Die deutschen Hoffnungsträger

Von Roman Brandt
Sonntag, 19.07.2015 | 15:24 Uhr
Muay Thai ist einer der ältesten Kampfsportarten der Welt
© getty
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Muay Thai ist eine der ältesten Kampfsportarten der Welt. Sie umgibt eine gewisse Faszination, wird aber auch heute noch von vielen Europäern kritisch gesehen. Trotzdem generiert diese Kampfkunst in Deutschland eine immer höhere Popularität. Im zweiten Teil wird erklärt, wessen sportlicher Erfolg dabei enorm hilfreich war.

Trotz einiger Startschwierigkeiten gewinnt Muay Thai außerhalb von Thailand mittlerweile immer mehr an Beliebtheit. Der Sport wird bereits in über 130 Ländern weltweit betrieben - all diese sind Mitglied der International Federation of Muay Thai Amateur (I.F.M.A.) mit Sitz in - Überraschung - Bangkok.

Teil 1: Die Geschichte von Muay Thai

Des Weiteren ist Muay Thai auf einem guten Weg in naher (?) Zukunft olympisch zu werden. Die letzte Hürde der olympischen Anerkennung stellt die Mitgliedschaft in der World Games Association, welche bereits signalisiert hat, dass die I.F.M.A. aufgenommen wird, dar.

Andererseits gibt es auch kritische Stimmen, die besagen, dass Muay Thai in naher Zukunft nicht olympisch werden wird, weil es erstmal viele seiner umfassenden Probleme (siehe Teil 1) beheben muss. Wer recht behält, wird die Zukunft zeigen.

In Europa nicht mehr aufzuhalten

Trotzdem ist der Erfolg von Muay Thai in Europa wohl nicht mehr aufzuhalten. Einen großen Anteil daran hat wie sooft die Plattform Youtube, die es Interessierten ermöglicht, nahezu alle Fights kostenlos anzuschauen.

Auch die deutschen Sportler haben ihre Liebe für diese Kampfkunst entdeckt. Immer mehr Deutsche reisen in das Mekka dieses Kampfsports, um sich über Wochen oder Monate in Trainingslagern Muay Thai anzueignen.

Im Gegensatz zu den Leidensgenossen im fernen Thailand wird Thaiboxen hierzulande aus anderen Motivationsgründen betrieben: Fitness, Selbstverteidigung und Lust am sportlichen Wettkampf sind meist Gründe für die Ausübung.

Aus Existenzgründen muss in der Bundesrepublik keiner in den Ring steigen. Einen Teil zur Popularität tragen auch deutsche Wettkämpfer, die an der Weltspitze klopfen, bei.

Der kongolesische Dampfhammer aus Waldbröl

Danyo "Dibuba" Ilunga ist die aktuelle Nummer 1 der Glory Worldseries im Halbschwergewicht (bis 95 Kilogramm). Der 28-Jährige ist mehrfacher deutscher Meister, Europameister nach K1-Regeln und konnte auch global bereits einige Titel gewinnen. Sowohl nach Muay Thai- als auch Kickbox-Regeln konnte er Weltmeistertitel erringen.

Den größten Erfolg stellt der Worldchampion-Titel der angesehenen It's-Showtime-Reihe dar, den er 2011 für sich gewinnen konnte. Geboren wurde Ilunga, der in der Regel in traditioneller afrikanischer Kluft zum Ring kommt, in der Demokratischen Republik Kongo.

Als einer von sieben Geschwistern besuchte Danyo die dortige Schule. In der Familie herrschten stabile Verhältnisse. Der Vater war ein angesehener Politiker, der die demokratische Einstellung vertrat, die Mutter widmete sich neben der Erziehung der Kinder ihrem Ladenlokal.

Politische Verfolgung und Flucht nach Deutschland

Die politische Bekanntheit des Vaters wurde für die Familie jedoch zum Verhängnis. Es herrschte Bürgerkrieg und der Vater wurde in seinem eigenen Land verfolgt und musste daher das Land verlassen.

Die anderen Familienmitglieder folgten dem Oberhaupt nach und nach. Danyo kam als letzter aller Mitglieder nach Deutschland.

Der große Fan von Jackie Chan und Jean Claude Van Damme wollte bereits in Kongo mit dem Kampfsport beginnen, die Familie untersagte ihm das jedoch. In Deutschland kam er 2006 zufällig bei der Eröffnung eines Gyms vom ehemaligen K1-Champion und zu dem Zeitpunkt bereits als Trainer fungierenden Asmir Burgic vorbei.

Dieser ermunterte ihn spontan beim Boxtraining mitzumachen. Ilunga nimmt teil und war endgültig angefixt. Jetzt musste er nur noch seinen Vater, der mittlerweile als Pfarrer tätig ist, überzeugen. Der Vater, der 2004 die Hilfsorganisation "Hände für Afrika" gründete, ließ sich doch vom Sohnemann breitschlagen. Der Weg zum Kampfsport ist für Ilunga somit frei.

