Die Schlafräuber sind back

Von Florian Regelmann
Samstag, 09.08.2008 | 13:55 Uhr
Kiefer, Schüttler, Olympia
© Getty
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München - Fernando Gonzalez war schuld. An allem. Zuerst schon mal daran, dass das Doppel-Finale bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen erst um kurz vor 23 Uhr Ortszeit beginnen konnte.

Gonzalez hatte zuvor nämlich noch Einzel gespielt - um Bronze gegen den Amerikaner Taylor Dent. 16:14 siegte der Chilene im dritten Satz.

Als er nach einer angemessenen Pause mit seinem Landsmann Nicolas Massu bereit war, vor halb leeren Rängen gegen Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler um Gold zu kämpfen, war Gonzalez schon wieder schuld. Schuld daran, dass die deutsche Paarung im ersten Satz (2:6) völlig chancenlos war.

"Wir waren sehr traurig und enttäuscht"

Doch dann wendete sich das Blatt. Kiefer/Schüttler gewannen die Sätze zwei und drei und es schien sich für alle deutschen TV-Zuschauer zu lohnen, eine Nachtschicht einzulegen. Erst recht, als die leidenschaftlich kämpfenden Deutschen, die einem den Schlaf raubten, im vierten Satz im Tiebreak 6:2 führten und vier Matchbälle hatten.

Was dann folgte, war eines der größten Dramen der Olympia-Geschichte. Kiefer/Schüttler, Gold schon fast um den Hals baumelnd, gaben den Tiebreak noch ab (7:9) und verloren auch Satz fünf, trotz 3:1-Führung, mit 4:6. Um 2.39 Uhr Athener Zeit war alles vorbei. Vor allem Gonzalez spielte teilweise unglaublich. Er war schuld.

"Heute weiß ich, wie außergewöhnlich dieser Erfolg war, aber nach dem Match denkt man mehr über die nicht gemachte Goldmedaille nach. Wir waren sehr traurig und enttäuscht und haben an die Chancen gedacht, die wir hatten. Aber jetzt hat die Medaille bei mir wie bei Nico einen ganz besonderen Platz und ich weiß, wie schwer es ist, die zu erringen", sagt Schüttler kurz vor Beginn des olympischen Tennisturniers in Peking im Gespräch mit SPOX.

Zum dritten Mal bei Olympia 

Schüttler wird Athen nicht vergessen - nicht das Doppel, nicht das Gefühl bei Olympia auf dem Siegertreppchen zu stehen, die ganzen Spiele nicht.

"Als Kind träumt man doch davon, einmal dabei zu sein. Peking sind jetzt meine dritten Spiele, die ich erleben darf", freut sich Schüttler.

Dass er sich jetzt über seine Teilnahme freuen kann, war lange mehr als unklar. Schüttler musste seinen Start über den Internationalen Sportgerichtshof CAS einklagen, da sich der Weltverband (ITF) partout weigerte, ihn in die Teilnehmerliste aufzunehmen.

Schüttler bekam Recht und machte sich sofort auf den Weg nach China. "Am Anfang war ich in der Schweiz. Mein Manager und Coach (Dirk Hordorff, Anm. de Red.) hat alles für mich abgewickelt. Und ich hatte einen super Anwalt, der den Fall gut ausgearbeitet hat. Ich war natürlich sehr aufgeregt, wie es ausgeht, denn Olympia ist ja nun nicht alle Tage", erzählt Schüttler.

Kampf gegen die ITF

Von der ITF, die sich nach dem Urteil abwertend geäußert hatte, hat er eine Entschuldigung eingefordert. Ob er sie bekommt oder nicht, ist offen, aber Schüttler ist davon überzeugt, dass es der richtige Weg war:

"Das Verhalten der ITF vor und nach dem Prozess war mit Sicherheit sehr seltsam. Es kann ja auch nicht im Sinne des olympischen Tennisturniers sein, wenn jetzt massenhaft Doppelspieler mit einem Ranking von 500 oder schlechter in den Einzelwettbewerb kommen und Top-100-Spieler zu Hause zuschauen müssen. Meine Kollegen haben mir gratuliert und sich für mich gefreut. Viele meinten, ich wäre ein Vorbild, dass ich mir nicht alles von der ITF habe bieten lassen."

Der Streit ist abgehakt. Nun gilt die volle Konzentration dem Turnierstart am Sonntag. "Es ist richtig schwül und heiß hier, aber das ist ja für alle gleich. Ich bin fit", so Schüttler, der extra die Masters-Series-Turniere in Toronto und Cincinnati ausgelassen hatte, um sich optimal vorzubereiten.

Kein Auslosungsglück

Jegliche Erwartungen, mit denen der 32-Jährige nach Peking gereist ist, dürften beim Blick auf das Tableau einen herben Dämpfer bekommen haben.

Im Einzel trifft Schüttler zunächst auf den jungen japanischen Bollettieri-Schüler Kei Nishikori. Machbar. Doch danach würde schon Novak Djokovic warten.

"Na ja, Auslosungsglück hatte ich nicht unbedingt. Wer hier eine Medaille gewinnen will, der muss schon Außergewöhnliches leisten. 64 Spieler starten im Einzel, und es gibt nur drei Medaillen. Und alle Top-Stars sind hier", gibt sich Schüttler keinen Illusionen hin.

Wenn nicht Einzel, dann vielleicht wieder im Doppel angreifen? Schüttler und Kiefer, die im gleichen Appartement wohnen, sind heiß darauf, wieder gemeinsam zu spielen.

Im Doppel genauso schwierig

"Nico und ich haben schon öfters zusammen gespielt, wir kennen uns schon aus der Jugend. Nico ist ein absoluter Kämpfertyp, wir ergänzen uns auch menschlich sehr gut", fasst Schüttler die Stärken des deutschen Doppels zusammen.

Alles schön und gut, aber auch im Doppel war der Auslosungs-Gott nicht auf ihrer Seite. Zuerst geht es gegen die österreichische Paarung Julian Knowle/Jürgen Melzer. Schon ein super starkes Doppel. Wenn sie das gewinnen, treffen sie auf keine geringeren als Bob und Mike Bryan. Auf das weltbeste Doppel überhaupt.

"Unser Draw ist wahnsinn. Wenn wir die Bryan-Brother schlagen würden, na ja, wenn das klappen sollte, dann ist alles offen. Dann haben wir eine echte Chance auf eine Medaille. Aber schwerer hätten wir es nicht erwischen können", meint Schüttler.

Wer weiß, vielleicht gelingt den beiden Deutschen ja eine Sensation und sie stehen am Ende tatsächlich wieder auf dem Podest. Wenn es nicht klappt, könnte natürlich aber wieder Fernando Gonzalez schuld sein. Denn gegen die Gold-Räuber aus Chile könnte es diesmal schon im Halbfinale gehen.

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