Yann-Benjamin Kugel im Rückblick-Interview

"Per saß da definitiv häufiger drin"

Von Für SPOX in Köln: Martin Gödderz
Sonntag, 07.12.2014 | 15:13 Uhr
Fitnesstrainer Yann-Benjamin Kugel war beim WM-Titel und beim FC-Aufstieg direkt dabei
© getty

Als Fitnesstrainer des 1. FC Köln und der DFB-Elf war Yann-Benjamin Kugel gleich bei zwei großen Triumphen hautnah dabei. Im SPOX-Interview blickt der Athletikcoach auf sein erfolgreiches letztes Jahr zurück, taucht noch einmal ein in den WM-Finaltag und spricht über seinen besonderen Empfang in Köln. Außerdem klärt er auf, was Per Mertesacker in der Eistonne machte.

SPOX: Herr Kugel, haben Sie schon Angst vor dem nächsten Jahr? Besser als dieses kann es für Sie persönlich ja eigentlich nicht mehr werden...

Yann-Benjamin Kugel: (lacht) Nein, ich freue mich eigentlich sogar sehr, weil wir den Klassenerhalt mit dem FC nächstes Jahr hoffentlich etwas früher in trockenen Tüchern haben und es generell etwas ruhiger wird. 2014 war zwar ein sehr schönes und vor allem aufregendes Jahr, aber ich habe auch nichts gegen etwas mehr Ruhe und vielleicht auch mal einen Urlaub zwischen den Saisons.

SPOX: Einen Urlaub gab es 2014 nicht für Sie, dafür waren sie als Fitnesstrainer sowohl beim Aufstieg des 1. FC Köln wie auch beim WM-Titel der DFB-Elf dabei. Wie haben sie die beiden Ereignisse erlebt?

Kugel: Es waren beides unglaublich tolle und intensive Erlebnisse für mich, aber den WM-Triumph und den Aufstieg kann man nur sehr schwer miteinander vergleichen. Da war zunächst einmal der Aufstieg bei meinem Heimatverein. So etwas mitzuerleben und ein Teil von diesem großartigen Team zu sein, war sehr emotional, weil ich schließlich auch aus der Region stamme. Wenn man dann die ganze Stadt beim Feiern erlebt, ist das ein sehr intensives Erlebnis.

SPOX: Noch schöner als der WM-Triumph also?

Kugel: Nein, das nicht. Es war bereits mein zweites WM-Turnier, schon 2010 in Südafrika war es sehr aufregend. Die Weltmeisterschaft in Brasilien mit dem Titel als Krönung abzuschließen, war absolut unfassbar. Der Unterschied zwischen den beiden Highlights ist, dass man auf den Aufstieg des FC so lange gemeinsam hingearbeitet hat und in dem Moment selbst schon begreift, dass man das Ziel einer ganzen Saison auch erreicht hat. Bei einer Weltmeisterschaft ist es eher so, dass man verhältnismäßig kurz zusammen ist. Dann steht am Ende die Mannschaft mit dem Pokal da und du begreifst nicht, was das für eine Tragweite hat. Das dauert ein bisschen.

SPOX: Wann kam dieser Moment, an dem Sie es begriffen haben?

Kugel: Das kann ich gar nicht so genau sagen. Es ist aber auch so, dass ich mich zwar sehr mit der Truppe identifiziere, unwahrscheinlich gerne bei der Nationalmannschaft arbeite und dankbar dafür bin, ein Teil davon zu sein, aber bis heute gar nicht selbst das Gefühl in mir trage, Weltmeister zu sein. Deswegen gab es auch keinen Tag X, an dem ich den Triumph dann begreifen konnte. Wenn ich aber mit Leuten darüber rede, dann wird mir schon bewusst: "Stimmt, du warst ja dabei und es war ein Wahnsinnserlebnis."

SPOX: Es ist noch gar nicht so lange her, dass Sie Ihr Studium an der Sporthochschule in Köln abgeschlossen haben. Plötzlich stehen Sie als Teil des Trainerteams vor hunderttausenden Leuten in Berlin und werden gefeiert. Was schießt einem da durch den Kopf?

Kugel: Natürlich vergisst man auch in solchen Situationen seine Wurzeln nicht. Grundsätzlich bin ich sehr dankbar für die Chance, im Profifußball arbeiten zu können. Da ist es dann auch entscheidend, in den wichtigen Momenten zu zeigen, was man kann. Ich habe ein, zwei Mal in meinem Leben das Glück gehabt, diese Chance zu bekommen. Nur eine Chance zu bekommen, reicht aber nicht. Nur weil ich gut vorbereitet war, konnte ich die Gelegenheit auch nutzen.

SPOX: Beim DFB betont man immer wieder, dass der WM-Titel mindestens genauso dem Betreuerstab gehört wie der Mannschaft. Fühlen Sie sich denn auch genauso?