Der Erfolg stellt sich schnell ein

Bereits zwei Jahre nach seiner ersten Begegnung mit Asmir Burgic debütierte Ilunga im Profisport. Ab da dominierte er die deutschen Kickbox- und Muay Thai-Kreise, bis er eine Einladung von It's Showtime - zu der Zeit die führende Kickbox-Organisation in Europa - erhält.

Danyo Ilunga war außerhalb von Deutschland recht unbekannt, erhielt aber trotzdem die Chance um den vakanten Halbschwergewicht-Titel gegen Wendell Roche zu kämpfen. Der Niederländer wurde folgerichtig als klarer Favorit für den Kampf gehandelt. Umso überraschender dominierte der unbekannte Deutsch-Kongolese das Duell und trieb sein Gegenüber mit Konterattacken immer wieder zur Verzweiflung. Ein einstimmiger Punktsieg und der Titel waren die logische Folge.

Ilunga ist unter den Fans dieser Sportart sehr beliebt. Neben seiner demütigen und freundlichen Art außerhalb des Ringes ist seine Art zu kämpfen ein Grund hierfür. So bescheiden und ruhig der 1,90 Meter große Hüne außerhalb des Rings auftritt, so aggressiv agiert er innerhalb der Ringseile.

Ein Grund dafür? Ilunga wird unter anderem vom dreimaligen K1-World Grandprix Sieger und Publikumsmagneten Remy Bonjasky trainiert. Die spektakuläre Art, die etliche eingesprungene Knie und hohe Kicks beinhaltet, brachte dem Holländer hohe Beliebtheit und den Spitznamen "The Flying Gentleman" ein.

K.O.-Quote mit Schönheitsmakel

Diese Elemente finden sich auch immer wieder in Ilungas Kampfrepertoire wieder. Sein aggressiver Kampfstil mündet in einer Knockout-Quote von fast 80 Prozent. 44 seiner 56 Kämpfe konnte er bislang vorzeitig beenden, 12 Fights gewann er per Punktentscheid. Dem stehen nur 6 Niederlagen gegenüber.

In der Glory Series steht er aktuell bei sechs Siegen zu zwei Niederlagen. Eine dieser Niederlagen erlitt er auf kuriose Weise im Glory-9-Finale gegen Tyrone Spong. Der Referee sprang bereits nach 16 Sekunden dazwischen, nachdem Spong Ilunga mit Schlagstafetten attackierte, der Deutsch-Kongolese zwar benommen ist, aber nicht zu Boden ging.

Dem Abbruch des Kampfes folgt ein unverständnisvoller Ilunga, der auch noch lange danach das frühzeitige Beenden des Duells seitens des Schiedsrichters nicht nachvollziehen kann und der vergebenen Chance nachtrauert.

Als Ranglisten-Erster der Glory Rangliste im Halbschwergewicht stehen seine Chancen auf weitere Titel jedoch weiterhin gut. Mit Rückschlägen kennt sich auch der zweite Protagonist dieses Artikels gut aus...

Der Hurrikan nimm langsam Fahrt auf

Enriko "The Hurricane" Kehl ist wohl momentan das größte Thaibox-Name in Deutschland. Der 23-Jährige gehört auch weltweit zu den besten jungen Fightern in seiner Gewichtsklasse. Die Profikarriere beginnt für den Polizisten, der neben dem Training seiner regulären Arbeit nachgeht, im Jahr 2009.

Eine 40-Stunden Woche - vor und nach der Arbeit widmet sich der Deutsche dem Muay Thai Training - und das gleichzeitige Erklimmen der sportlichen Weltkampfspitze fordern ein hohes Maß an Disziplin und den Verzicht auf einen Großteil des Privatlebens.

Der Sportler aus Wetzlar, dessen Bruder Juri ebenfalls ein talentierter Thaiboxer ist, musste trotz dieser hohen Opferbereitschaft zunächst einige Rückschläge wegstecken. In seinen ersten beiden Kämpfen zahlte er gegen die erfahrenen Gegner Fadi Merza und Murat Direkci Lehrgeld und verlor.

Auch von den nächsten drei Duellen konnte der Deutsche mit Wurzeln in Kasachstan nur eins für sich entscheiden. Das Duell gegen Alex Vogel verlor er, nachdem er seinem Landsmann in den Unterleib trat, sodass dieser anschließend in ein Krankenhaus transportiert werden musste.

Das sollte jedoch erstmal der letzte Rückschlag für Enriko Kehl gewesen sein. Von den nächsten sieben Profikämpfen konnte The Hurricane sechs gewinnen.

Spezialität: Highlight-Videos füllen

Den Spitznamen erhielt Kehl von seinem ehemaligen Trainer Frank Schneider, weil dieser zum Kampfstil des Schützlings passe. Enriko Kehl war vor allem früher eine wahre Knockout-Maschine, die sehr aggressiv kämpfte.

