Zwischen Kati Witt und Cool Runnings

Von Interview: Florian Regelmann
Dienstag, 02.02.2010 | 12:42 Uhr
Die DEB-Auswahl spielte 1992 in Albertville ein ganz starkes Turnier
© Imago
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Peter Draisaitl und das Penalty-Drama von Albertville - es wird für immer unvergessen bleiben. Bei SPOX spricht der tragische Held über seine Olympia-Erinnerungen, das Ghetto von La Plagne und die aktuell katastrophalen Zustände im deutschen Eishockey.

SPOX: Herr Draisaitl, wer an Eishockey und an Olympia denkt, kommt unweigerlich auf Ihren Penalty 1992 im Viertelfinale gegen Kanada. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie daran zurückdenken?

Peter Draisaitl: Was viele nicht mehr wissen: Vor dem berühmten Penalty habe ich ja auch den ersten geschossen. Ich hatte den Torwart (Sean Burke, Anm. d. Red.) schon längst ausgespielt, aber den Puck dann an den Außenpfosten gesetzt. Dieser Penalty ärgert mich im Nachhinein noch mehr als der zweite. Da war es dann einfach so, dass ich auf Nummer sicher gehen und dem Goalie den Puck durch die Beine schießen wollte.

SPOX: Was ja auch in gewisser Weise geklappt hat...

Draisaitl: Als ich nach links weggedreht bin und über meine Schulter geschaut habe, sah ich, wie der Puck rausfiel, kullerte und dann auf der Kante stand. Leider ist die Scheibe in Richtung Spielfeld umgefallen, wäre sie in die andere Richtung gefallen, wäre es ein Tor gewesen. Mit Absicht wird man das nie mehr hinbekommen, so viel steht fest.

SPOX: Was für Gedanken kommen einem Schützen beim Penalty eigentlich? Man weiß ja, dass der Goalie die besseren Chancen hat.

Draisaitl: Wenn man die blaue Linie überquert und der Torwart ein paar Schritte rauskommt, sieht man das Tor erstmal gar nicht. Je näher man kommt, desto klarer wird die Sache, aber die Vorteile liegen einfach beim Goalie. Leider habe ich in meiner Karriere auch im Europacup für die Haie mal im Penaltyschießen nicht so gut ausgesehen, dafür später immerhin Essen per Penalty in die Bundesliga geschossen. Ich habe mich also gesteigert.

SPOX: Um auf das Kanada-Spiel zurückzukommen: Mit etwas mehr Glück hätte es gar nicht zum Penaltyschießen kommen müssen. Wie haben Sie das ganze Spiel in Erinnerung?

Draisaitl: Wir hätten das Spiel schon nach 60 Minuten oder auch in der Verlängerung für uns entscheiden können. Wir haben ein sehr gutes Spiel gemacht. Wir sind nicht durch Zufall in den Shootout gekommen, wir hätten es tatsächlich verdient gewinnen können - die Art und Weise der Niederlage tut im Rückblick deshalb am meisten weh. Das Medieninteresse war damals ganz im Gegensatz zu heute riesengroß. Das Halbfinale zu erreichen, wäre eine feine Sache gewesen.

SPOX: Wissen Sie noch, wie Sie das Drama in den Stunden danach verarbeitet haben?

Draisaitl: Genau weiß ich das gar nicht mehr. Ich musste, glaube ich, zum ersten Mal ein Interview geben und habe nur Schwachsinn verzapft. Man begreift das am Anfang gar nicht richtig, sondernd denkt einfach nur: "Wir sind raus. Scheiße." Mehr war da nicht (lacht).

SPOX: Vor den Olympischen Spielen 1992 waren Sie auch schon 1988 in Calgary dabei. Olympia in Kanada, wie dieses Mal in Vancouver, muss etwas Besonderes für einen Eishockeyspieler sein, oder?

Draisaitl: Auf jeden Fall. Wir haben zum Auftakt 2:1 gegen die Tschechoslowakei gewonnen und zum Abschluss des Turniers gegen Schweden gespielt. Das weiß ich noch genau. Für uns ging es da um nichts mehr, aber für Kanada wäre es wichtig gewesen, dass wir die Schweden schlagen. Die ganze Halle hat uns nach vorne getrieben und angefeuert. Wir haben zwar knapp verloren, aber das war ein tolles Erlebnis. Auch das Leben im Olympischen Dorf war eine tolle Erfahrung. Ob das jetzt Katarina Witt, Albert von Monaco oder die jamaikanischen Bobfahrer waren, du sitzt mit berühmten Sportlern gemeinsam am Tisch - da nimmt man wirklich viel an Erlebnissen mit nach Hause.

SPOX: Aus Eishockey-Sicht war damals die UdSSR mit Spielern wie Krutow, Makarow, Larionow oder Fetisow praktisch unschlagbar. Wie war es, gegen diese Jungs zu spielen?

Draisaitl: Ich durfte einige Male gegen sie spielen, denen haben wir es immer schön gezeigt (lacht). Das war natürlich von einem anderen Stern, was die gespielt haben. Eine völlig andere Liga. Mittlerweile hat sich das alles angeglichen und du kannst mit jedem zumindest mitspielen, aber damals war der Unterschied gewaltig. Man dachte teilweise, dass sie einen anderen Sport machen als man selbst. Wir haben nur zugeschaut und waren begeistert.

SPOX: Ein absolutes Highlight in Ihrer Karriere war neben Olympia auch sicher der World Cup 1996. Das 7:1 gegen Tschechien in Garmisch ist und bleibt legendär.

