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MLB All-Star Game 2017: Nachbericht zum Spiel in Miami

Die Show verdrängt den Sport

Mittwoch, 12.07.2017 | 10:57 Uhr
Während des Spiels findet Third Baseman Nolan Arenado Zeit, Alex Rodriguez ein Interview zu geben
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MLB
Astros @ Yankees (Spiel 5)
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Dodgers @ Cubs (Spiel 4)
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Yankees @ Astros (Spiel 6)

Beim 88. MLB All-Star Game in Miami, das die American League in zehn Innings mit 2:1 gegen die National League gewann, stellte sich die Frage, wie sich das Spiel ohne die World-Series-Implikationen der letzten Jahre entwickeln würde. Der übertragende TV-Sender FOX lieferte darauf schon sehr früh eine klare Antwort. Der Sport geriet mitunter zur Nebensache - positiv wie negativ.

"This one counts" war seit Jahren der Slogan des MLB All-Star Games.

Nachdem das Spiel im Jahr 2002 unentschieden endete, da beide Teams irgendwann keine Pitcher mehr hatten, entschied die Liga, dem Spiel mehr Bedeutung beizumessen. Die Lösung: Die Sieger-Liga bekam den Heimvorteil in der World Series. Im Gegensatz zur Konkurrenz aus NBA, NFL und NHL "zählte" der Midsummer Classic also.

Nach 14 Jahren wurde jedoch im letzten Winter beschlossen, dass es an der Zeit war, diesen Aspekt des Spiels wieder abzuschaffen. Und so hieß es dann dieses Jahr gewissermaßen: "This one does not count anymore."

Und um das neue alte Konzept nachhaltig zu unterstreichen, führte FOX, das in den USA übertragende TV-Network, einige Dinge ein, die man so auch noch nicht gesehen hat im Baseball. Und der Sport ist immerhin schon 150 Jahre alt.

A-Rod interviewt Spieler auf dem Platz

Los ging es mit einem Interview auf dem Feld vor dem ersten Inning. Reporter-Superstar Ken Rosenthal - im Grunde der Adam Schefter (NFL) oder Adrian Wojnarowski (NBA) des Baseballs - sprach mit Charlie Blackmon direkt vor dessen erstem At-Bat im Spiel.

Vorm zweiten Inning, das verspätet begann, stapfte FOX-Reporter und Ex-Baseballstar Alex Rodriguez Richtung Infield. Sein Ziel: drei Interviews mit Spielern auf dem Feld! Second Baseman Daniel Murphy, Shortstop Zack Cozart und Third Baseman Nolan Arenado wurden allesamt abgeklappert und durften ein paar Sätze sagen, bevor es endlich weiterging mit dem Spiel.

But wait, there's more, wie Apples CEO Tim Cook so gerne sagt: Im Anschluss gab Outfielder George Springer ein Interview während des Innings! Das Spiel lief und Springer stand im Feld und Kommentator Joe Buck Rede und Antwort. Selbiges tat später auch Bryce Harper, der zunächst mal die Frage klärte, ob er denn ein Hemd unter seinem tief geknöpften Jersey trug - ja, tat er. Ein sehr tiefes.

Die Show rückte in den Vordergrund, das Spiel wurde dadurch zur Nebensache. Das soll jetzt aber auch nicht zu negativ klingen, schließlich ging es ja um nichts. Außer um 20.000 Dollar pro Nase für den Gewinner. Oder wie es die meisten All-Stars nennen: ein Trinkgeld.

Sinkende TV-Quoten als Auslöser des Umdenkens

FOX versuchte im Grunde alles, um zu unterstreichen, dass Baseball eben auch in der heutigen Zeit, in der TV-Quoten gerade im Sportbereich nicht unbedingt steigen, cool sein kann. Und cool war es ja auch, was man dort versuchte. Cool sind auch die technischen Tools, die man heutzutage zur Verfügung hat - wer liebt nicht die diversen Statcast-Analysen in allen Facetten des Spiels? Oder Hightech-Zeitlupen und 360-Grad-Kameras.

Dabei ja darum, den Sport besser darzustellen, verständlicher, interessanter zu machen. Aber wann ist das Rad überdreht? Vielleicht ja bei Interviews WÄHREND des laufenden Spiels. Sportlich interessant wäre es gewesen, den Spieler mehr zum Spielverlauf zu befragen, aber die üblichen Reporter-Fragen a la "Wie geil ist Aaron Judge?" oder die nach dem Unterhemd? Braucht keiner, schon gar nicht in der Situation.

Natürlich gab es auch die mittlerweile üblichen Manager-Interviews, aber Manager können es sich durchaus erlauben, mal für mehrere Minuten nicht hundertprozentig aufs Spiel zu achten. Spieler sollten dies nicht tun müssen.

FOX tat alles, um die Übertragung cooler zu gestalten, Buzz zu kreieren, der auf den sozialen Medien auch angenommen wurde. Doch liegt die Betonung hier auf der Übertragung. Die Show stand im Vordergrund. Die eigentliche Show, das Spiel, geriet da fast schon zur Nebensache.

Der Sport wird zur Nebensache

Die Spieler machten den Spaß aber auch mit - die meisten sicherlich bereitwillig. Nelson Cruz etwa ließ sich vor seinem At-Bat mit dem sonst eher knurrigen Home Plate Umpire Joe West von Catcher Yadier Molina ablichten. Eine Aktion, die in anderen Spielen undenkbar und fast skandalös wäre.

Rein subjektiv diskutierten die Menschen auf Twitter mehr über besagte Interviews als über das Spiel selbst. Wer hat den ersten Run erzielt? Welcher AL-Pitcher lud sich die Bases und zog dann doch den Kopf aus der Schlinge? Morgen weiß das keiner mehr - Antwort a) wäre Jonathan Schoop, Antwort b) Dellin Betances gewesen.

Aber dass Bryce Harper ein Unterhemd trug und coole Schuhe anhatte, darüber wird gesprochen! Wobei es eine schöne Geste war, dass Harper den verstorbenen Marlins-Pitcher Jose Fernandez in Miami mit seinen Schuhen ehrte.

Was keineswegs untergehen soll, ist die Tatsache, dass beide Manager und damit beide Teams das Spiel eben doch ernst genommen haben! Zu sehen daran, dass in beiden Bullpens am Ende noch jeweils mehrere Pitcher parat gestanden hätten, hätte sich die Geschichte noch deutlich länger als ein Extra Inning gezogen. Anders als in den letzten Jahren durften aber alle Positionsspieler ran. Auch ein positiver Nebeneffekt der Abschaffung des sportlichen Wertes: Wer will schon All-Star sein, aber das Spielfeld überhaupt nicht betreten?

Will der Sportfan mehr Show?

Ohne jetzt die Quoten gesehen zu haben, ist davon auszugehen, dass sie zufriedenstellend für alle Beteiligten gewesen sein dürften. Nicht wegen des Sports, aber wegen der Show. Und andere Sender werden dies als Fingerzeig betrachten, um selbst den Fokus von Sportübertragungen ein Stück weit weg vom Sport und hin zur Show zu bewegen - mehr als ohnehin schon.

Ob das der Sportfan sehen will oder nicht? Zweitrangig, denn der Mainstream-Fan will mitgenommen werden. Besonders dann, wenn es mal nicht zählt.

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