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Der Ringo Starr der Jahrhundertelf

Von Maximilian Schmeckel
Ajax galt in den Siebziger Jahren als spielstärkste Mannschaft Europas
© getty

Während Amsterdam heute als Ausbilder-Klub gilt, war Ajax in den Siebziger Jahren das beste Team der Welt. Ganze Bücher gibt es über die "Jahrhundertelf" um Johan Cruyff. Während um Cruyff, Neeskens, Krol und Co. Mythen gestrickt werden und ihre Kunstfertigkeit ein Alleinstellungsmerkmal inne hat, ist ein absoluter Stammspieler von Gloria Ajax in Vergessenheit geraten: Wim Suurbier war auf dem Platz jemand, dem alle blind vertrauten und daneben einer, der die Stars zusammenhielt.

"Nur eines hat ihm keiner attestiert: den Genie-Status", schrieb die Zeit einst über Ringo Starr. Der Beatles-Drummer habe das Glück gehabt "acht Jahre lang mit drei Genies in einer Band zu spielen." Ähnliches sagt man über Wim Suurbier, den rechten Außenverteidiger des vielleicht besten Teams aller Zeiten: Gloria Ajax um Johan Cruyff der Siebziger-Jahre.

Glück habe er gehabt, er, der technisch limitierte Läufer mit der Pferdelunge, der wohl einzige Akteur des Wunderteams, der die eingesprungene Grätsche besser beherrschte als eine filigrane Pirouette oder einen Außenrist-Pass in den Raum. Glück, dass er 13 Jahre lang im Verein und zwölf in der Nationalmannschaft mit den Heroen des niederländischen Fußballs zusammen spielen durfte.

Mit Ballsport-Virtuosen wie Gerrie Mühren, der 1973 das ehrwürdige Santiago Bernabeu zum Toben brachte als er während der Partie begann den Ball hochzuhalten oder Piet Keizer, der manchen als das größere Genie als Johan Cruyff gilt.

Mit Pionieren wie Sjak Swart, dem Mitschöpfer der Bananenflanke oder Ruud Krol, dem Grund dafür, dass in den Niederlanden plötzlich die Kinder lieber Außenverteidiger als Stürmer werden wollten. Mit inszenierenden Taktgebern wie Barry Hulshoff oder Johan Neeskens. Und natürlich mit seiner Heiligkeit, dem König von Holland, Johan Cruyff.

Loyalität als oberste Maxime

Wohl keinen Ajax-Spieler der legendären Elf, die drei Mal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewinnen konnte und eine Kulturrevolution vollzog, die viele Paradigmen des modernen Fußballs kreiert und ästhetisch unter Michels und Thronfolger Stefan Kovacs auf den Rasen gezaubert hat, kennen heute nur noch so wenige Menschen wie Wim Suurbier.

Dabei war er sowohl auf dem Rasen als auch außerhalb ein unverzichtbarer Spieler. Einer, der als Spaßvogel, Playboy und loyaler Freund, aber auch als dynamischer Antreiber, zuverlässiger Zweikämpfer und stürmender Verteidiger galt.

In den Niederlanden gilt es als Nationalsport der Boulevardpresse unermüdlich zu versuchen die Gloria-Ajax-Spieler dazu zu bringen die feuchtfröhlichen und mitunter wohl durchaus skandalösen Anekdoten der auch bei Profifußballern von "Sex, Drugs and Rock n' Roll" dominierten Siebziger-Jahre preiszugeben.

Die Wunderelf von einst hält sich allerdings an einen ungeschriebenen Kodex, der die Skandale ruhen lässt. Vor Jahren bekam Wim Suurbier Besuch von einem Verleger und einem Autoren, die seine Biografie veröffentlichen wollten und insgeheim natürlich auf allerlei schmutzige Details von Cruyff und Co. hofften. Suurbier lehnte ab - und das, obwohl ihm finanziell das Wasser seit dem Karriere-Ende bis zum Hals stand. Niemals hätte er diesen Verrat an seinen ehemaligen Mitspielern begangen.

Plötzlich stand er vor Cruyffs Haus

Als es ganz schlimm wurde, und er nicht einmal mehr die Miete bezahlen konnte, wusste er wohin mit sich. In Barcelona stand er plötzlich vor dem Haus der Familie Cruyff. Johan dachte nicht daran, ihn ins Hotel zu schicken. Er bezog das Gästezimmer und am nächsten Morgen staunte Cruyff nicht schlecht, als in der Küche nicht seine Frau, sondern Wim Suurbier am Herd stand, Eier und Speck briet und Orangen auspresste.

Er blieb und arbeitete im Haushalt mit, um bei den Cruyffs schlafen zu dürfen. Nach sechs Wochen verließ er Barcelona gen Florida. Cruyff hatte ihm einen Job bei Ajax Orlando besorgt.

