Keine Angst vor den drei Löwen

Von Oliver Wittenburg
Samstag, 25.12.2010 | 16:00 Uhr
Die deutschen Kicker bereiten sich auf das WM-Achtelfinale gegen die Three Lions vor
© Getty

2010 war nichts für schwache Nerven. Man denke nur an den Weichtier-Wahn, das Feierbiest, spanische Zwangsjacken und holländischen Fußball zurück. Doch es gab auch die anderen Dinge: Die tollen deutschen Youngster, einen kamerunischen Rekordtorjäger, den lockeren Günter und, ach ja, spanischen Fußball. Ein Rückblick.

A wie außer Konkurrenz: In der Aufarbeitung des WM-Halbfinals zwischen Deutschland und Spanien hierzulande hieß es immer wieder: "Die Deutschen hätten dies, die Deutschen hätten das und überhaupt war das viel zu wenig davon und hier von und blablabla..." Dass niemand mit pseudointellektuell verzerrter Visage vorschlug: "Es wäre der Sache vielleicht dienlich gewesen, Xavi und Iniesta schon früh im Spiel die Beine zu brechen", war schon beinahe überraschend, denn mehr Substanz hatten die ernstgemeinten Ratschläge auch nicht. Mit etwas Abstand und dem einen oder anderen Stück Weihnachtsbraten intus kann man aber auch einfach sagen: Gegen Spanien konntest du nichts machen. Spanien (und der FC Barcelona) spielt in seiner eigenen Liga, spielt sein eigenes Spiel  - und wehe, wenn es läuft.

B wie Ballack: Michael Ballack nennt 2010 sein persönliches Seuchenjahr. Was bleibt ihm auch anderes übrig? Kurz vor der WM holte er sich eine schwere Verletzung, fiel lange aus, wurde bei Chelsea aussortiert und kehrte nach Leverkusen zurück, wo er kaum wiedergenesen mit der nächsten Blessur für den Rest des Jahres ausfiel. Ballacks Jahr aber nun auf Verletzungen und öffentliches Herumnörgeln, bevorzugt an Philipp Lahm, zu reduzieren, wäre aber zu einfach. Immerhin hat er das Double in England geholt.

C wie Chile: Etwa 87 Prozent aller WM-Spiele waren Schrott, was daran lag, dass etwa der gleiche Anteil an Mannschaften Schrott war. Eine löbliche Ausnahme bildeten die Chilenen, die mit ihrer Hummelflugtaktik eine interessante Alternative zum faden Einerlei boten. Dass sie damit schon im Achtelfinale scheiterten, lag in der Natur der Sache, sprich: der Taktik von Marcelo Bielsa. Der hatte übersehen, dass er nur zehn Feldspieler aufstellen darf und dass nicht mal Arturo Vidal 15 Kilometer - und davon zwölf im gestreckten Galopp - laufen kann.

D wie Deutschland: Wieder nur Weltmeister der Herzen. Mist. Jetzt muss aber mal langsam ein Titel her, was nicht einfach wird, denn Xavi und Iniesta rennen schon noch ein paar Jahre. Aber dennoch: Die Aussichten sind prächtig. Die Mannschaft ist jung, Löw hat alles im Griff und kann voller Vorfreude auf die nächstjüngere Garde der Götzes und Holtbys blicken, während die Müllers, Özils und Badstubers selbst noch nicht mal trocken hinter den Ohren sind. Löw sagt selbst: Die Entwicklung stimmt und die Qualität, um 2012 oder 2014 einen Titel zu holen, ist da. Na dann, auf ein Neues.

E wie Eto'o: Was Pedro aus Barcelona 2009 gelang, nämlich in sechs unterschiedlichen Wettbewerben Tore zu erzielen, wurde 2010 noch getoppt. Sami Eto'o von Inter traf gleich in sieben Konkurrenzen: Meisterschaft, Pokal, Supercup, Champions League, Afrika-Cup, WM und Klub-WM. Nur im europäischen Supercup befiel den Kameruner eine frappierende Abschlussschwäche.

F wie Feierbiest: Vielleicht das Wort des Jahres und Inbegriff für die Bayern in der ersten Jahreshälfte. Die spielten tierisch gut und hatten anschließend eine Menge zu feiern. Das Double aus Meisterschaft und Pokal gab es. Zum achten Mal übrigens in der FCB-Geschichte. Die ganz große Krönung blieb den Münchenern und dem Wortschöpfer, also Trainer Louis van Gaal, indes versagt. Das Champions-League-Finale ging an Inter.