Kugel: Das ist natürlich ein Unterschied. Man hat das Gefühl ein ganz kleiner Baustein gewesen zu sein auf dem Weg zum Titel. Am Ende des Tages aber, ganz ehrlich, gehört dieser Titel nicht den Betreuern, sondern der Mannschaft, die im entscheidenden Moment diese unglaubliche Leistung auf den Platz gebracht hat.

SPOX: Vor dem Turnier war noch eine große Debatte entbrannt um die Fitness von Spielern wie Schweinsteiger, Lahm oder Neuer. Haben Sie und der Trainerstab denn von Anfang an daran geglaubt, dass man die wichtigen Spieler rechtzeitig wieder fit kriegt?

Kugel: Wenn man da nicht dran glauben würde, dann könnte man auch direkt wieder nach Hause fahren. Am Ende war es der Verdienst der gesamten medizinischen Abteilung sowie des Trainerstabs, dass alle zum richtigen Zeitpunkt fit waren. Natürlich haben wir alle daran geglaubt und jeden Tag dafür gearbeitet.

SPOX: Wie sind Sie denn mit Spieler, die nicht ganz fit waren, umgegangen?

Kugel: Wir haben für die Jungs individuelle Trainingspläne erstellt und dann versucht, sie mit Hilfe der Doktoren und der Physiotherapeuten an die Mannschaft heranzuführen, damit sie rechtzeitig wieder ins Teamtraining einsteigen konnten.

SPOX: Sind die Spieler während des Turniers denn mit ihren Problemen auch zu Ihnen gekommen oder waren Sie nur einer der Fitnesstrainer?

Kugel: Wenn du jeden Tag in einer relativ kleinen Gruppe zusammen bist, dann bleibt es natürlich nicht aus, dass du dich auch mal abseits des Platzes unterhältst und nicht nur als Trainer die Anweisung "links, rechts" gibst, um später dann nur "Gute Nacht" zu sagen. Es bleibt in einer Gruppe nicht aus, dass man sich auch mal über Dinge abseits des Fußballs unterhält.

SPOX: Sie haben selbst in Costa Rica studiert und auch ein Jahr lang in Brasilien gelebt. Waren Sie vor Ort also auch so etwas wie der Kultur-Guide?

Kugel: Der Kultur-Guide vielleicht nicht unbedingt, aber ich hatte natürlich den Vorteil, dass ich auch gut portugiesisch spreche. Ich bin auch mit einem kleinen Trupp schon vier Tage vor dem ganzen Team losgeflogen, um einige Dinge vorzubereiten. Unser Koch war dabei, einer der Zeugwarte - quasi aus jeder Abteilung einer. Das war auch eine sehr gute Sache, weil ich dann direkt mit den Einheimischen vor Ort, die ja auch teils im Campo gearbeitet haben, in Kontakt treten und die Aufgaben abstecken konnte. Weil einige Einheimische kein Englisch sprechen, hatte ich hier mit der Landessprache einen großen Vorteil und so auch einen guten Draht. Da konnte ich die ganze Atmosphäre etwas mehr aufschnappen und noch mehr in die Leute reinhören.

SPOX: Sie als Fitnesstrainer sind der Experte, also klären Sie uns bitte auf: Wie lange saß Per Mertesacker letztendlich in der Eistonne?

Kugel: (lacht) Er saß zwar nicht ganz so lange wie angekündigt in der Tonne, aber Per war definitiv häufiger drin. Wir haben neben den Pool im Campo Bahia immer zwei Eistonnen gestellt und Per hat das Angebot häufig genutzt.

SPOX: Gehen wir noch einmal zum WM-Finaltag. Wie war die Stimmung im Team kurz vor dem größten Spiel der Karriere der Spieler?

Kugel: Am Finaltag waren wir alle sehr positiv gespannt, im Team herrschte eine angenehme, fast lockere Atmosphäre. Wir waren glücklicherweise in einem Hotel direkt am Strand. Ich bin an dem Morgen früher aufgewacht und bin mit einigen Kollegen am Strand spazieren gegangen. Da hatte ich auch schon im Kopf: "Das könnte ein richtig, richtig guter Tag werden heute."

SPOX: Was macht man als Fitnesstrainer dann eigentlich während des Spiels?

Kugel: Das wird unterschiedlich gehandhabt und ist von Cheftrainer zu Cheftrainer anders. Beim FC machen wir es beispielsweise so, dass ich das Warmup gemeinsam mit Co-Trainer Manfred Schmidt mache. Bis kurz vor der Halbzeit sitze ich bei den Spielern auf der Bank und dann kümmere ich mich um die Auswechselspieler. Wir haben beim FC in dieser Saison eingeführt, dass die Spieler, die spielen, kurz vor Beginn der zweiten Halbzeit ein paar Läufe zum Aktivieren absolvieren. Während der zweiten Hälfte mache ich 45 Minuten Warmup mit den Auswechselspielern, damit sie jederzeit eingewechselt werden können.

Seite 2: Partyvergleiche und der WM-Hangover

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung