Donnerstag, 31.01.2008

Tom Brady im Porträt

Ein Junge wird zum Golden Boy

München - Bevor er Super Bowls gewann, bevor er mit Supermodels ausging und bevor er von Paparazzi verfolgt wurde, war Tom Brady einfach "Tommy", ein Junge aus der Nachbarschaft. 

NFL, Super Bowl, Tom Brady, Patriots
© Getty

Einer, der Baseball-Karten sammelte, der am Sonntagmorgen mit seinem Vater eine Runde Golf spielte, in seiner Gemeinde in der Kirche als Messdiener fungierte und seinen starken Wurfarm dadurch demonstrierte, vom Van seiner Mutter aus Zeitungen in die schön manikürten Gärten in einem hügeligen Vorort von San Francisco zu feuern.

Als er begann, in der Schule Football zu spielen, war er erst zu schlecht, um der starting Quarterback zu sein. Und das in einem Team, das kein einziges Spiel gewann (0-8), keinen einzigen Touchdown erzielte.

Der kleine Bruder 

Die meisten Leute in Bradys Umgebung hielten Baseball für seinen besten Sport. Aber Tommy wollte Football spielen und setzte seinen Willen durch.

Brady war schon damals mit einem großen inneren Antrieb ausgestattet. Er war fokussiert und sehr selbstbewusst. Es war ein Selbstbewusstsein, das er in sich trug und nicht groß hinausposaunte. Bis auf ein Mal.

"Ich werde es nie vergessen. Tommy musste einen Aufsatz für die Schule schreiben", erzählt Maureen Brady-Timmons, die älteste von drei älteren Schwestern von Brady.

"Wir Mädchen waren ziemlich gut im Sport und standen oft in der Zeitung. Tommy war immer der kleine Bruder von Maureen Brady oder einfach der kleine Brady. Also schreibt er diesen Aufsatz und schreibt darin, dass er will, dass wir eines Tages als Tom Bradys Schwestern bekannt sind", so Brady-Timmons.

"Eines Tages werde ich auf der ganzen Welt bekannt sein", das war Bradys Ziel. Als er es seiner Familie verkündete, lachten alle.

The Brady Bunch 

Sie liebten ihren kleinen Tommy, aber dass es mal so wahr werden würde, konnten sie nicht erwarten.

Zwischen 1969 und 1974 gab es in Amerika eine Sitcom mit dem Titel "The Brady Bunch". Jetzt gibt es wieder einen Brady-Bunch: die New England Patriots.

Drei Super-Bowl-Championships stehen für Brady zu Buche, die Chance auf eine vierte hat er am Sonntag, wenn er mit seinen Pats auf die New York Giants trifft.

Dazu kommen zwei Super-Bowl-MVP-Auszeichnungen. Er ist der amtierende MVP der Liga. Der Golden Boy. Ständig auf Magazin-Covern abgelichtet. Hat hoch dotierte Werbeverträge. Und ist mit Gisele Bündchen zusammen.

Wer hätte das gedacht? Brady hatte schon immer einen starken Arm, aber seine Schnelligkeit? Seine ehemaligen Trainer sagen bis heute, dass er einer der langsamsten Spieler der High School war.

Fanatischer Seilspringer 

Er war kein großer Athlet, aber er war immer schon ein richtiger "football player", wie es in Amerika so schön heißt. Einer, der einfach weiß, wie es geht. Der weiß, wie man gewinnt.

Außerdem war Brady schon als Kind intelligent und hart zu sich selbst. Seine Arbeitseinstellung war und ist unerreicht. Er stellte einen eigenen Seilsprung-Drill auf. So detailliert, so gut, dass ihn sein ehemaliger Coach in die Trainingsarbeit einbaute, als Brady schon längst nicht mehr da war.

Bis heute ist Brady ein fanatischer Seilspringer. Ein Football-Student, der nach einem Sunday Night Game am nächsten Morgen schon wieder im Film-Raum sitzt und Videos vom nächsten Gegner studiert, während die Putzkolonne noch gar nicht fertig ist und kein anderer Spieler schon aus dem Bett gekrochen ist.

