Olympia

Olympic Moments: Tonya Harding und das Eisenstangen-Attentat auf Nancy Kerrigan

Rivalinnen auf dem Eis: Nancy Kerrigan (r.) und Tonya Harding 1994 in Hamar
© imago

"Eishexe" Harding darf bei Olympia in Lillehammer antreten

In einem mehr als zehnstündigen Verhör durch das FBI streitet die Athletin zunächst jede Mitwisserschaft ab, nur um am 27. Januar schließlich zuzugeben, dass sie nach dem Attentat von dem Plan erfahren und ihn gedeckt habe. Ehemann Jeff behauptet bei seiner Haftprüfung, Tonya habe den Plan vor dem Angriff gekannt und gebilligt.

Kerrigan ist derweil zurück auf dem Eis, nur elf Tage nach dem Anschlag. Das nationale olympische Komitee nominiert sie für Lillehammer - und möchte Harding nach den bekannt gewordenen Vorwürfen schnellstens aus dem Kader werfen. Die erst 13-jährige, hochtalentierte Michelle Kwan, die später fünfmal Weltmeisterin werden wird, steht als Ersatz bereit.

Doch Harding fightet. Sie reicht angesichts des schwebenden Verfahrens eine-20-Millionen-Dollar-Klage ein - und das USOC gibt zum Start der Spiele am 12. Februar schließlich nach. Tonya Harding, medial inzwischen nur noch als "Eishexe" tituliert, darf bei Olympia antreten.

Kerrigan schlägt Harding: "Beauty Crushes the Beast"

Das erste Training im Olympic Amphitheatre zu Hamar am 17. Februar findet vor 400 Medienvertretern statt. Kerrigan und ihre mutmaßliche Peinigerin gemeinsam auf dem Eis, dieses Kriminaldrama stellt alles in den Schatten. Sogar Kati Witts olympisches Comeback als erste Profiläuferin der Geschichte nach sechs Jahren ohne Wettkampf.

Die Befürchtungen des Kerrigan-Managers erweisen sich im Laufe der Spiele als hinfällig: Kerrigan hinterlässt einen starken Eindruck, Harding dagegen ist das Nervenbündel. Nach dem Kurzprogramm führt Kerrigan vor Oksana Baiul, der 16-jährigen Weltmeisterin aus der Ukraine. Tonya Harding wird im Zwischenklassement nur Zehnte.

Die Medien überbieten sich in ihren Schlagzeilen: "Beauty Crushes the Beast" (Dagbladet) oder "Few Tears, No Blood as Snow White Beats Poison Dwarf" (The Irish Times) sind nur zwei der zahllosen Beispiele.

Das hollywoodreife Happyend ist in greifbarer Nähe, doch in der höher bewerteten Kürentscheidung wird Kerrigan mit 5:4 Preisrichterstimmen und nur 0,2 Punkten zurück auf Rang zwei gesetzt. Oksana Baiul wird trotz ihres Zusammenpralls mit Tanja Szewczenko beim Einlaufen eine der jüngsten Eiskunstlauf-Olympiasiegerinnen aller Zeiten.

Dennoch: Nur sechs Wochen nach dem Eisenstangenattentat, sechs Wochen voller Hoffen, Bangen, Nervenkrieg, gewinnt Nancy Kerrigan die olympische Silbermedaille. Das amerikanische Eislaufmärchen ist (fast) perfekt. US-Fans und Eiskunstlauf-Experten sind sich noch heute weitgehend einig: Kerrigan hätte für ihre reifere Kür den Olympiasieg verdient gehabt.

Harding bricht bei der Olympia-Kür eine Kufe

Und Harding? Sie bricht ihre Kür nach nur 45 Sekunden unter Tränen ab, Grund ist eine gebrochene Kufe. Die US-Amerikanerin darf den Regeln entsprechend noch einmal beginnen, landet aber noch hinter der 14-jährigen Debütantin Szewczenko und Rückkehrerin Katarina Witt nur auf Rang acht. Ihren Traum vom Olympia-Gold hat sie um Welten verpasst - und der Albtraum rund um das Attentat ist noch nicht vorbei.

Mitte März 1994 wird Hardings Verwicklung in die Tat vor Gericht verhandelt. Sie bekennt sich im Rahmen einer Vereinbarung in diesem Strafprozess schuldig. Nur um einer Haftstrafe zu entgehen, wie sie noch heute betont.

Harding wird schließlich wegen Behinderung der Ermittlungen zu drei Jahren Haft auf Bewährung, zur Zahlung von 160.000 US-Dollar und 500 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt und darf nicht an der WM 1994 teilnehmen. Im Juni verliert sie ihren US-Meistertitel und wird auf Lebenszeit für Eislaufwettbewerbe gesperrt, auch als Trainerin.

Von Gillooly lässt sie sich zwar scheiden, doch ihren Platz im Leben sucht sie anschließend vergebens. Eine Filmrolle als Freundin eines Kriminellen, ein Auftritt mit einer Band, bei dem sie von der Bühne gebuht wird, Profiboxen, Autorennen, Catchen - die Liste ihrer skurrilen Versuche, Geld aufzutreiben, ist lang.

Auch mit dem Gesetz kommt Harding immer wieder in Konflikt, auch durch mehrfaches Fahren unter Alkohol und Anzeigen wegen häuslicher Gewalt.

Kerrigan bleibt nach Olympia-Silber Americas Darling

Kerrigan hingegen ist und bleibt nach der Silbermedaille Americas Darling. Das Attentat hat sie zu einer der populärsten Frauen des Landes gemacht. Nach der erfolgreichsten Olympia-Übertragung aller Zeiten weltweit kennt sie jedes Kind. Sie landet auf dem Titel des Time Magazines, moderiert Saturday Night Live - und beendet ihre Eislaufkarriere.

Nach der Hochzeit mit Ex-Manager Solomon und der Geburt des ersten von drei Kindern zieht sie sich 1996 weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Nur einmal, 1998, spricht sie öffentlich über die Vorkommnisse im Januar 1994 - für das gemeinsame Interview kassieren Kerrigan und Harding ordentlich ab. Es trennen sie noch immer Welten, und sie sind doch für immer verbunden.

Wie verbittert Harding, inzwischen zum dritten Mal verheiratet und Mutter eines Sohnes, noch immer ist, offenbart die ESPN-Dokumentation "Der Preis des Goldes". "Ehrlich gesagt erinnere ich mich nicht an Vieles nach den Olympischen Spielen, denn ich habe alles verloren", sagt die 43-jährige Harding in diesem bemerkenswert offenen Interview. "Das war das Schlimmste, was mir passieren konnte. Was soll ich nun mit meinem Leben anstellen?"

Ihre ehemalige Rivalin Kerrigan sei eine "Heulsuse, die kein Gold gewann" und "bloß die Klappe halten" solle. "Sie ist eine Prinzessin, so sieht sie jeder. Sie ist eine Prinzessin und ich bin ein Haufen Scheiße."

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