Die Krise der Rockets unter der Lupe

"We're broken."

Von Shoto
Donnerstag, 18.02.2016 | 10:20 Uhr
James Harden und Dwight Howard haben derzeit wenig Grund zum jubeln
© getty
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Die Houston Rockets aus der Vorsaison sind nicht mehr wiederzuerkennen. Vor allem defensiv offenbart das Team extreme Schwächen, selbst der Coach scheint mittlerweile ratlos. Mit welchen Methoden könnten die Texaner ihre Saison noch retten? Oder ist die Selbstzerstörung unaufhaltsam?

Es hatte etwas Finales, als J.B. Bickerstaff am Abend des zehnten Februars 2016 nach der 116:103 Niederlage gegen die Portland Trail Blazers vor die versammelte Presse trat. "Final" nicht im Sinne einer letzten Betreuung der Houston Rockets durch ihn. Sondern im Sinne eines puren Eingeständnisses, dass sie - die Houston Rockets - kein Ganzes mehr sind. Kaputt. Defragmentiert. "Final" also als letzte Linie im Sand, ab der es nicht mehr schlechter werden kann. Eigentlich.

Denn was kommt nach kaputt? Wiederaufbau. "Rebuild", wie ihn der MIT-Absolvent zu pflegen nennt. Das versprüht Optimismus, das klingt schon eher nach ur-amerikanischer Mentalität.

Aber kaputt? Kaputt will niemand sein. Kaputt ist eine physische wie verbale Trostlosigkeit - ein winterliches Saarland-, vielleicht sogar gerade im Teamsport. Im Wettbewerb mit anderen. Denn dort hat man die, die "heile" sind, immer im Blick- und Umfeld, muss sich bisweilen sogar direkt mit ihnen messen. Besonders schlimm für die, die doch eigentlich gedacht hatten, dass sie "heile" seien. Und es vergangene Saison noch waren. Solche wie die Houston Rockets halt. Texanische Gewinnertypen, die Til Schweiger der Basketballszene. Vielleicht bisweilen etwas sehr viel Attitüde, aber erfolgreich, sie beherrschen halt ihre Craft.

Und so kommt es, dass sie, die Rockets, vielleicht das Team sind, welches im Wirrwarr der Gerüchte und Mutmaßungen - der NBA Trade Deadline - am heißesten gehandelt wird. Eben weil sie Gewinnertypen sind/sein wollen und nicht im Dickicht der Scouting -Turniere versinken wollen. Sie wollen das, was kaputt ist, wieder zusammenfügen. Reparieren. Allein: Was ist denn kaputt?

Geistige Gesundheit ist eine Frage der Statistik

Ein Glück, dass man sich jener Frage in der heutigen Zeit mittels Statistiken nähern kann (oder muss, wie manche spotten; aber hey, vielleicht ist im Zuge der Houston Rockets ein 'muss' vielleicht wirklich angebrachter...egal). Und ein weiteres Glück, dass man im Teamsport zunächst auch sehr banal in einen offensiv-agierenden Part einerseits und einen defensiv-reagierenden Part andererseits unterscheiden kann. Ja ich weiß, die Trennlinie ist da wesentlich fließender, als ich es jetzt darstelle, aber trotzdem treffen wir (zumindest für diesen Text) jene Annahme. Bereit? Dann ALLONS-Y!

Zum jetzigen Stand belegen die Rockets mit einem Offensiv Rating (nachfolgend OffRtg.) von 104.2 den achten Platz der NBA, während ihr Defensiv Rating (nachfolgend DefRtg.) mit 106.4 ligaweit auf Platz 26 landet. Es lässt sich festhalten: Die Houston Rockets sind offenbar ein gutes Offensivteam mit ausbaufähiger Defensive. Heureka, ein Wunder der Statistik, der modernen NBA. Toll. Doch bevor den geifernden Anhängern der weiterführenden STATS ob solcher Ahnungslosigkeit weiterer Schaum aus den Mundwinkeln quillt, lasst uns etwas tiefer in die Geheimnisse der wunderbaren Welt der Einsen und Nullen abtauchen. Zunächst noch einmal in Kürze: Die Offense.

Klammert man einmal die (bisher) weniger voluminösen NBA-Monate Oktober und Februar aus, dann lässt sich festhalten, dass die Rockets nicht immer (im November: OffRtg. von 101.6, Platz 13), aber mehrheitlich (Dezember: OffRtg. von 106.5, Platz 5; Januar: OffRtg. von 107.1, Platz 7) mit ihrer Offensive in den Top Zehn der Liga lagen. Und das erscheint auch ohne statistischen Beweis glaubhaft, schließlich befindet sich mit James Harden allein immer noch die vielleicht perfekte Verkörperung des Layup legenden und Dreier drillenden MoreyBalls in den Reihen Houstons. Und ich bin mir sicher, dieses Spitzenargument lässt mich jetzt bedenkenlos zur offenbar schwächelnden Defensive hinübergleiten.