Hinzu kommt, dass der 30-Jährige ein Fitness-Freak ist. Beim alljährlichen Sommer-Urlaub mit der Familie fährt Brady jeden Tag über 60 Kilometer zum nächsten Fitness-Studio, um sein tägliches Drei-Stunden-Programm durchzuziehen.

Vergleich mit Joe Montana 

"Letztes Jahr kommt er wieder nach Hause. Ich hole gerade die Steaks vom Grill für das Abendessen. Da sagt Tom 'Tut mir leid, ich bin noch nicht fertig mit meinem Workout'", so sein Vater Tom Sr. Also holte Tom sein Sprungseil und machte noch mal 600 Sprünge.

Diese Erfolgsbesessenheit ("Der nächste Titel ist mir der liebste") macht ihn aus. So war es schon in seiner Jugend. Nach der Schule, nach den Hausaufgaben, wenn alle anderen ausgingen oder Video-Spiele spielten, zog es Brady in den Fitness-Klub für abendliche Leibesübungen.

"Ich kann es einfach nicht glauben, dass mein Bruder seinen vierten Super Bowl spielt. Diese Superstar-Sache und diese Bruder-Sache, das passt irgendwie nicht zusammen", sagt Maureen, die sich immer noch erinnert, wie der kleine Tommy im lokalen Baseball-Stadion den Mast hochgeklettert ist, um sie pitchen zu sehen.

"Alle vergleichen ihn mit Joe Montana. Sie sagen, Tom ist der beste aller Zeiten. Oh mein Gott, Joe Montana. Wir haben ihn verehrt", ergänzt Maureen.

Keine Baseball-Karriere

Tatsächlich hatten die Bradys über 20 Jahre lang Dauerkarten für die Spiele der 49ers. Brady saß in der zehntletzten Reihe und studierte sein Idol im alten Candlestick Park durchs Fernglas. Niemand nannte ihn den nächsten Joe Montana.

Seine Zukunft schien im Baseball zu liegen. Brady war ein mit viel Power ausgestatteter Catcher. In einem Playoff-Spiel gelangen ihm einmal zwei Homeruns.

Gut genug, um 1995 in der 18. Runde von den Montreal Expos gedraftet zu werden. Im Baseball wurde er am ersten Tag gezogen, im Football erst an Tag zwei. 2000 in der sechsten Runde an 199. Stelle. Eine Auswahl von Quarterbacks, die 2000 vor ihm gezogen wurden, umfasst Chad Pennington (Jets), Giovanni Carmazzi (49ers) oder Tee Martin (Steelers). Eines der größten Missverhältnisse aller Zeiten.

Trotz seines Baseball-Talents war seine Leidenschaft Football. Auch wenn er am Anfang auf der Bank saß. Aber hey, Michael Jordan wurde in seinem ersten Schuljahr sogar aus seinem Team geschmissen. Zu schlecht. Wie das ausging, ist bekannt.

"Fünf-Punkte-Drill" 

Brady ging also an die Uni von Michigan (im Bild als Wolverine), um Football zu spielen, fiel aber in den ersten Jahren nicht wirklich auf. Vom siebten Quarterback arbeitete er sich langsam nach oben und teilte sich die Spielzeit mit Brian Griese und Drew Henson.

Ein wichtiger Grund dafür, dass sich Brady dann dramatisch verbessern konnte, war eine Übung, die sein Coach "Fünf-Punkte-Drill" nannte.

Die fünf Punkte wurden in 2-1-2-Form ausgerichtet und die Spieler mussten auf Zeit durch verschiedene Muster durchsprinten.

Die Spieler hassten die Übung. Sie fluchten. Es war hart. Brady liebte es. Ohne dass es seine Teamkollegen wussten, fragte er seinen Coach nach der Vorlage und sprühte die fünf Punkte bei sich zu Hause vors Haus.

Er machte die Übung vor der Schule, nach der Schule. Während Familien-Grillfesten. Immer wieder. Immer wieder.

Als seine Mitspieler davon erfuhren, dachten sie, Brady sei nun völlig durchgedreht und verrückt geworden.

Aber er war nur ein Junge namens Tommy, der in der ganzen Welt bekannt werden wollte. 

Florian Regelmann

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