Diese Episode sagt viel aus über den Zusammenhalt der Ajax-Elf. Und viel über Suurbiers Stellung im Team. Er war einer der Ersten des späteren Teams, das von 1970 bis 1973 den Europapokal der Landesmeister gewinnen konnte. Schon früh traf ihn das Leben, wie sooft danach. Doch schon damals war er einer, der Verantwortung übernahm und sich nicht unterkriegen ließ. "Meine Eltern sind jung verstorben und so mussten mein Bruder und ich früh für uns selbst sorgen. Man könnte darüber klagen, aber was hat man davon?", erzählte er auf wk74.com.

1965 begann der Mythos

In Amsterdam ging er auf die Schule mit Piet Keizer, dem späteren Linksaußen. Beide wurden bei einem Spiel der Schülermannschaft gescoutet und wechselten zum großen Ajax. "Ich hatte nicht gut gespielt, aber drei Tore geschossen", erinnert sich Suurbier. Zusammen mit Johan Cruyff, dessen Bruder Henny und dem späteren Vorstopper Barry Hulshoff wurden sie auf Anhieb niederländischer Jugendmeister.

Mitte der Sechziger wurden sie Mitglied der ersten Mannschaft, wo sie auf einen Trainer trafen, der vielen als größtes Genie der Fußball-Geschichte gilt. Rinus Michels war ein Tüftler, ein Architekt, ein General, der den Totaalvoetbal kreierte, der Ajax zwischen 1965 und 1973 sechs niederländische Meistertitel, vier Pokalsiege, drei Europapokaltitel, einen Weltpokaltitel und einen UEFA-Supercup bescherte - und eine Legende schuf, die bis heute andauert.

577 Tore durch Michels' Totaalvoetbal

Michels löste das starre Positionskonzept auf, ließ permanent rochieren. Er ließ Pressing, Raumdeckung und mit Abseitsfalle spielen - alles im modernen Fußball fest verankerte Begrifflichkeiten. "Spitzenfußball ist wie Krieg. Bist du zu lieb, bist du verloren", sagte Michels und ließ seine Spieler überfallartig und mit technischer Brillanz angreifen.

79, 122, 96, 90, 100, 90 - 577 Ligatore erzielte Ajax in der Michels-Ära von 1965 bis 1971. "Es ist eine Kunst für sich eine Startformation zu entwerfen, die Balance zwischen kreativen Spielern und denen mit zerstörerischen Kräften zu finden, und zwischen Verteidigung, Aufbau und Angriff - ohne dabei die Qualität des Gegners und die spezifischen Zwänge eines jeden Spiels zu vergessen", beschrieb Michels sein Ziel und fasst so die Philosophie seiner Ägide besser zusammen als jede theoretische Abhandlung. Ebenfalls fest verankert in seinem Konzept: stürmende Außenverteidiger.

Während in Klub und Nationalteam vorne der überragende Mann Cruyff überall zu finden war, Libero, Außenstürmer, Mittelstürmer und Spielmacher in einem war, und auch Keizer, Mühren, Haan oder Neeskens sich frei bewegten und eine Offensivwucht schufen, die in der Geschichte des Fußballs ihresgleichen sucht, hatte Suurbier einen recht begrenzten Radius.

Die rechte Außenlinie war sein Territorium, dieses beackerte er. Er war technisch nicht schlecht, wenn auch schwächer als seine Mitspieler, er konnte beidfüßig flanken und schießen. Und er stürmte dynamisch und nimmermüde bis zur Grundlinie. "Er war eigentlich Verteidiger, aber unfassbar offensiv im Endspiel, ich musste gegen ihn fast linker Verteidiger spielen, dabei war ich ja Stürmer", erinnert sich Bernd Hölzenbein in der Frankfurter Rundschau an seinen Gegenspieler Suurbier beim WM-Finale 1974. Am Wichtigsten aber war seine Härte. Er war der rustikale Part in einem Orchester voller filigraner Solisten. Wie Ringo Starr eben.

"Aber wir hatten Wim"

In der Zwischenrunde der WM 1974 etwa, setzte er mit zwei harten Tacklings ein Zeichen gegen überhart auftretende Brasilianer. Bei der zweiten Grätsche gegen Blondschopf Francisco Marinho traf der ihn beim Fallen absichtlich im Gesicht. Suurbier sprang sofort auf, mit wehender Mähne und vorgeschobenem Unterkiefer, ganz im Gegensatz zu heutigen Spielern, die bei einer solchen Aktion schreiend liegen geblieben wären.

"Brasilien versuchte uns mit Tritten zu zermürben. Besonders Johan (Cruyff, Red.) wurde regelrecht gejagt. Tja, was soll ich sagen. Sie traten uns, aber wir hatten Wim", erinnerte sich Johnny Rep im Telegraaf. Holland gewann 2:0 und scheiterte erst im Finale an Deutschland.

Auf Suurbier konnten sie sich verlassen, die Künstler vorne. Er kam über seine Kraft und sprintete dynamisch nach vorne und noch dynamischer nach hinten bei Ballverlusten. Gegenangriffe beendete er schon einmal mit einer Grätsche mit offener Sohle. Auf dem Platz ein funktionierendes Rädchen, in der von Michels entwickelten Maschinerie, war er neben dem Platz ungleich wichtiger, er war der Kitt, der die Stars zusammen hielt.

Seite 2: Die Ära endete, das Schlitzohr blieb

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