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Vom Keller zum Titel und wieder zurück

Von Clemens Stork
Montag, 08.06.2015 | 17:54 Uhr
Guido Buchwald, Fredi Bobic, Cacau und Mario Gomez erlebten mit dem VfB erfolgreiche Jahre
© getty

Das Schlimmste wurde im letzten Moment noch verhindert. Am 34. Spieltag hat der VfB Stuttgart gegen den SC Paderborn die Klasse gehalten und den zweiten Abstieg aus der Bundesliga abwenden können. Doch wie kam es überhaupt zu dem Kampf ums Überleben? Page 2 blickt zurück. Weit zurück.

1979 - 1984

Aufstieg und erfolgreiche Jahre

Wir schreiben das Jahr 1979. Helmut Schmidt war Bundeskanzler, in Harrisburg (USA) kam es zu einem Unfall in einem Kernkraftwerk und die Sowjets maschierten in Afghanistan ein. Die Leute hörten in den Deutschen Hitparaden die Village People und Boney M. und der Hamburger Sportverein schickte sich an, dem FC Bayern München die Vorherrschaft im Deutschen Oberhaus streitig zu machen.

Ein Jahr zuvor wurde der VfB Stuttgart als Aufsteiger mit seiner offensiven Spielweise unter Jürgen Sundermann völlig überraschend Vierter und in diesem Jahr hinter eben jenem HSV sogar sensationell Vize-Meister. Diese VfB-Mannschaft bestach durch ihren offensiven Spielstil und durch Sympathieträger wie Hansi Müller, Karl-Heinz Förster, Dieter Hoeneß und Hermann Ohlicher.

Es war in diesem Jahr vermutlich als Hamburger schwerer, ein VfB-Fan zu werden, als sich von der allgemeinen Euphorie in der Hansestadt anstecken zu lassen und sich dem Lager der Rauten anzuschließen. Aber derartige Entscheidungen trifft man nicht rational, sondern emotional. Ein Underdog, der den etablierten Großen wie Bayern, Hamburg, Köln und Gladbach das Fürchten lehrte, hatte etwas Faszinierendes für einen 11-Jährigen. Die folgenden Jahre machten es einem zudem leicht, sich mehr und mehr aus Überzeugung einen gefühlten roten Brustring "wachsen" zu lassen.

Die guten alten Zeiten

Es war noch eine Zeit ohne Bundesliga Live-Übertragungen im Fernsehen. Anstelle dessen fieberte man der samstäglichen Live-Berichterstattung auf NDR 2 um 15:30 Uhr im Radio entgegen. Erst gegen 18:05 Uhr konnte man dann die ARD Sportschau mit Ernst Huberty schauen, in der es pro Partie höchstens eine fünf bis acht minütige Zusammenfassung gab.

Gierig wurde anschließend die Tage darauf die Sportberichte der BILD am Sonntag und am Montag das kicker-Sportmagazin verschlungen. Unter der Woche lauschte man mittwochs auf NDR 2 dann den UEFA-Cup Reportagen. Der VfB Stuttgart scheiterte in der Saison 1979 / 80 erst im Halbfinale des UEFA-Cups an Borussia Mönchengladbach, als man nach einem 2:1 Hinspielsieg im Rückspiel 0:2 unterlag.

Die erste Meisterschaft

Die Jahre nach dem Wiederaufstieg waren überaus erfolgreich. In den sieben Jahren nach dem Aufstieg 1976/77 qualifizierte man sich fünfmal für den UEFA-Cup und gewann in der Saison 1983/84 mit dem damaligen Trainer Helmut Benthaus im Foto-Finish gegen den HSV und Borussia Mönchengladbach sogar den Titel. Der Isländer Asgeir Sigurvinsson und Karl Allgöwer spielten eine überragende Saison und man gewann vor allem aufgrund seiner stabilen Defensive um die Förster-Brüder, Helmut Roleder, Guido Buchwald, Kurt Niedermeyer und Günther Schäfer diese Meisterschaft. Schlüsselerlebnis war der 2:0 Auswärtssieg beim Hamburger Sport Verein am 17. Spieltag, der damals als Sieger im Pokal der Landesmeister eigentlich das Maß aller Dinge zu sein schien.

Es waren goldene Jahre für den VfB, geprägt von den Namen der Meistermannschaft, sowie Hansi Müller, Dieter Müller, Ilyas Tüfekci und Hermann Ohlicher. Die Schwergewichte in der Bundesliga waren damals neben den Schwaben der HSV, Bayern München, der 1. FC Kaiserslautern und Borussia Mönchengladbach sowie der 1. FC Köln.

1985 - 1992

Der erste Absturz

Der Fußball fing an, sich zu verändern. Erstmals wurde 1986 mit der Partie Werder Bremen gegen Bayern München ein Fußballbundesligaspiel live auf Sat1 übertragen. Die Medienpräsenz der Vereine und des ganzen Drumherum nahm zu und der VfB Stuttgart erlebte eine wechselhafte Zeit.

Nach dem Titelgewinn stürzte das Team dramatisch auf Platz zehn ab. Die Bayern dominierten die Liga und deren härtester Widersacher war über lange Jahre Werder Bremen. Die sogenannten Werk-Clubs Bayer Leverkusen und Bayer Uerdingen etablierten sich in der 1. Liga und beim VfB Stuttgart machten Spieler wie Guido Buchwald und Jürgen Klinsmann richtig auf sich aufmerksam.

Man erreichte 1986 Platz fünf und das DFB-Pokalfinale, welches man 2:5 gegen Bayern München verlor, um sich ein Jahr darauf auf Platz zwölf der Liga wiederzufinden. Zwischen 1988 und 1992 erreichte man dann aber viermal in Folge den UEFA-Cup und verpasste 1989 erst im Finale gegen den SSC Neapel mit seinem damaligen Star Diego Maradona durch ein 1:2 und 3:3 sehr unglücklich den ersten internationalen Titel.

Das Herzschlagfinale

1992 hatte man sich nach der Wende aus dem Aderlass der DDR-Oberliga mit Matthias Sammer bedient. Aus der Waldhof-Mannheim-Schmiede verstärkte man sich zudem mit Fritz Walter und Maurizio Gaudino. Mit Eike Immel im Tor und Günther Schäfer als eisenhartem Verteidiger, sowie dem Weltmeister "Diego" Guido Buchwald wurde der VfB Stuttgart unter Christoph Daum in dem bisher einmaligsten Finale der Bundesliga-Geschichte am letzten Spieltag gegen die damalige Übermannschaft aus Frankfurt mit Anthony Yeboah, Uwe Bein und Andreas Möller und gegen die starken Dortmunder im Fernduell vollkommen überraschend Deutscher Meister.

Ein Wellental der Gefühle vollzog sich am letzten Spieltag. Erst Guido Buchwalds 2:1 in der 86. Minute in Leverkusen sicherte den zweiten Titel der Bundesligahistorie für den VfB, nachdem Hansa Rostock als designierter Absteiger gegen die Frankfurter Eintracht sensationell 2:1 gewann. Fritz Walter wurde in dieser Saison zudem Torschützenkönig. Premiere übertrug als erster Pay-TV Anbieter in Deutschland das Herzschlag-Finale in der Konferenz.

Seite 1: Vom Aufstieg bis zur zweiten Meisterschaft

Seite 2: Die jungen Wilden und die Gegenwart

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