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Heilige, Krümelmonster und die NSA

Von Sebastian Hahn
Donnerstag, 15.10.2015 | 13:52 Uhr
Michael O'Neill wurde mit Irland Gruppenerster
© getty

Mit Albanien, Island und Nordirland haben sich drei Überraschungsteams für die EM 2016 in Frankreich qualifiziert. Auf dem Weg zur ersten Endrunde fehlten zwar die Stars, dafür überzeugten sie durch mannschaftliche Geschlossenheit und starke Leader. Am Balkan profitiert man von einem Skandal, in Island gibt es Vergleiche mit Nelson Mandela. Und die Nordiren feiern St. Michael.

Schon am frühen Sonntagabend startete ganz Albanien die Party. Feuerwerk, Autokorsos und jubelnde Menschen auf den Straßen waren nahezu omnipräsent, die ganze Nation feierte bereits Minuten vor dem Abpfiff des 3:0-Sieges gegen Armenien die erste EM-Qualifikation in der Geschichte des Landes. Bis zur Qualifikation für die Europameisterschaft 2016 in Frankreich hatten die "Shqiponjat" (die Adler) 51 von 81 Qualifikationsspielen verloren und kamen nicht mal annähernd in Reichweite einer Qualifikation.

In der Gruppe I gewannen die Albaner auf dem Weg nach Frankreich dann aber plötzlich die Hälfte ihrer Spiele und gingen nur zweimal als Verlierer vom Platz. Dänemark wurde am letzten Spieltag noch auf einen Playoff-Rang geschubst - auch dank einer Story, die sonst wohl nur in Hollywood-Streifen über die NSA vermutet werden würde.

Skandalspiel gegen Serbien

Denn gewissermaßen sicherten sich die Adler vom Balkan ihren Platz bei den Kontinentalkämpfen in Frankreich am grünen Tisch. Weil sie beim Auswärtsspiel in Belgrad ausgesperrt wurden, schickten albanische Fans eine Drohne mit der großalbanischen Flagge ins Stadion und kreisten kurz vor dem Pausenpfiff über dem Rasen. Stefan Mitrovic holte das Flugobjekt mit Wucht vom Himmel - und sorgte so für Tumulte zwischen Spielern und Zuschauern. Die serbischen Sicherheitskräfte waren komplett überfordert, Schiedsrichter Martin Atkinson brach die Partie beim Stand von 0:0 ab, der internationale Sportgerichtshof CAS wertete das Spiel schließlich mit 3:0 für die Gäste.

Drei Punkte, die am Ende den Unterschied in der Gruppe I ausmachten. Für Verbandspräsident Armando Duka aber keine Makel: "Wir hatten die Niederlage zuhause gegen Portugal und Serbien nicht verdient. Da hätten wir Punkte holen können. Am Ende sind wir aber vollkommen verdient qualifiziert. Wir haben keine Stars, dafür sind wir eine eingeschworene Truppe."

Internationale Erfahrung

Tatsächlich drohte die direkte Qualifikation am Donnerstagabend noch zu kippen, als Serbien im Rückspiel in Elbasan aus einem 0:0 noch eine 0:2-Niederlage für die Gastgeber machte. Doch die Albaner bewiesen Nervenstärke und zeigten, dass sie sich in den letzten Jahren von einem Sparringspartner zu einem ernsthaften Stolperstein im europäischen Fußball entwickelt haben.

Mit Elseid Hysaj (SSC Neapel) und Torhüter Etrit Berisha (Lazio Rom) stehen zwei der Leistungsträger in der Serie A unter Vertrag. Auch Shkelzen Gassi und Taulant Xhaka (beide FC Basel), Bruder von Gladbach-Profi Granit, der genau wie Xherdan Shaqiri albanische Wurzeln besitzt, nehmen wichtige Rolle in der Nationalmannschaft ein.

Dabei könnte das Land international sogar noch deutlich stärker sein. "Wir haben viele Spieler mit albanischen Wurzeln, die sich aber leider entschieden haben, für ein anderes Land zu spielen", erklärte Nationaltrainer Gianni de Biasi gegenüber der "Neuen Zürcher Zeitung".

"Weg von diesem Fußball, der mich anwidert"

Der Italiener, der seit einem halben Jahr auch die albanische Staatsbürgerschaft besitzt, hat der Mannschaft eine Identität verschafft. "Er ist ein großartiger Motivator und impft einem die Winner-Mentalität ein", sagte Gökhan Inler der "Neuen Zürcher Zeitung". Der Schweizer hatte unter de Biasi bei Udinese Calcio gespielt, wo der Coach aber nach einem halben Jahr wegen Erfolglosigkeit entlassen wurde. Udine war vielleicht die namhafteste Station des Italieners, bei weitem aber nicht die kurioseste.

Nachdem er mit dem FC Modena Anfang des Jahrtausends den direkten Durchmarsch von der Serie C in die Serie A schaffte, führte er den FC Turin 2006 in die Serie A, nur um drei Tage vor Saisonbeginn entlassen zu werden. Sein Nachfolger Alberto Zaccheroni in der Rückrunde schon wieder entlassen, de Biasi kehrte zurück und schaffte den Klassenerhalt. 2007 probierte er sich nochmal beim UD Levante, wo er sein Amt nach ausbleibenden Gehaltszahlungen aber niederlegte.

Nach seinem Rauswurf bei Udine Anfang 2010 hatte er schließlich keine Lust mehr auf die Serie A. Gegenüber der "Neuen Zürcher Zeitung" erklärte er 2012: "Es kommt einer Wette gleich. Man spricht von «Projekten», aber die dürfen nur von einem Wochenende zum andern dauern. Verliert man zweimal, ist man weg vom Fenster. Ergibt das noch Sinn? Ich wollte weg von diesem Fußball, der mich anwidert. Mir gefällt das Einfache, das Saubere. Ich will dort sein, wo ich meine Arbeit machen kann und dafür geachtet werde."

Also unterschrieb der Italiener in Albanien und schaffte den größten Erfolg der Verbandsgeschichte. Schon jetzt kündigt der 59-Jährige an: "Ich werde auf jeden Fall verlängern, nur über mein Gehalt müssen wird natürlich reden." Bis zum Sommer 2016 ist aber erstmal ganz Albanien in Party-Laune.

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