Voting: Antihelden des Jahres 2010

Versagen vor einem ganzen Kontinent

Von SPOX
Montag, 27.12.2010 | 14:42 Uhr
Totale Verzweiflung bei Asamoah Gyan nach Ghanas WM-Aus im Elfmeterschießen gegen Uruguay
© Getty

Dezember ist die Zeit für Jahresrückblicke, auch bei SPOX. 2010 war mit der Fußball-WM, Olympia, der Formel 1 oder der Eishockey-WM gespickt mit Highlights. Immer dabei: große Gewinner und Verlierer. SPOX sucht nach den Helden und Antihelden des Jahres. Teil 2: Die Antihelden.

Eure Meinung ist gefragt. Wer hat 2010 am meisten enttäuscht oder sorgte für das größte Aufsehen? Tiger Woods vielleicht mit seiner theatralischen Sexbeichte? Die FIFA mit ihrer höchst zweifelhaften WM-Vergabe? Asamoah Gyan, als er ganz Afrika geschockt hat? Oder doch Michael Schumacher, dessen Comeback herbeigesehnt wurde und der die Erwartungen nicht annährend erfüllen konnte?

SPOX stellt zwölf Kandidaten zur Wahl. Ihr könnt im Trend in der rechten Spalte Euren Favoriten anklicken. Das Endergebnis wird kurz vor Ende des Jahres verkündet.

Kandidat 1: Alberto Contador

Eigentlich sollte ein mittlerweile dreimaliger Tour-de-France-Sieger ein Held sein. Der Spanier hat sich in Frankreich ein faszinierendes Duell mit Andy Schleck geliefert und sich wieder mal keine Blöße gegeben. Contador fährt wie eine Maschine und steht nicht nur deshalb schon seit Jahren unter Dopingverdacht.

Bei seinem dritten Toursieg hat es ihn nun erwischt. Er wurde positiv auf das Muskelaufbaupreparat Clenbuterol getestet. Gegen die vorläufige Sperre des Weltverbandes will Contador aber vorgehen, da er verunreinigtes Fleisch als Ursache für seine erhöhten Werte vermutet. Na dann mal viel Erfolg!

Kandidat 2: Arthur Abraham

Als ungeschlagener "König Arthur" ist der Boxer ins Jahr 2010 gegangen. Die USA wollte er erobern und dort einen ähnlichen Legendenstatus erreichen wie Max Schmeling. Am Ende des gleichen Jahres steht er als geprügelter Hund vor den Trümmern seiner bisher so steilen Laufbahn. Das Super-Six-Turnier im Supermittelgewicht hat seinen Ruf arg ramponiert.

Erst die Niederlage durch Disqualifikation gegen Andre Dirrell im März. Schon damals wurden dem Deutsch-Armenier seine technischen Grenzen aufgezeigt und er lag nach Punkten klar zurück. Noch schlimmer kam es dann im November gegen Carl Froch, von dem Abraham zwölf Runden lang vorgeführt wurde.

Dank jeder Menge Absagen steht er trotzdem im Halbfinale, allerdings gegen den bisher stärksten Teilnehmer Andre Ward. Ob er ausgerechnet gegen ihn seine Karriere retten kann, wird im Jahresrückblick 2011 nachzulesen sein.

Kandidat 3: Asamoah Gyan

Es war der Stoff, aus dem Helden gemacht sind. Asamoah Gyan, Star der Nationalmannschaft Ghanas, kann in der letzten Minute der Verlängerung des WM-Viertelfinals ganz Afrika in kollektive Ekstase versetzen. Er muss dafür nur einen Elfmeter verwandeln.

Doch er tut es nicht. Gyan knallt den Elfer, der Ghana gegen Uruguay als erstes afrikanisches Team aller Zeiten ins Halbfinale gebracht hätte, an die Latte. Last-Minute-Schock. Für Gyan. Für Ghana. Für Afrika. Ausgerechnet bei der ersten WM auf dem schwarzen Kontinent versagen Gyan die Nerven. Das Spiel geht ins Elfmeterschießen, Ghana verliert, obwohl Gyan seinen zweiten Elfmeter verwandelt. Nach dem Spiel bricht Gyan weinend zusammen. Wer will es ihm verdenken?

