Das olympische Eishockey-Turnier: Finnland in der Analyse

Die gefährliche Donald-Duck-Linie

Von Florian Regelmann
Montag, 08.02.2010 | 14:15 Uhr
Zusammen über 100 Jahre alt, aber immer noch verdammt gut: Koivu, Peltonen und Lehtinen
© Getty
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Olympia im Mutterland des Eishockeys - und dann auch noch mit allen Superstars der NHL. Bei allem Respekt vor den anderen olympischen Sportarten: In Kanada und den USA spricht man fast nur über den großen Hockey-Clash der Großmächte in Vancouver. SPOX stellt die Teams der Top-6-Eishockey-Nationen in Porträts vor und sagt voraus - nicht ganz ernst gemeint -, wie sie sich die Goldmedaille holen werden. Teil 2: Finnland.

Tor: Während bei allen anderen Top-Nationen eigentlich klar ist, wer die Nummer eins in Vancouver sein wird, ist bei den Finnen überhaupt nichts klar. Auf den ersten Blick sollte man meinen, dass an Miikka Kiprusoff kein Weg vorbei führt. Der Flames-Keeper hat den größten Namen, er hat Calgary schon einmal ins Stanley-Cup-Finale geführt und schon einmal die Vezina-Trophy gewonnen.

Nun ist es aber so, dass Kiprusoff sich in Finnland nicht nur Freunde gemacht hat, als er bei den letzten beiden Olympischen Spielen jeweils eine Einladung abgelehnt hat. Vor allem seine für viele fadenscheinige Erklärung 2006, als er eine Hüftverletzung für seinen Verzicht anführte, obwohl diese Hüftverletzung ihn kein Spiel bei den Flames verpassen ließ, stieß manchen Teamkameraden sauer auf.

Wenn man dann bedenkt, wie unglaublich stark Antero Niittymäki bei den Spielen in Turin gehalten hat - 3 Shutouts in 6 Spielen, Turnier-MVP -, muss man sich fragen, ob es nicht besser wäre, dem Lightning-Goalie das Vertrauen zu schenken.

Kiprusoff hat General Manager Jari Kurri deutlich gesagt, dass er nur als Nummer eins dabei ist, insofern kann man davon ausgehen, dass er als Starter ins Turnier geht, aber die Torhüter-Position der Finnen bleibt mit großer Spannung zu beobachten.

Von Niklas Bäckström, der sich in Minnesota selbst zu einem herausragenden Goalie gemausert hat, war noch gar nicht die Rede. Viel Spaß bei der Entscheidung. Eines steht jedenfalls fest: Auf der Torwart-Position ist Finnland absolute Weltklasse.

Abwehr: Im Vergleich zu den anderen Top-Nationen wirkt die finnische Defensive nicht so flashy. Ist sie auch nicht. Sie ist aber, was die eigentliche Aufgabe einer Abwehr angeht, also dem Team defensiv Stabilität zu verleihen, absolut top. Der große Anführer heißt Kimmo Timonen. Der Flyers-Star gehört seit vielen Jahren zum Besten, was es in der NHL im Abwehrbereich gibt.

Kaum einer kann ein Spiel so gut lesen und aufbauen wie Timonen. Auch als Powerplay-Quarterback ist der 34-Jährige wie immer ein ganz wichtiger Faktor im finnischen Spiel. Dazu kommen die knallharten Schlagschüsse von der blauen Linie von Sami Salo oder Joni Pitkänen und das grundsolide Spiel von Toni Lydman.

Mit Lasse Kukkonen (Omsk) und Janne Niskala (Göteborg) stehen außerdem zwei Spieler im Aufgebot, die ihr Geld nicht in der NHL verdienen, aber ihre Klasse auf internationalem Terrain schon bewiesen haben.

Nicht ins Team geschafft hat es Petteri Nummelin, der 2006 noch im Kader stand und an insgesamt 14 Weltmeisterschaften für Finnland teilnahm. Der 37-Jährige hatte im Dezember das Vorbereitungscamp der Finnen wegen einer Bauchmuskelverletzung abbrechen müssen.

