damals. "Die beiden werden ihren Leistungshöhepunkt erst noch erreichen."

Entgegen Dumars' Erwartung ist jedoch das Gegenteil der Fall: Statt sich zu steigern, haben sich die beiden designierten Leistungsträger in Detroit dramatisch verschlechtert.

Gordons Punkteschnitt ging um 7,8 Zähler (auf 12,9) sowie die Dreierquote um 10,7 Prozent (auf 30,3) zurück. Der für seine Wankelmütigkeit bekannte Villanueva wiederum legte auch bei den Pistons seine Inkonstanz nicht ab und kommt auf 11,7 Punkte (letztes Jahr: 16,2).

Die Cheerleader der NBA
Sie heizen die Stimmung in den NBA-Hallen an: die Cheerleader
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Pistons in der Identitätskrise

Die missglückten Trades spiegeln aber nur eine Facette der Malaise wieder. Die Probleme gehen tiefer. Während sich die vergangenen Teams über ihren Mannschaftsgeist und die knallharte Verteidigung definierten, stecken die aktuellen Pistons in einer mittelschweren Identitätskrise.

Die Defense ist nur noch Mittelmaß - angesichts der am eigenen Brett nachlässigen Gordon und Villanueva leicht erklärbar -, gleichzeitig verfügen die Pistons über die vielleicht mieseste Offense der Liga. 93,3 erzielte Punkte im Schnitt bedeuten den vorletzten Rang, bei den Dreierquoten ist Detroit mit 31,0 Prozent sogar Letzter.

Verletzungen als Ausrede?

Nicht verwunderlich, wenn aus der Vier-Mann-Guard-Rotation neben Gordon auch Rip Hamilton (29,7 Prozent), Rodney Stuckey (22,7) und Will Bynum (21,7) solch unterirdische Quoten liefern. Zumal die offensive Impotenz vom fehlenden Teamplay zeugt.

In dieser Saison gab es bereits zwölf Spiele, in denen Detroit 13 Assists oder weniger gelangen (Bilanz: 1-11). In den vier Spielzeiten zuvor kam es insgesamt nur elfmal vor.

Die Erklärung von Dumars und dem zunehmend hilflos wirkenden Coach John Kuester, wonach die zahlreichen Verletzungen von Ben Wallace und anderen der Hauptgrund für die Krise seien, greift demnach zu kurz.

"Für mich steht außer Frage, dass wir eine Chance auf die Playoffs gehabt hätten, wenn wir gesund geblieben wären. Ein Titelkandidat ist auch nur ein Titelkandidat, wenn er fit bleibt", beharrt Kuester.

Detroit ist am Zerbrechen

Mittlerweile dient das früher so strahlende Aushängeschild Pistons als Sinnbild für das von der Wirtschaftskrise so gebeutelte Detroit. Die Stadt ist am Zerbrechen - genauso wie die Mannschaft.

Prince und Hamilton haben mit Detroit bereits abgeschlossen, nachdem die beiden Veteranen im Winter auf dem Trademarkt verramscht werden sollten. Und mehr als das Duo zum Tausch zu bieten, bleibt Dumars auch nicht übrig, um zumindest ansatzweise eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammenzustellen.

Denn der Salary Cap gibt nicht viel her, die Payroll beträgt abgezogen der auslaufenden Verträge weiterhin satte 51 Millionen Dollar. Als Tradekandidaten waren vor einigen Wochen Namen wie Carlos Boozer (Utah), Chris Kaman (L.A. Clippers) und Amare Stoudemire (Phoenix) im Gespräch.

Kommen die Pittsburgh Pistons?

Jedoch stehen nicht nur einzelne Spieler zur Disposition. Selbst die gesamte Franchise kämpft um ihre Daseinsberechtigung in Detroit, nachdem bekannt wurde, dass Besitzerin Karen Davidson zumindest mittelfristig einen Verkauf der Pistons erwägt. Die "Detroit Free Press" spekulierte bereits über einen Umzug nach Pittsburgh (Zitat: "So unrealistisch ist es nicht").

Die düstere Stimmung erhellen können derzeit nur wenige. Beispielsweise Austin Daye und DaJuan Summers. Zwei talentierte Basketballer, die bisher nur wenige Minuten bekommen, aber gute Ansätze zeigen und nächste Saison für die Rotation eingeplant sind.

Und selbstverständlich Rookie-Kollege Jerebko, der mit seiner uneigennützigen Attitüde Erinnerungen an die Pistons vergangener Jahre weckt und dafür als einer der Wenigen bejubelt wird - nicht nur von zwei Teenagern mit einem gewissen musikalischen Talent.

Bilanz zum Grauen: Der Spielplan der Pistons

Haruka Gruber

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