Donnerstag, 25.03.2010

Paralympics-Star Verena Bentele im Porträt

"Uli Hoeneß darf sich gerne melden"

Verena Bentele ist einer der großen deutschen Stars der Paralympics in Vancouver. Mit fünf Goldmedaillen hat die blinde Langläuferin und Biathletin einen Rekord eingestellt. Jetzt wurde sie in München empfangen und zeigte, dass sie sehr viel mehr drauf hat als nur laufen und schießen. SPOX war dabei.

Verena Bentele verteilte bei den Paralympics Küsschen an ihren "Guide" Thomas Friedrich
© Getty
Verena Bentele verteilte bei den Paralympics Küsschen an ihren "Guide" Thomas Friedrich

"Bentele-lympics" wurden die Spiele in Vancouver getauft, da hatte Verena Bentele "erst" vier ihrer fünf Goldenen um den Hals hängen. Danach hieß sie plötzlich "Magdalena Neuner der Paralympics". Dabei ist Verena einfach Verena, eine starke Persönlichkeit und überhaupt nicht auf den Mund gefallen.

Nur wenige Stunden nach ihrer Landung aus Vancouver in Frankfurt wurde Bentele am Dienstagabend im Innenhof ihres Münchner Wohnhauses von Familie und Freunden mit einer Willkommensparty überrascht.

Eine Überraschung, die keine war

Etwa 80 Menschen tummelten sich bereits bei Kerzenschein unter bunten Girlanden und Luftballons, als der Stargast endlich auftauchte: "Ich bin echt sprachlos", beginnt die erfolgreichste deutsche Paralympics-Sportlerin, ist es aber gar nicht.

Stattdessen sprudeln die Dankesworte nur so aus dem zierlichen Persönchen heraus, von Jet Lag keine Spur. Bentele, in der offiziellen Kleidung der Olympiamannschaft, gibt schnell zu, dass die Überraschungsparty so geheim gar nicht mehr war. "Die haben alle so rumgedruckst. Und dann ist meine Mama halt irgendwann mit der Sprache rausgerückt."

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Bentele stellt Rekord ein

Direkt ist sie, die 28-Jährige aus dem schwäbischen Tettnang. Strahlend nimmt Bentele die vielen Glückwünsche entgegen inmitten dieser Traube von Gästen. Sie schüttelt viele Hände und lässt sich feiern.

Etwa für ihren historischen Rekord, aufgestellt in Vancouver: Bentele ist gemeinsam mit einer Kanadierin die einzige Sportlerin, die fünf Siege bei einem paralympischen Event vorweisen kann. Der Deutschen gelang das bei nur fünf Starts, als Biathletin und Langläuferin.

Von Geburt an blind

Sie ist sehbehindert, blind von Geburt an durch einen Gendefekt. Doch das Energiebündel definiert sich nicht über ihre Behinderung, geht selbstverständlich damit um: "Ist halt so." Man versteht das besser, wenn man mit Benteles Mutter Monika spricht, die stolz mitfeiert im Münchner Westend: "Verena hat unwahrscheinliches Vertrauen in die Menschen, weil sie das von Anfang an gelernt hat", erklärt Monika Bentele SPOX.

"Wir haben als Kinder immer draußen gespielt, sind alleine Fahrrad gefahren, nicht nur auf dem Tandem. Das macht es heute einfacher, sich frei zu bewegen, ohne permanent Ängste zu haben."

Mit drei Jahren wurde Bentele das erste Mal auf Alpinski gestellt. Erst fuhr sie zwischen den Beinen der Eltern, später hinter ihnen her. Ein bisschen so, wie sie heute ihrem Begleitläufer Thomas Friedrich folgt. "Wir haben als Kinder immer draußen gespielt, sind alleine Fahrrad gefahren, nicht nur auf dem Tandem. Das macht es heute einfacher, sich frei zu bewegen, ohne permanent Ängste zu haben", fügt Verena hinzu. Judo, Reiten, Leichtathletik - alles hat sie ausprobiert.

Als Kind aus dem vierten Stock gesprungen

"Sportlich ehrgeizig und fleißig, das war Verena schon immer", so die Mutter. Was sie nicht verrät: Die Tochter war eine echte Draufgängerin. "Wir waren ziemlich wilde Kinder", erklärt Verena.

Zum Beweis kramt sie eine besonders wilde Anekdote raus und erzählt, wie sie auf dem elterlichen Hof einmal aus einem Fenster im vierten Stock gesprungen ist, um die Treppe zu sparen. Ihr ebenfalls blinder Bruder Michael hatte gemeint, das sei schneller. "Da bin ich halt runtergehüpft - und auf dem Balkon gelandet." Bentele genießt die Überraschung ihrer Zuhörer.