G wie Günter: Nach 13 Jahren neckischer Dauerfehde mit Delling gab Netzer bei der WM zum letzten Mal den "Grumpy old Man" in der "ARD". Leichtfüßig und locker parlierte er bei seiner Abschiedsvorstellung. Highlight: Netzer scheitert kläglich beim Versuch einer besonders netzermäßigen Gardinenpredigt zum Thema Vuvuzelas (übrigens: einzige Erwähnung der Terror-Tröten in diesem Text) und lacht sich stattdessen einen Ast ab.

I wie Inter: Die Klubmannschaft des Jahres 2010 war ohne Frage Inter Mailand. Die Nerazzurri nutzten fünf von sechs Titelchancen. Den Sixpack machte Atletico Madrid zunichte. Der Europa-League-Sieger holte sich den europäischen Supercup mit 2:0 (siehe Eto'o). Zuletzt sicherte sich Inter den Titel bei der Klub-WM in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Es war der letzte Auftritt von Trainer Rafa Benitez, der am Tag vor Heiligabend gefeuert und an Heiligabend von Ex-Milan-Coach Leonardo beerbt wurde.

J wie Jens: Am 30. März verkündete Stuttgarts Torhüter Jens Lehmann, dass er seine Karriere nach Ablauf der Bundesligasaison beenden würde. Pünktlich zum Abschied erschien dann seine Biographie "Der Wahnsinn liegt auf dem Platz". Eckdaten: UEFA-Cup-Sieger 1997 mit Schalke (!), deutscher Meister 2002 mit Dortmund (!), englischer Meister 2004 mit Arsenal ohne Saisonniederlage (The Invincibles!), FA-Cup-Sieger 2005, WM-Zettel-Held gegen Argentinien 2006 und Vize-Europameister 2008.

K wie Krake: Paul aus Oberhausen, seines Zeichens Octopus vulgaris, wurde mit seinen Tipps zu einem medialen Top-Ereignis während der WM. Weltweit wurde über das "Okrakel" berichtet. Der Weichtier-Wahn trieb von Spiel zu Spiel groteskere Blüten. So schlugen etwa spanische Politiker vor, den visionären Kopffüßler nach dem Sieg ihrer Nationalmannschaft im Halbfinale gegen Deutschland nach Spanien zu holen, um ihn vor den Deutschen zu beschützen. Das klappte zwar nicht, aber nachdem Paul den Spaniern den Sieg über die Niederlande im Endspiel prophezeit und damit richtig gelegen hatte, wurde er Ehrenbürger der Stadt Carballino. Ein Platz im All-Star-Team der WM scheiterte an der Unbestechlichkeit der FIFA. Paul starb am 26. Oktober im hohen Krakenalter von fast drei Jahren.

L wie Lumpen: Was Frankreich bei der WM bot, war unsäglich. Der Fußball erbärmlich, das Verhalten vieler Spieler unter aller Sau. Höhepunkt waren Anelkas beleidigende Worte in Richtung von Trainer Domenech in der Halbzeit des Mexiko-Spiels (0:2). Zwei Tage später prangte auf der Titelseite der "L'Equipe" die Headline: "Lass dch in den A**** f***en, du dreckiger H****sohn." Dass Anelka wirklich diese Worte benutzt hatte, konnte nicht bewiesen werden, doch damit hatten sich die Spannungen im französischen WM-Lager zu einer nationalen Krise ausgeweitet. Am Tag der Rückkehr der Mannschaft aus Südafrika nahmen sich unter anderen Präsident Nicolas Sarkozy und Regierungschef Francois Fillon des Themas an. Ex-Kapitän Thierry Henry musste zur Audienz in den Elysee-Palast. Das Ende vom Lied: Der nationale Fußballverband FFF wurde auf links gedreht. Die Top-Funktionäre wurden ausgetauscht, der Vertrag mit Domenech nicht verlängert und zahlreiche Spieler gesperrt. Anelka etwa bekam 18 Spiele. Henry trat aus der Nationalmannschaft zurück. Unter dem neuen Nationaltrainer Laurent Blanc schlägt sich eine stark verjüngte Equipe Tricolore nach beträchtlichen Anfangsschwierigkeiten inzwischen prächtig und ist auf dem besten Wege, sich für die EM 2012 zu qualifizieren.

M wie Müller: Im März noch wollte Diego Maradona vor dem Freundschaftsspiel Deutschland gegen Argentinien in München die Pressekonferenz boykottieren, weil sich ein milchgesichtiger Schlaks aufs Podium verirrt hatte. Keine vier Monate später, am Tag nach der 0:4-Klatsche der Argentinier gegen die DFB-Auswahl im WM-Viertelfinale, titelte die argentinische Zeitung "Ole" spöttisch: "Diego, der Junge heißt Müller..." Doch diesen Tipp brauchte selbst Diego nicht mehr. Thomas Müller war längst einer der Stars der WM und Maradona selbst einer ihrer Deppen.

Hier geht's weiter mit N wie Neuville bis Z wie Zwangsjacke

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