MoreyBall der Gegner

Denn hier krankt es. Offensichtlich. Wer daran interessiert ist: Auch hier lässt sich natürlich die Entwicklung über die NBA-Monate November bis Januar darstellen, allein mit (wahrscheinlich) weniger Aussagekraft. Betrug das DefRtg. im November noch desaströse 106.7 (Platz 28), besserte sich jener Wert im Dezember auf respektablere 102.8 (Platz 13), ehe er im Januar wieder auf 109.5 (Platz 29) abstürzte. Somit wird der (auch im Net Rating ausgedrückte) gute Dezember von zwei mindestens mittelmäßigen Monaten flankiert. Für ein Team mit Conference-Finals-Ambitionen nicht die beste Voraussetzung, so instabil zu sein. "Gut, das klingt zwar nett, liest sich aber weiter oberflächlich", höre ich meine innere Stimme (aka der prognostizierte Twitter-Feed und Kommentarbereich) murmeln. Stimmt auch. Daher weiter. Denn die defensive Leistung der Houston Rockets wird um einiges spannender, bedenkt man noch einmal, dass der geistige Anführer einer verstärkten Nutzung von Layups, Free Throws und Dreiern das Team modelliert hat. MoreyBall, ich erwähnte es ja schon. Die effizienteste Offense, seit es...lassen wir das. Lieber wieder nackte, niemals falsche - nur falsch interpretierte - Zahlen.

Gegnerische Free Throws: Satte 1.000 (Platz 9). Gegnerische Layups: 26 Prozent aller gegnerischen Field Goal Attempts (Platz 8). Gegnerische Dreier? 1.429, ligaweit die zweitmeisten. Und: 29 Prozent der gegnerischen Dreier kommen direkt aus der Ecke - negativer Spitzenwert der NBA. Interpretiert heißt das so viel wie: Nicht gut. Sicher, auch die San Antonio Spurs lassen vergleichsweise viele ihrer Dreier aus der Ecke zu (27 Prozent), jedoch bei wesentlich niedrigerem gegnerischen Output (1.016, Bestwert). Oder anders: Die Houston Rockets erlauben ihren Gegnern mit erstaunlicher Beharrlichkeit jene Würfe, die ihr Kopf hinter der Franchise zwar auch als die effizienteren identifiziert hatte, sich aber eher für sein eigenes Team gewünscht haben dürfte.

Das Auge isst mit

Nun sind Statistiken natürlich gut, um Eindrücke zu gewinnen, zu bestätigen, manchmal auch zu widerlegen. Am Ende sollten sie jedoch auch mit dem so verhassten "Eye Test" kombiniert werden. Und hier schränke ich gleich mal vorweg ein: Ich bin bei weitem kein Rockets-Kenner. Oder Fan. Nicht einmal Sympathisant. Denn bei steigender Effizienz ihrer Spielweise sinkt bei mir der ästhetische Genuss eben jener. Ich mag es auch, wenn Teams mal einen "langen Zweier" nehmen oder Aufposten. Geschmäcker halt. Daher beziehen sich meine Eindrücke vor allem auf die jüngsten Aufeinandertreffen gegen die Trail Blazers. Und ja, ich bin mir bewusst, dass das nicht die besten Auftritte der Rockets waren. Und dennoch waren sie erschreckend. Vielleicht so erschreckend, wie obiges Zitat. Denn ich kann mich nicht an viele Partien erinnern, in denen der Gegner - hier eben Houston - ein in der Defensive so asynchrones, lustloses Verhalten an den Tag gelegt hat.

Rotationen stimmten nicht. Gegenspieler wurden nicht eng genug gedeckt. Ihre Kommunikation, beziehungsweise deren Abwesenheit. Risiken eingehen, wo man keine Risiken eingehen sollte. Dazu die (offenbar) allgemeine Unlust J.H.s, sich auch defensiv zu beteiligen. Ein zwar immer noch fähiger, aber sicherlich nicht jünger werdender Dwight Howard. Es sind alte Punkte, bekannte Punkte. NBA-Fans kennen sie. Und doch ist es beinahe absurd, dass die derzeit einzige Konstante der Rockets neben ihrer Fähigkeit, an die Freiwurflinie zu kommen, ihre defensive Inkompetenz ist. Hier geht es nicht mehr allein um eventuelle individuelle Unzulänglichkeiten, weiß Gott, davon können Portland-Fans auch ein Lied singen. Nein, hier sieht man einer Mannschaft zu, bei der man den Eindruck gewinnt, sie spielt, ohne spielen zu wollen.

Zumindest nicht zusammen und schon gar nicht in der Defensive.

Seite 1: Geistige Gesundheit ist eine Frage der Statistik

Seite 2: Houston, haben wir ein Problem?

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