Schwerer Unfall bei Deutschen Meisterschaften

Im vergangenen Jahr hat sie sich selbst überrascht. Bei einem schweren Unfall bei den Deutschen Meisterschaften im Januar 2009, ihr damaliger "Guide" hatte links und rechts verwechselt, zog sich Bentele einen Kreuzbandriss, Kapselrisse an zwei Fingern und innere Verletzungen zu. Der Schaden an einer Niere wurde zu spät entdeckt, Bentele verlor das Organ.

"Da war an Sport überhaupt nicht zu denken. Drei Monate ging erstmal gar nichts", erzählt Monika Bentele: "Als die Ärzte ihr gesagt haben, sie kann wieder Sport machen, ging es ihr von Tag zu Tag besser. Da wurde sie rasch gesund und fing wieder an zu trainieren."

Der Gedanke an Vancouver 2010 trieb Benteles Genesung voran. Den Physiotherapeuten aus der Praxis in ihrem Wohnhaus verdankt sie nicht nur die Party. "Von den Jungs und Mädels hatte jeder schon einmal mein Knie und meinen Rücken in der Hand."

"Guide" hört auf

Bentele gewann in Whistler die erste und die letzte der 13 deutschen Goldmedaillen. "Irgendwie kommt das erst hier so richtig an, wo ich es feiern kann." Leise rutscht ihr ein "Wahnsinn, schon krass" raus. Die fünf Goldmedaillen (2,5 Kilogramm!) trägt sie um den Hals, für den Fall, dass ihr die Siege in Kanada wieder einmal unwirklich vorkommen.

Die Entscheidung darüber, ob sie das noch mal erleben wird, will Bentele nicht übereilt treffen. Begleitläufer Friedrich beendet wie verabredet seine Karriere. Noch einmal das "blinde" Vertrauen zu einem "Guide" aufzubauen, würde nicht einfach.

Karriere bis München 2018 ist denkbar

"Ich kann noch vier Jahre weitermachen, oder auch acht, sollte München die Spiele 2018 bekommen. Aber ich muss auch an das Danach denken."

Wie und ob sie weitermacht knüpft Bentele an klare Forderungen: "Ich kann erst planen, wenn ich weiß, ob ich perfekte Rahmenbedingungen kriegen kann oder nicht." Und da geht es nicht um Fernsehübertragungszeiten. "Mein Begleitläufer und ich brauchen auf jeden Fall Jobs, in denen wir arbeiten und trainieren, und trotzdem davon leben können."

Professionelles Training könne man sich sonst auf Dauer nicht leisten. "Ich kann noch vier Jahre weitermachen, oder auch acht, sollte München die Spiele 2018 bekommen. Aber ich muss auch an das Danach denken." Sie sei zwar im Moment Profi, doch verdienen könne sie mit ihrem Sport nichts.

Bentele plant schon für die Zeit danach

"Gold-Lena" Neuner bekam nach Olympia einen Anruf aus der Chefetage des FC Bayern. Präsident Uli Hoeneß bot der Biathletin einen Job im Marketing an. "Auf einen Anruf warte ich schon, aber ob der von Hoeneß kommt?"

Bentele glaubt es nicht recht und doziert doch selbstbewusst über ihr Potenzial für die Freie Wirtschaft. Öffentlichkeitsarbeit und Personalführung kann sie sich vorstellen, Motivationsseminare gibt sie bereits. "Wenn ein Anruf von Herrn Hoeneß kommen würde, würde ich mir das anhören und es mir überlegen, aber sicher nicht 'Nein' schreien."

Jetzt kommt erst einmal die Magisterarbeit

In zwei Wochen, erzählt Bentele, will sie das Handy ausschalten und mit ihrer Magisterarbeit über "Die literarische Qualität von Hörbuchbearbeitungen" beginnen. "Diese Deadline habe ich mir gesetzt."

Da ist er wieder, dieser Ehrgeiz, und niemand der Partygäste zweifelt daran, dass Bentele das schafft. Sie jedoch hat ein bisschen Bammel. "Ich finde es im Moment völlig furchtbar, mir vorzustellen, nicht mehr zwei Mal am Tag draußen zu trainieren", sagt der Kaffee-Junkie.

Sie wird den Sport vermissen: "Ich weiß, dass ich noch Potenzial habe. Mit 28 bin ich noch nicht am Ende und will noch besser werden. Technik und Armkraft kann ich sicher noch ausbauen."

Klingt, als könnten doch noch ein paar Medaillen dazukommen. In Sotschi 2014, oder vier Jahre danach in München.

Magdalena Neuner zieht den Hut vor Verena Bentele

Liane Killmann

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