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Boras Erben

Von Sebastian Hahn
Alex Teixeira ist der neue Rekordtransfer der Chinese Super League
© imago

Die Chinese Super League hat mit ihren Monsterausgaben auf dem Transfermarkt im Winter die Fußballwelt aufgerüttelt, selbst die Premier League schaut sich schon unruhig nach dem schlafenden Riesen aus Fernost um. Doch gehen Alex Teixeira, Jackson Martinez und Co. mit ihrer Entscheidung pro China wirklich den richtigen Weg? Ein Kommentar von Page-2-Autor Sebastian Hahn.

Bora Milutinovic hatte 2002 noch keinen Schimmer von Alex Teixeira oder Jackson Martinez. Auch von der Chinese Super League hatte der Serbe keine Ahnung, denn die existierte vor 14 Jahren noch gar nicht.

Trotzdem war der mittlerweile 71-Jährige im Reich der Mitte ein Volksheld. Gerade hatte er sich mit China zum ersten Mal überhaupt für eine WM-Endrunde qualifiziert, beim ersten Gruppenspiel gegen Costa Rica (!) schalteten 700 Millionen Chinesen den Fernseher ein - genau wie auch bei den restlichen Duellen mit Brasilien und der Türkei. Kein Wunder, denn die Regierung hatte kurzerhand für die Zeit der Spiele eine Arbeitspause im ganzen Land angeordnet.

Dass die Asiaten dann in der Gruppe C punkt- und torlos ausschieden, wurde schnell zur Nebensache erklärt. »China wird eine große Fußball-Nation werden. Es wird keine 50 Jahre dauern, dann wird China einmal Weltmeister sein«, sagte Milutinovic nach Turnierende. Dass es keine 15 Jahre dauern würde, bis Europa sorgenvoll ins Reich der Mitte blickt, hätte aber wohl auch der Serbe nicht geahnt.

Kohle satt

Über 330 Millionen Dollar überwiesen die Vereine der Chinese Super League, die erst 2004 gegründet wurde, im Winter an andere Klubs, der Großteil des Geldes floss den langen Weg nach Europa. Binnen weniger Stunden schnellte die Rekordtransfersumme im Reich der Mitte nach oben.

Erst schloß sich Chelsea-Sechser Ramires für 28 Millionen Euro Jiangsu Suning an, dann folgte Jackson Martinez von Atletico Madrid für 42 Millionen Euro. Sein Ziel: Serienmeister Guangzhou Evergrande.

Dem Ganzen die Krone setzte dann aber Alex Teixeira auf. Nach wochenlangem Tauziehen zwischen seinem Verein Shakthar Donezk und dem FC Liverpool wechselte der Brasilianer für 50 Millionen Euro ebenfalls zu Jiangsu Suning. Die Chinesen zahlten damit den Preis, den Donezk in den Verhandlungen mit dem FC Liverpool immer wieder gefordert hatte.

Die Reds machten bei 40 Millionen Schluss, Teixeira verdient sein Geld daher jetzt in China - obwohl er zuvor noch betont hatte, in die Premier League zu wechseln, um bessere Chancen mit der Nationalmannschaft zu haben.

Keine abgehalfterten Altstars

"Sagen wir es so: Jeder wusste, dass ich gerne in Europa bleiben und am liebsten in England spielen wollte. Am Ende gab es von dort aber nur lose Versprechungen und keine ernsten Angebote«, erklärte Teixeira bei seinem Abschluss-Interview für Shakthar. Der Transfer des Brasilianers sorgt deshalb für einen Aufschrei in der Fußball-Welt, weil er eben nicht wie zuletzt Steven Gerrard oder Andrea Pirlo im hohen Alter den Weg ins nicht-europäische Ausland sucht, sondern mit 26 noch seine besten Jahre vor sich hat.

Auch Martinez (29) oder der Ivorer Gervinho (28), der sich für vergleichsweise geringe 18 Millionen Euro Hebei Chinao Fortune anschloss, haben noch längst nicht ihren Zenit überschritten. Dennoch sind die Beweggründe mehr als deutlich: das große Geld ruft lautstark aus China, da rücken die sportlichen Karriereziele schon mal schnell in den Hintergrund. "Wir zahlen dreimal so viel Gehalt wie europäische Vereine", erklärte Jun Zhou, Besitzer von Shanghai Greenland Shenshua im Interview mit "transfermarkt.de".

