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Der missverstandene Löwe

Von Maximilian Schmeckel
Nigel Mansell war ein missverstandener Ausnahmeathlet, der lange als Pechvogel galt
© getty

Als Pechvogel und rücksichtsloser Chaos-Pilot haftete Nigel Mansell lange ein negatives Image an. Erst in fortgeschrittenem Alter gelang ihm endlich die Erfüllung seines Kindheitstraums. Über einen legendären Formel-1-Piloten, dem lange Unrecht getan wurde und der nie die Anerkennung bekam, die er verdient.

Limits. Seit jeher treibt die Menschen das An-die-eigenen-Grenzen-gehen an. Deshalb ist der Sport Hobby Nummer eins. Egal ob für die Athleten, die durch neue Rekorde zu Helden werden, oder für die Zuschauer, die fasziniert zusehen. Kaum ein Sport ist in Kraft seiner Natur so sehr verankert mit dem Kampf gegen die Uhr und technischen Innovationen zur Tempo-Maximierung wie der Motorsport.

Die Formel 1 ist die Königsklasse und nicht nur in Deutschland durch Schumacher oder Vettel ein Faszinosum voller Geschichten und legendärer Rennen, sondern auch in Großbritannien. Lewis Hamilton als prägende Personalie der Neuzeit hat in England Erinnerungen an die Achtziger und Neunziger geweckt, als ein einfacher Mann, der sich selbst als "altmodisch" beschrieb, jahrelang dem Traum seiner Kindheit nachjagte und sich dabei legendäre Duelle mit Granden wie Senna, Prost und Piquet lieferte. Nigel Mansell ist eine Ikone des Sports - ein missverstandener Ausnahmeathlet, der lange als Pechvogel galt und sich vor allem in seiner Heimat beißendem Spott aussetzen musste, bis er sich 1992 zum König krönte.

Tüftler und Kartchampion

Mansell wurde am 09. August 1953 in Upton-on-Seven in England geboren. Seine Familie hatte wenig Geld, sein Vater arbeitete als Automechaniker und gab die Liebe zur Tüftelei an seinen Sohn weiter. Mit zehn Jahren begann Mansell Kartrennen zu fahren, obwohl das Mindestalter bei elf lag. Mit 14 gewann er sein erstes Rennen und wurde im Anschluss landesweit bekannt. 1973 wurde er englischer Kartmeister. Noch heute beschreibt er diese Zeit, als "die sportlich vielleicht glücklichste". Denn es ging, anders als später, nicht primär um Technik oder um Kommerz oder um Taktik, sondern einfach um Mut und Können.

1976 trat er der Formel Ford bei, der Einsteiger-Klasse des Formel Sports. Bereits 1977 gewann er mit starken 32 Siegen in 42 Rennen und wollte höher, weiter. 1978 verkaufte er gemeinsam mit Ehefrau Rosanne das Haus, um so den Einstieg in die Formel 3 zu finanzieren. Er hatte seine Eltern früh verloren und setzte mit 25 alles auf eine Karte - und es lief alles andere als gut. Geld fehlte an allen Ecken und Enden, sein Auto zeigte sich störrisch.

"Furchtloses Tier"

Es war seinem Stil geschuldet, dass er 1980 entdeckt wurde und zur Formel 1 kam. Colin Chapman vom Formel-1-Team Lotus bot ihm einen Testvertrag und drei Grand-Prix-Einsätze an. Mansell profitierte dabei enorm von der Umbruch-Phase, in der sich Lotus befand. Chapman, ein genialer englischer Konstrukteur, der durch Erfindungen maßgeblich zur Entwicklung des Sports beigetragen hatte, war ein Mann mit scharfem Blick für Können der Fahrer und Defizite der Autos. Er sah in Mansell etwas, das lange niemand anderes sehen konnte: Einen Fahrer mit Herz und Mut, der bei engen Manövern die Ruhe bewahrt und das Rüstzeug zum Champion mitbringt. Er sah ein "furchtloses Tier mit irrsinnigen Kräften", wie Frank Williams ihn später einmal beschrieb.

In seinen vier Jahren bei Lotus setzte er erste Ausrufezeichen, mit denen er sich in der Branche einen Namen machte und die ihm erste WM-Punkte einbrachten. Dennoch überwog sein Negativ-Image als Pechvogel und Bruch-Pilot. In England wurde er 1984 nach einem Rennen in Texas nicht etwa für seinen Kampfgeist gefeiert, sondern verspottet.

Nach einem Defekt hatte er bei 40 Grad versucht seinen Wagen über die Ziellinie zu schieben und war wegen Überanstrengung zusammen gebrochen. Er artikulierte sich schwerfällig und mit East-Midland-Slang. Die Journaille berichtete hämisch von seinen Jobs als Fensterputzer oder Tankstellenwart in jungen Jahren.

Hunt als Schatten der Vergangenheit

In England konnte man nur wenige Jahre nach der Ära von James Hunt wenig mit dem schnauzbärtigen Mansell anfangen, der eher wie ein einfacher Arbeiter wirkte, der nach der Maloche mit seinen Kumpels auf ein paar Pints in den Pub geht, als ein Formel-1-Pilot mit Sieger-Mentalität. Hunt hatte in den Siebzigern das Bild der Rennfahrer neu definiert.

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Auf den "James Dean der Formel 1" (The New York Times) folgte "ein biederer, geistloser Schnauzbartträger" (The Sun). "Wenn Mansell je einen Titel gewinnt, wäre das ein peinlicher Tag in der Formel 1", sagte ausgerechnet der Popstar Hunt über seinen Nachfolger, der sich vor allem wegen der Häme der Branche und der Medien zurück zog und sich als Mann des Volkes neu erfand. So hatte er eine enge Bindung zu seinem Team, verstand sich nicht als Chef oder Herzstück des Rennstalls.

Trauma von 86 und 87

1985 wechselte er zu Williams-Honda und fand in Stall-Chef Frank Williams erneut einen Förderer, der an ihn glaubte, obwohl er bereits 31 war und noch kein einziges Rennen gewonnen hatte. Er und sein finnischer Teamkollege Keke Rosberg profitierten sehr von der Verbesserung der Motoren zur Saisonmitte. Mansell gewann ausgerechnet im englischen Brands-Hatch seinen ersten Grand Prix. Nach zwei weiteren Siegen bastelte sein Team 1986 am großen Coup. Mansell sollte nach ganz oben - wenigstens die Teams, wenn auch nicht die Medien, respektierten ihn jetzt. Nun wollte er es allen zeigen.

1986 und 1987 fuhr er stark wie nie und dennoch wurden es zwei Jahre des seelischen Martyriums. 1986 verlor er den sicher geglaubten WM-Titel im letzten Rennen in Adelaide an Titelverteidiger Alain Prost, als ihm bei höchstem Tempo ein Reifen platzte. "Und plötzlich wird dir klar, dass du einen Traum verloren hast, das Lebensziel, die Weltmeisterschaft.Wenn man aber diese Art von Enttäuschung erst einmal verarbeitet hat, dann kann so manches andere im Leben einen nicht mehr erschüttern", sagte Mansell 1988 dem Spiegel und zeigte wie sehr ihn die Niederlage, die sein ständiger Begleiter wurde, traf - vor allem weil die Medien in die Wunde noch Salz streuten. "Der Professor schlägt den Draufgänger - Kopf schlägt Kraft", titelte die Sun nach dem spannenden Finale und verwies damit auf Prosts analytische Fähigkeiten, seinen klaren Stil und sein taktisches Repertoire.

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