Kandidat 4: Claudia Pechstein

Noch mal Doping. Noch mal eine vermeintlich unberechtigte Sperre. Claudia Pechstein hat fast das ganze Jahr über einen verzweifelten Kreuzzug gegen die ungerechte Welt der Weltdopingagentur WADA geführt. Sie wurde wegen auffälliger Blutwerte, aber ohne positive Dopingprobe für zwei Jahre gesperrt und hat dadurch die olympischen Spiele verpasst. Nicht einmal die Experten sind sich einig, ob ihre Argumente schlüssig sind oder nicht.

Auf jeden Fall hat sie ihr Schicksal in den Medien so breitgetreten, dass man das Wort Retikulozyten nicht mehr hören konnte. Zum guten Schluss legte sie dann noch ein Buch nach, in dem sie Selbstmordgedanken offenbarte. Spätestens an diesem Punkt hat das alles mit Sport nicht mehr das Geringste zu tun.

Kandidat 5: Basketball-Nationalmannschaft

Da denkt man, dass ein Nationalteam ohne unseren Superstar Dirk Nowitzki nichts wert ist, darf dann aber miterleben, wie die junge Truppe bei der WM in der Türkei gegen Argentinien und Serbien furios startet. Nur um danach ein Trauerspiel sondergleichen aufzuführen. Klatsche gegen Australien, Pleite gegen Basketball-"Großmacht" Angola. Das Aus in der Vorrunde. Daran änderte auch der abschließende Sieg gegen Basketball-"Gigant" Jordanien nichts mehr.

Fazit: Das Team könnte seinen Fans viel Spaß machen, das hat es in der Türkei aber nur mal ganz, ganz kurz aufblitzen lassen. Es braucht offensichtlich doch einen Nowitzki, um aus einer talentierten eine richtig gute Mannschaft zu machen. Hoffentlich 2011 wieder!

Kandidat 6: Handball-Nationalmannschaft

Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es ein Wintermärchen, einen WM-Titel des deutschen Teams im eigenen Land. 2007 war das. Drei Jahre später war wieder Winter, diesmal gab es Handball-EM in Österreich. Deutschland war dabei - mehr nicht.

Viele Verletzte, wie fast immer kein Kreisläufer und ein Rückraum, der völlig neben sich stand, sorgten für das sang- und klanglose Aus in der Hauptrunde. Niederlagen gegen Polen, Frankreich und Spanien konnte man noch akzeptieren, aber die Unentschieden gegen Slowenien und Tschechien taten weh.

Kandidat 7: FIFA

Und die Fußball-WM 2026 geht nach - Swasiland! Ist super dort! Zumindest dann, wenn sich jemand findet, der mit den Milliarden um sich wirft und der FIFA das Blaue vom Himmel herunter verspricht. WM ist da, wo das Geld ist. Und sei es am A... der Welt.

Das hat die Vergabe der Turniere 2018 und 2022 eindrucksvoll bewiesen. Nichts gegen die Gewinner Russland und Katar. Die Russen sind als Austragungsort einer WM sicher reizvoll und Katar wird für eine perfekte Organisation sorgen. Aber die FIFA hat vor allem durch die Wahl für das Emirat Katar die Seele des Fußballs an den Meistbietenden verkauft. Das ist für die echten Fans schon schlimm genug. Genauso schlimm ist aber, dass es bei FIFA-Boss Sepp Blatter und seinen Kollegen eigentlich niemanden hätte überraschen dürfen.

Kandidat 8: Equipe Tricolore

Es gibt eine Titelseite der französischen Sportzeitung "L'Equipe", auf der das DFB-Team abgebildet ist und die die Überschrift trägt: "Ca, c'est une equipe!". Zu Deutsch: "Das ist eine Mannschaft!". Eine klare Ansage an das französische Nationalteam, das sich in Südafrika bis auf die Knochen blamiert hat.

