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Klopps schwerste Aufgabe

Von David Theis
Jürgen Klopp wurde im Oktober 2015 als Nachfolger von Brendan Rodgers verpflichtet
© getty

Dem kürzlichen Einzug ins Finale des Ligapokals und einigen spektakulären Siegen zum trotz spielt der FC Liverpool eine durchwachsene Saison. Das liegt vor allem daran, dass Jürgen Klopp vor dem FA-Cup-Wieerholungsspiel gegen West Ham (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) keinen Spieler auf das Niveau eines Leistungsträgers hieven konnte. Im Sommer wird "The Normal One" einen Umbruch einleiten müssen.

Torhüter

Simon Mignolet hat erst kürzlich seinen Vertrag bis 2021 verlängert, was eindeutig darauf schließen lässt, dass Klopp mit seiner Nummer 1 plant. Ein Transfer steht nicht ins Haus. Einige Fans der Reds zeigten sich von diesem beiderseitigen Treuebekenntnis entsetzt, ist der Belgier doch ein bestenfalls durchschnittlicher Keeper.

Seine Fähigkeiten, aktiv am Spielaufbau teilzunehmen, könnten Klopp zwar in der Zukunft zugute kommen, falls er keinen ballsicheren Innenverteidiger verpflichten kann. Für den Stammtorhüter einer Spitzenmannschaft hält Mignolet jedoch schlicht viel zu wenige Bälle: So scheitern Englands Stürmer an seinen Kollegen Cech, de Gea oder Hart im Schnitt 2,5- bis 3-mal so häufig, bis sie ein Tor erzielen.

Diese Statistik rührt sowohl von Mignolets hoher Fehlerquote bei Standardsituationen als auch von seiner Anfälligkeit für individuelle Fehler und Unkonzentriertheiten her. Zuletzt musste er regelmäßig nach Ecken hinter sich greifen und kassierte zudem mehrere Treffer in die Torwartecke.

Unvergessen wird wohl sein Fauxpas gegen Girondins Bordeaux bleiben: Hier hielt Mignolet den zuvor aufgenommenen Ball statt der erlaubten 6 Sekunden ganze 22 in der Hand. Die Konsequenz war ein indirekter Freistoß samt Gegentor. Alternativen stehen Klopp indes keine zur Verfügung: Die Ersatzkeeper Adam Bogdan und Danny Ward sind weit davon entfernt, einem Premier-League-Klub dauerhaft weiterzuhelfen.

Mögliche Verstärkungen: Liverpool muss die Anzahl seiner Gegentore drastisch reduzieren und ist finanziell gut genug aufgestellt, um sich eine Zwei-Torhüter-Lösung zu leisten. Ein klassisch veranlagter, aber auf der Torlinie sicherer Keeper wie Jack Butland (Stoke) könnte eine sinnvolle Ergänzung zu Mignolet darstellen.

Abwehr

Jürgen Klopps Fußball zeichnet sich auch in Liverpool durch hohen Einsatz und ein risikofreudiges Positionsspiel aus: Das Team rückt weiter auf als noch unter Vorgänger Rodgers und nötigt den Gegner in dessen eigener Hälfte zu riskanten Abspielen, die umgehend abgefangen und in einen blitzschnellen Gegenangriff überführt werden.

Die Schattenseite dieser Strategie zeigt sich, wenn der FC Liverpool selbst in einer weit aufgerückten Position den Ball verliert und in der Folge offen für Konter ist. Besonders gegen defensivstarke Teams, die nicht versessen darauf sind, den Ball zu halten und Klopps Mannschaft so dazu zwingen, das Spiel langsamer und strukturierter aufzubauen, entwickelt dieses Manko seines Fußballs eine gefährliche Wechselwirkung mit Liverpools Defensivpersonal: Beide Außenverteidiger, vor allem Alberto Moreno, leben von ihrer Schnelligkeit und rücken gerne weit auf.

Das ist prinzipiell richtig, denn Klopps Pressing sieht es häufig vor, den Gegner früh auf den Flügeln zu stellen. Doch aufgrund ihrer teils zu aggressiven Spielweise lassen Moreno und Nathaniel Clyne oft die Räume zu ihren wenig ballsicheren und unbeweglichen (also für gegnerisches Pressing anfälligen) Innenverteidigern bereits im Spielaufbau zu groß werden.

Für ein exzellentes Offensivspiel mangelt es beiden Außenverteidigern auch an der nötigen Geduld und Präzision im Passspiel. Die Folge sind vermeidbare Ballverluste und fahrlässig preisgegebene Räume, die geschickte Gegner zum Kontern nutzen können.
Erschwerend hinzu kommt, dass sämtliche Reds-Innenverteidiger bislang ihre Problem damit haben, den richtigen Moment für ein Herausrücken aus der Abwehrkette zu finden, um einen ballführenden Gegner zu attackieren (Skrtel: zu passiv; Sakho & Lovren: zu aggressiv).

Genau dieses Timing ist jedoch für Klopps Fußball unerlässlich, denn schafft es der Gegner, Liverpools kompakte und hohe Mannorientierung im zentralen Mittelfeld zu überspielen, droht ein gefährlich großer Raumverlust. Geschickt den Ballführenden anlaufende Innenverteidiger sind in solchen Situationen Gold wert.

Mögliche Verstärkungen: Klopps Fußball verlangt Innenverteidigern einiges ab - daher ist es schwer auszumachen, ob die zahlreichen Fehler des Trios Sakho, Skrtel und Lovren von Anpassungsschwierigkeiten oder einer generellen Inkompatibilität mit den Ideen des Trainers herrühren.

Sicher scheint jedoch: Keiner der drei kräftigen Defensivspezialisten bringt die nötige Reaktionsschnelligkeit und Beweglichkeit mit, um seinen Nebenleuten mehr Sicherheit zu geben. Der Austausch des alternden und nur noch als Kaderergänzung interessanten Kolo Toure gegen einen Spieler, der diese Fähigkeiten in sich vereint, wäre höchst sinnvoll.

Zudem stehen keine verlässlichen Ergänzungen für Liverpools Außenverteidiger zur Verfügung. Ob die Talente Jon Flanagan (zuletzt knapp 18 Monate verletzt) und Joe Gomez (laboriert an einem Kreuzbandriss) dafür infrage kommen, kann derzeit noch nicht bewertet werden. Eine konservativer spielende Alternative zu Moreno könnte sinnvoll werden, wenn Gomez nach seiner Genesung nicht rechtzeitig den Anschluss an die Mannschaft findet.

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