Statt also im europäischen Rampenlicht zu stehen und sich Woche für Woche dem Konkurrenzkampf mit Mitspielern und Gegnern auszusetzen, kicken die Top-Neuzugänge der Winter-Transferperiode also lieber auf unterklassigem Niveau gegen Mannschaften, die in Europa wohl um den Klassenerhalt in der zweiten Liga bangen müssten. Klingt moralisch verwerflich - ist es auch!

"Mal schauen, was die Zukunft bringt"

"Im Moment sinken meine Chancen auf die Nationalmannschaft. Aber mal schauen, was die Zukunft bringt", ergänzte Teixeira in seinem Interview mit Donezk' Klub-Website. Der Brasilianer weiß aber eigentlich selbst, dass Carlos Dunga ihn wohl nie in Nanjing besuchen wird. Der Grund ist ganz einfach: Warum sollte der Selecao-Coach einen Spieler nominieren, der sich Woche vor Woche nur unterdurchschnittlich besetzten Abwehrreihen gegenübersieht? Zumal er im Training auch überhaupt keinen Konkurrenzdruck spüren wird.

Die chinesischen Klubbesitzer locken mit für europäische Verhältnisse utopischen Gehältern, zahlen aber auch wegen der fehlenden Attraktivität der Super League bewusst bei den Transfersummen drauf. "Wir brauchen diese Stars, um dieser Liga einen neuen Stempel aufzudrücken", ergänzt Zhou.

Immerhin: Ganz ohne Einschränkungen dürfen die Bosse der Klubs nicht handeln. Der Verband schreibt vor, dass maximal fünf Nicht-AFC-Spieler im Kader stehen dürfen, so sollen auch einheimische Talente gefördert werden.

Südamerikanische Spieler "anfällig"

Das ist den Herren Teixeira, Martinez und Co. aber vollkommen egal. Was dort aber auffällt: Viele der neuen Stars der CSL sind Südamerikaner, die oft nur von ihrer Familie oder von Spieleragenten aus dem persönlichen Umkreis beraten werden. Diese wollen sich natürlich an den Transfers bereichern und treffen so aus sportlicher Sicht eine katastrophale Entscheidung.

Denn Martinez und Teixera werfen, sofern sie nicht wie viele andere Stars wie z.B. Didier Drogba nach einem Jahr genug vom Reich der Mitte haben, die besten Jahre ihrer Karriere schlicht und ergreifend weg. Teixeira wäre in Liverpool sicherlich deutlich besser aufgehoben aufgehoben, als bei Jiangsu Suning.

Meier als Gegenbeispiel

Manipuliert China also mit seinen Monster-Gehältern auf Dauer den europäischen Fußball? Hier mal eine gute Nachricht: Sicher nicht. Denn dafür ist die Super League trotzt eines Zuschauerschnitts von knapp 22.000 (Tendenz steigend) zu unattraktiv, vor allem für die europäischen Medien. Teixeira, Martinez oder auch Gervinho sind Einzelfälle, die das große Geld der sportlichen Karriere vorziehen. Letzterer wollte im Sommer schon nach Abu Dhabi, der Wechsel platzte aber in letzter Sekunde. Der angebliche Grund: Der Ivorer wollte einen Privatstrand und einen Helikopter für seine Unterschrift. Alleine das spricht Bände über seinen Charakter.

Noch ist die Bundesliga aber, abgesehen von Assani Lukimya, von dem Transferwahn aus Fernost verschont geblieben. Zhou ist sich aber sicher: "Ich weiß nicht, warum das so ist, aber ich bin mir sicher, dass sich das bald ändert. Warten wir mal ab." Einzelfälle wird er sicherlich auch im Sommer geben, aber die Mehrheit der Spieler hält es da dann doch eher mit Frankfurts Stürmer Alex Meier, der nach einem angeblichen Angebot über sieben Millionen Euro Jahresgehalt der "Bild" mitteilte: "Ja, es gab ein Angebot. Ich habe mit Heribert Bruchhagen und dem Trainer darüber geredet, aber nach einer Minute war das Thema vom Tisch."

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