Nicht nur, dass der Finalist von vor vier Jahren einen fußballerischen Offenbarungseid leistete und mit nur einem Punkt aus drei Spielen nach Hause fuhr. Die Spieler trugen ihren Kleinkrieg mit Trainer Raymond Domench zudem in aller Öffentlichkeit aus - inklusive unzähliger Peinlichkeiten, die eigentlich in den Kindergarten gehören. Der Gipfel war ein Trainingsboykott. Am Ende war sogar die französische Regierung peinlich berührt.

Kandidat 9: Lance Armstrong

Der traurige Abgang eines ebenso schillernden wie umstrittenen Sportstars. Sieben Mal hat Armstrong die Tour de France gewonnen, doch sein letzter Auftritt dort geriet zur Demütigung. Schon die ersten Etappen liefen verheerend, Armstrong verlor auf Kopfsteinpflaster viel Zeit.

Schlecht für die Hoffnungen auf den Sieg, dachte man zu der Zeit noch. Doch das mit dem Sieg hatte sich schon auf der ersten Bergetappe ohnehin erledigt. Armstrong konnte nicht annähernd mit den Besten mithalten und kam mehr als einmal kurz vor dem Besenwagen ins Ziel. Er fuhr zusammen mit Sprintern, denen er noch ein Jahr zuvor eine halbe Stunde Rückstand aufgebrummt hätte. Armstrong wollte es der jungen Garde noch einmal zeigen und ist damit grandios gescheitert.

Kandidat 10: Michael Schumacher

Das nächste enttäuschende Comeback eines Superstars. Natürlich nicht annähernd so schlecht wie die Vorstellung von Armstrong, aber gemessen an den gigantischen Erwartungen ernüchternd. Schumacher war zusammen mit Mercedes angetreten, um Weltmeister zu werden. Ein zu langsames Auto und zahlreiche Probleme mit der Anpassung an die neue Formel 1 ließen den siebenmaligen Weltmeister aber zu oft alt aussehen.

Der ebenso große Flop ist aber die Art und Weise, wie große Teile der Medien Schumacher in der Luft zerrissen haben, ohne im Detail darauf einzugehen, warum er in seinem ersten Jahr nach der Pause solche Probleme hatte. Beide Seiten werden sich 2011 steigern müssen, wenn Schumi im nächsten Jahresrückblick bei den Helden anstatt bei den Antihelden auftauchen soll.

Kandidat 11: LeBron James

Eine Lektion in schlechtem Stil hat LeBron James der Basketball-Welt in diesem Sommer erteilt - und zwar auf höchst eindrucksvolle Weise. Es gehört schon ein gewaltiges Ego dazu, eine eigene TV-Show zu inszenieren, in der man nichts anderes tut, als den Namen des NBA-Teams zu nennen, zu dem man wechseln wird.

Die Folge ist natürlich, dass man seinen ehemaligen Klub, in James' Fall die Cleveland Cavaliers, umso brutaler vor den Kopf stößt. Allen voran deren Fans. Erst in den Playoffs für die Cavs nichts gerissen und dann zu den Miami Heat abgehauen. Das wird man James wahrscheinlich nie verzeihen.

Kandidat 12: Tiger Woods

Das Zitat des Jahres: "I am deeply sorry!" Es stammt von Tiger Woods und war der Höhepunkt einer für den europäischen Geschmack - sagen wir mal - merkwürdigen Pressekonferenz. Woods kroch vor Millionen Zuschauern via TV zu Kreuze und entschuldigte sich bei seiner Frau, seinen Kindern, seiner Familie, der ganzen Welt und Gott für die Tatsache, dass er mit mehr als einem Dutzend Frauen, darunter dem einen oder anderen Pornostar, fremd gegangen war.

Typisch amerikanisch das Ganze. Pathos, Schmalz und große Gefühle. Die Fans haben ihm verziehen und ihn bei den folgenden Golfturnieren gefeiert wie eh und je. Zahlreiche Sponsoren haben ihm aber den Rücken gekehrt. Und das Wichtigste: Seine Frau Elin hat sich scheiden lassen.

Hier geht es zu den Helden des Jahres

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