Draisaitl: Die Art und Weise, wie wir zum World Cup gekommen sind, war unglaublich. Wir saßen in Garmisch und haben uns gegen Tschechien logischerweise nicht viel ausgerechnet. "Mein Gott, probieren kann man es ja mal", haben wir uns gedacht und dann haben wir sie 7:1 aus der Halle gefegt.

SPOX: Und danach begann das Chaos...

Draisaitl: Richtig. Die Tickets waren schon auf die Tschechen ausgestellt, wir hatten keine Klamotten dabei, so dass unsere Freundinnen nachts ins Hotel kommen und uns Kleider bringen mussten. Am nächsten Morgen ging es dann los und schon saßen wir in Montreal. Das war Wahnsinn. Etwas Größeres, als dann dort gegen Kanada mit Wayne Gretzky zu spielen, gibt es ja nicht.

SPOX: Olympia 1998 haben sie auch noch mitgenommen. Die NHL hat für Nagano zum ersten Mal eine Pause eingelegt. War das noch mal ein ganz anderes Niveau?

Draisaitl: Jede Nation ist mit allem gekommen, was sie aufzubieten hatte. Dementsprechend ging es auch rund. Da hat sich schon einiges gerührt auf dem Eis. Aus unserer Sicht war das Turnier sportlich zum Vergessen, aber Nagano an sich war interessant. Es war eine ganz andere Atmosphäre als Albertville zum Beispiel. Dort haben wir von Olympia praktisch nichts mitbekommen, weil wir in La Plagne stationiert und in Meribel gespielt haben. Es war wunderschön gelegen, mitten im Berg, aber ein wirkliches Olympia-Feeling ist nie aufgekommen, weil wir in unserem Eishockey-Ghetto waren.

SPOX: In Nagano haben Sie auch mit Uwe Krupp in einem Team gespielt. Wie bewerten Sie die Arbeit, die er als Bundestrainer macht?

Draisaitl: Ich bin der Meinung, dass Uwe Krupp durchaus der richtige Mann am richtigen Ort ist. Er hat wirklich keinen einfachen Job. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu beten und zu hoffen, dass Eishockey durch gute Auftritte bei Olympia und der Heim-WM wieder einen Schub bekommt und sich aus dem Niemandsland befreit. Sonst sieht es ziemlich düster aus.

SPOX: Halten Sie eine Sternstunde denn überhaupt für möglich?

Draisaitl: Eine Sternstunde ist immer möglich. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, diese zwei Großereignisse zu nutzen, um uns positiv zu präsentieren, dann weiß ich nicht, wie wir unseren großartigen Sport sonst noch verkaufen sollen. Wir haben die eingefleischten Eishockey-Fans, aber wir erreichen viel zu wenige Leute.

SPOX: Wo sehen Sie denn die Gründe für die negative Entwicklung im deutschen Eishockey?

Draisaitl: Ich möchte ehrlich gesagt kein Nestbeschmutzer sein, aber es ist klar, dass es vielschichtige Gründe hat. Es sitzen die falschen Leute am falschen Ort, niemand ist wirklich daran interessiert, Eishockey voranzubringen, alle verfolgen nur ihre eigenen Interessen. Oder zum Beispiel die Ausländerschwemme, die die Liga vollkommen gesichtslos gemacht hat. Ich bin der Letzte, der keine Ausländer in der Liga haben will. Fünf oder sechs pro Team wären gut, aber es müssen eben auch gute Leute sein. Jungs, die den Unterschied ausmachen, so wie es früher einmal war. Bei uns läuft aber so viel Schrott herum. Leute, die sonst nirgendwo mehr unterkommen, landen in Deutschland.

SPOX: Leider befindet sich der deutsche Nachwuchs aber auch auf einem erschreckend schwachen Niveau im internationalen Vergleich.

Draisaitl: Die Nachwuchsförderung ist eine Katastrophe, das ist unser größtes Problem. Es wird kein Geld investiert, was bedeutet, dass vor allem im Jugendbereich keine guten Trainer arbeiten. Es werden bis auf wenige Ausnahmen wie in Mannheim, wo tolle Arbeit gemacht wird, lieber irgendwelche Amateure hingestellt. Das ist natürlich der Super-Gau. Anstatt 50.000 Euro für einen Vierte-Reihe-Ausländer auszugeben, sollte man die Vereine dazu verdonnern, das Geld in den Nachwuchs zu investieren. Solange wir die Verhältnisse haben, die wir im Moment haben, werden wir auf dem Niveau bleiben, auf dem wir aktuell eben sind. Im Prinzip bilden wir Spieler für die Oberliga aus, so hart das klingen mag. Was wir "Ausbildung" nennen, hat mit Ausbildung wenig zu tun.

SPOX: Früher waren Leute wie Sie sogenannte Stareinkäufe in der Liga. War früher alles besser?

Draisaitl: Ich will um Gottes Willen nicht auf der Welle reiten und sagen, dass früher alles besser war. Zeiten ändern sich. Aber es ist Fakt, dass wir früher mit Leuten wie Truntschka, Hegen, Niederberger, de Raaf, Heiß, Brandl und wie sie nicht alle hießen eine Menge an guten Typen mit Persönlichkeit hatten, die dem deutschen Eishockey auch international ein Gesicht gegeben haben. Heute sehe ich da nicht mehr viel. Die Generation, die ich als Coach in die Hände bekomme, ist ganz anders. Die Individualität bleibt total auf der Strecke. Fast alle sind gleich.

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