Obwohl er heutzutage taktisch ruhiger agiert und die Anzahl der frühzeitigen Kampfsiege in letzter Zeit zurückgegangen ist, bleibt der Spitzname weiterhin zutreffend. Kehl setzt im Kampf häufig Drehelemente wie eingedrehte Kicks und Ellbogenschläge ein, um den Gegner zu überraschen.

Vor allem sein eingedrehter Ellbogenschlag findet sich immer wieder in den K.O. Highlights wieder. Die erste große Aufmerksamkeit brachte ihm jedoch das Unentschieden gegen den Weltklasse-Thaiboxer Aikpracha Meenayothin ein. Ein Draw gegen einen großen Namen im Heimatland des Kampfsports? Eine große Leistung für einen Kämpfer aus der (im Muay Thai kleinen) Bundesrepublik.

Seine nächste Niederlage musste er dann gegen Buakaw Banchamak einstecken. Buakaw ist eine absolute Legende in dieser Sportart. Über 250 Siege konnte er im Laufe seiner Karriere erringen. Zum Zeitpunkt des Kampfes gegen Kehl war er fast drei Jahre und in 24 Kämpfen unbesiegt. Der junge Deutsche musste sich der Erfahrung Buakaws nach Punkten geschlagen geben.

Kurioser Sieg gegen eine Legende

Die Revanche sollte ein Jahr später gelingen - und das auf ganz kuriose Weise: Im K-1 World MAX 2014 World Championship Tournament Final lieferten sich Kehl und Buakaw einen Fight auf Augenhöhe.

Enriko Kehl agiert immer wieder mit technisch sauberen Schlagkombinationen, während sein Gegenüber mit harten Einzelaktionen dagegenhielt. Buakaw setzte derweil immer wieder Wurfkombinationen ein, die zwar spektakulär aussehen, im Regelwerk des K-1 (auch das Clinchen und Ellbogenschläge sind verboten) jedoch untersagt sind.

Vom Schiedsrichter wurde er trotzdem kein einziges Mal ermahnt. Nach drei harten Runden rissen beide Athleten die Hände in die Luft. Beide Gegner klatschten sich ab und gehen auch - so wie es im Kampfsport gewohnt ist - jeweils in die gegnerischen Ecken, um ihnen Respekt zu zollen.

Die Schiedsrichter werteten den Kampf als Unentschieden. Maximal zwei Extrarunden sollten die Gewissheit über den Sieger bringen. Es giab nur ein Problem: Die thailändische Muay Thai-Legende war sang- und klanglos verschwunden. Buakaw wurde daraufhin disqualifiziert und Kehl durfte sich einen der wichtigsten Titel im Kampfsport um die Hüften hängen.

Es ist anzumerken, dass eine solche World Championship nicht mit einer Weltmeisterschaft, wie man sie etwa vom Fussball kennt, zu vergleichen ist. Unterschiedliche Institutionen vergeben unterschiedliche Titel, für die oftmals nur das Besiegen eines Gegners von Nöten ist.

Trotzdem ist Enriko Kehl mit dieser Errungenschaft in der Weltspitze angekommen. Buakaw gab in einer Pressekonferenz übrigens das in seinen Augen ungerechte Urteil als Grund für das Verlassen auf. Es werden aus seiner Ecke auch Rufe nach einem Wettbetrug laut.

Nur eine Niederlage für Kehl

Drei seiner vier Kämpfe danach konnte der Hurrikan erfolgreich bestreiten. Nur gegen den wohl besten Kickboxer aller Zeiten, Georgio Petrosyan, muss er sich in dessen Heimatland Italien geschlagen geben. Keine Schande gegen einen Mann, der sich in 83 Kämpfen genau zweimal geschlagen geben musste.

Enriko Kehl hat unter der Schirmherrschaft von K-1 so ziemlich alles erreicht. Gut möglich, dass er bald bei Glory unterschreibt, um sich mit großen Namen wie Robin Van Roosmalen oder Andy Ristie zu messen. In der aktuellen Rangliste der WBC Muay Thai im Mittelgewicht wird Kehl aktuell an Position sieben geführt.

Ebenfalls ein großer Erfolg für jemanden aus dem Deutschland. Sowohl von Enriko Kehl als auch Danyo Ilunga ist in naher Zukunft einiges zu erwarten. Beide haben bewiesen, dass auch Deutschland großartige Muay Thai-Kämpfer hervorbringen kann. Jedes Wochenende finden im ganzen Land Muay Thai-Wettkämpfe statt, bei denen neue Talente ihr Glück versuchen.

Es wird spannend zu sehen sein, wann die nächsten Deutschen an die Weltspitze klopfen werden. Genug Leidenschaft, Motivation und Talent ist in Deutschland zumindest vorhanden.

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