Nummelin ist einer der besten Offensiv-Verteidiger, den das internationale Eishockey je gesehen hat, das Fehlen des "Geigers" (Spitzname, den er aufgrund seines Torjubels hatte) könnte dem Team eventuell wehtun.

Sturm: Es war 1995 ausgerechnet in Schweden, als Finnland sein bisher einziges WM-Gold gewann. Die Helden dieser Mannschaft waren drei Jungstars: Saku Koivu, Ville Peltonen und Jere Lehtinen.

In Anlehnung an die Neffen von Donald Duck auch liebevoll "Tupu, Hupu und Lupu" genannt. 15 Jahre später sind Koivu, Peltonen und Lehtinen nicht mehr Anfang 20, aber die "Donald-Duck-Linie" wird auch in Vancouver noch zu bewundern sein.

Auch wenn sie von ihrer Klasse im Lauf der Jahre etwas eingebüßt haben mögen, sollte niemand so dumm sein und die finnischen Veteranen unterschätzen. Während es für Koivu und Peltonen die vierten Olympischen Spiele sein werden, sind Lehtinen und Topstar Teemu Selänne schon zum fünften Mal dabei.

Bei Selänne stand nach seinem Kieferbruch noch ein Fragezeichen, aber inzwischen hat er für Anaheim bereits wieder gespielt. Sein Ausfall wäre für Finnland auch eine Tragödie gewesen. Der 39-Jährige ist nach wie for Finnlands Go-to-Scorer, ohne seine Tore wird es ganz schwer mit einer Medaille.

Weitere Stützen im Team sind Olli Jokinen (New York Rangers), Niklas Hagman (Calgary) und Antti Miettinen (Minnesota). Aufpassen müssen die Gegner auch auf das KHL-Duo Jarkko Immonen und Niko Kapanen, die gemeinsan in Kazan auf Torejagd gehen und immer brandgefährlich sind. Dem finnischen Sturm fehlt der absolute Topstar, der in der Blüte seiner Karriere steht, aber als geschlossene Gruppe verfügt keine Nation über so viel Erfahrung.

Trainer: Als Spieler ist Jukka Jalonen nie besonders in Erscheinung getreten. Er war bis auf eine kurze Episode nur im Amateurbereich tätig. Dass man aber kein Top-Spieler gewesen sein muss, um ein Top-Trainer zu werden, hat der 47-Jährige gezeigt. Jalonen musste sich von ganz unten hochdienen, zu Beginn seiner Trainerkarriere war er in Italien beim HC Alleghe und in England bei den Newcastle Jesters tätig.

Danach kehrte er in seine Heimat zurück und machte über Jahre hinweg HPK Hämeenlinna zu einem Spitzenteam - Höhepunkt war der Meistertitel 2006. Im Anschluss entschied sich Jalonen, ein Angebot des finnischen Verbandes anzunehmen und wurde Assistent des neuen Nationaltrainers Doug Shedden. Als Shedden vor der Saison 2008/2009 nach Zug in die Schweiz wechselte, wurde Jalonen zum Chefcoach befördert.

So gewinnt Finnland Gold: Nachdem das Spiel um Platz drei zwischen Russland und Kanada ausgefallen ist, weil beide Teams keinen Bock auf so einen Unfug wie Bronze hatten, kommt es zu einer Neuauflage des Finals von 2006: Finnland vs. Schweden.

Im Spiel überraschen die Finnen dann mit einer neuen Taktik - alle drei Goalies stehen auf dem Eis, dafür wird auf eine Abwehr verzichtet.

Die Idee des neuartigen 3-0-3-Systems war dem finnischen Mentaltrainer Matti Nykänen am Vorabend in einer Bar gekommen. Schweden verzweifelt an den drei Goalies und vier Sekunden vor Schluss sorgt Ex-Canuck Jarkko Ruutu mit einem One-Timer von der eigenen blauen Linie für die Entscheidung. 1:0. Finnland ist Olympiasieger.

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