Donnerstag, 07.02.2008

Shaq nach Phoenix: Pro & Contra

Tanzkurs für die Trottel

München - Der erste Gedanke: Ist heute der 1. April? Der zweite Gedanke: Das kann doch nicht wahr sein! Der dritte Gedanke: Die Chose ist doch völlig absurd...

Shaquille, O'Neal, Phoenix, Suns
© Getty

Die Phoenix Suns schicken Shawn Marion nach Miami, damit im Gegenzug Shaquille O'Neal nach Arizona wechselt.

Noch einmal zum Mitschreiben: Phoenix - der erfolgreichste Klub im Westen, die Verkörperung des Schönen in der NBA - tauscht mit Marion den Edelverteidiger und Über-Allrounder ein. Für einen 35-jährigen, nicht fitten, hoffnungslos überteuerten Er-war-einmal-ein-Superstar.

"Wenn es mit Shaq funktioniert, bin ich ein Genie", sagte Suns' General Manager Steve Kerr. "Wenn nicht, bin ich der Trottel." Gut zusammengefasst.

Shaq statt Gasol oder Kirilenko

Ohne dass es einen offensichtlichen Grund gab, riss Kerr den Kern der Mannschaft auseinander. Und das für einen Spieler, der diese und die beiden nächsten Spielzeiten jeweils 20 Millionen Dollar verdient und mit seinem statischen Spielstil so gar nicht zum hyperschnellen Improvisationsbasketball der Suns passen will.

Zumal die Suns vor zwei, drei Monaten für Marion auch einen Pau Gasol oder Andrei Kirilenko hätten haben können. Beide ähnlich teuer wie Shaq, dafür aber jünger und noch nicht über den Zenit.

Coach Mike D'Antoni insistiert jedoch: "Ich dachte die ganze Zeit, dass wir auf einem guten Weg sind, den Titel zu holen. Als sich die Gelegenheit mit Shaq bot, wussten wir jedoch, dass wir mit ihm eine noch bessere Chance haben werden."

Tatsächlich? Ist Shaq wirklich das entscheidende Puzzleteil für Phoenix' erste Meisterschaft? Eine Pro-und-Contra-Abwägung in vier Schritten.

 

  Die Taktik
Was gegen Shaq spricht

Was für Shaq spricht 

Das Volk zetert: Die Suns haben ihre Werte verraten! Aus den Che Guevaras der Liga mit ihrem unorthodoxen Up-Tempo-Basketball bleibt nach Shaqs Ankunft nicht mehr viel übrig, befürchtet etwa J.A. Adande von "ESPN".

Eins ist klar: Phoenix wird mit dem Diesel im Gepäck des Öfteren das langsame Setplay bevorzugen, als gnadenlos aufs Gaspedal zu drücken. Und das bedeutet: Es wird langweiliger. Mit Shaq sind schnelle Pick-and-Rolls nicht denkbar, peu a peu wird das Establishment einkehren, soviel scheint sicher.

Kompromissloses Run-and-Gun war gestern, dafür werden die Suns variantenreicher. Shaq ist langsam und alt, mit 2,16 Metern und über 140 Kilo aber nach wie vor eine Präsenz unter dem Korb.

"Wenn man ein Mädchen zum Tanzen ausführen will, muss man mehr als einen Tanz können. Du musst schnell tanzen können, aber auch langsam", so Nuggets-Trainer George Karl. "Bis Shaq kam, kannten die Suns nur einen Tanz. Jetzt haben sie aber das ganze Paket. Er wird Aufmerksamkeit auf sich ziehen und den anderen Freiräume schaffen."

  Die Fitness

Jaja, der Diesel und seine Anfälligkeit. Seit 8 Jahren hat er nie mehr als 75 Regular-Season-Spiele bestritten, in den letzten zweieinhalb Jahren verpasste er 80 von möglichen 211 Partien.

Derzeit plagt er sich mit seinen chronischen Knieschmerzen und seiner Hüfte herum, aus dem Big Daddy wird langsam aber sicher der Old Daddy. In einem Monat wird er 36.

In Miami offenbar nicht ganz so fleißig bei der Reha, soll in Shaq wieder das alte Feuer brennen. So erzählte etwa Steve Nash, dass er von O'Neal eine SMS mit dem Satz "Ich lasse euch nicht hängen" erhalten habe.

Shaq will seinen Titel. Seinen fünften. Dann erst - so betont er immer wieder - hinterlasse er ein Vermächtnis. Und dafür nimmt er Extraeinheiten in Kauf.

  Die Finanzen

Ein Veteran, der durch etliche Playoff-Schlachten gegangen ist und unter dem Korb seinen Mann steht. Shaq ist so einer. Kurt Thomas war auch so einer. Den haben die Suns noch im letzten Sommer mehr oder weniger an Seattle verschenkt, weil sie dessen Acht-Millionen-Salär sparen wollten. O'Neals Verdienst zur Erinnerung: 20 Millionen pro anno.

Ein Albtraum für den sonst so sparsamen Besitzer Robert Sarver. Müsste man meinen...

Ein nicht namentlich genannter General Manager glaubt jedoch, dass die Suns "ihre Schäfchen im Trockenen" haben. Und wie schaffen sie das? Durch erhöhte Merchandising- und TV-Einnahmen.

Shaq = teuer und alt. Aber auch: Shaq = Big Aristotle, Superman,  Shaq Attack, Most Dominant ever, Entertainer, der einflussreichste NBA-Spieler der letzten zehn Jahre.

Das Fazit
An D'Antonis Theorie vom entscheidenden Puzzleteil ist etwas dran. Die Suns werden unberechenbarer, das gesundheitliche wie auch finanzielle Risiko scheint einigermaßen überschaubar zu sein.

Nur: Für den kurzfristigen Erfolg verkauft Phoenix die Zukunft. Shaq ist nächste Saison 36, Steve Nash (34), Grant Hill (36) und Raja Bell (32) wären auch nicht die Frischesten.

Bei den Miami Heat ging die Taktik zunächst auf. Shaq kam, mit ihm der Titel, eineinhalb Jahre darauf sind sie jedoch im tiefsten Tal der Tränen angekommen. Genie oder Trottel - die Frage ist doch eine Sache der Sichtweise.

 

Haruka Gruber

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