"Auftritt einiger Olympioniken war peinlich"

Von Interview: Jannik Schneider
Mittwoch, 07.09.2016 | 15:19 Uhr
Tom Schmidberger gewann bei den Paralympics in London 2012 zwei Medaillen
© getty
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Thomas Schmidberger wurde im Alter von vier Jahren vor dem Kindergarten angefahren. Bei seinen ersten Paralympics 2012 holte der Rollstuhl-Tischtennisspieler überraschend zweimal Edelmetall und wurde sogar Fahnenträger der Abschlussveranstaltung. Vier Jahre später ist er bei den am Mittwoch beginnenden Spielen Topfavorit. Mit SPOX sprach der 24-Jährige über Strumpfhosen, Leistungssport im Behindertensport und das Auftreten der olympischen Sportler in Rio.

SPOX: Tom Schmidberger, in einem aktuellen Video machen Sie sich auf charmante Art und Weise über die modischen Strumpfhosen lustig, die alle deutschen olympischen und paralympischen Athleten bei der Eröffnungsfeier tragen. Sind Sie ein bisschen froh, dass Sie dieses Mal nicht mit der Fahne vorneweg marschieren müssen?

Tom Schmidberger: (lacht) Ganz ehrlich: Fahnenträger bei der Abschlussfeier der letzten Paralympics in London gewesen zu sein, war so eine große Ehre - es wäre mir völlig egal gewesen, was ich hätte tragen müssen in diesem Moment. Vermutlich wäre ich mit der Fahne auch nackt losgerollt. (lacht) Aber es stimmt schon: Diese Strumpfhosen sind von der Länge nicht optimal für Rollstuhlfahrer und gemeinsam mit den Schuhen echt gewöhnungsbedürftig und auch der Parka sieht bei mir eher wie ein Kleid aus. Aber es sind ja auch coolere Sachen dabei.

SPOX: Sie sind im Rollstuhl-Tischtennis in Ihrer Wettkampfklasse seit Juni diesen Jahres Weltranglistenerster und halten damit sogar die Chinesen auf Distanz. Bis dahin war es ein langer, steiniger Weg. Wie kommt man als Rollstuhlfahrer zum Tischtennis?

Schmidberger: Sportbegeistert war ich schon immer. Und als ich in das Alter kam, wo man schaut, was für ein Sport etwas für einen ist, saß ich bereits im Rollstuhl. Dass ich vorm Kindergarten angefahren wurde, ist jetzt 20 Jahre her. Während der Rehazeit bin ich ein großer Fan von Oliver Kahn geworden, mir hat seine Einstellung imponiert. Ich habe mich auch später mit dem Rollstuhl ins Tor gestellt - da waren die Grenzen natürlich schnell ausgereizt. Nachdem ich Monoski und Rollstuhl-Basketball ausprobiert habe, bin ich beim Tischtennis gelandet. Da habe ich rasch gemerkt, dass ich Spaß habe und mit Ehrgeiz schnell Fortschritte mache. Und deswegen bin ich dabei geblieben.

SPOX: Stichwort Ehrgeiz: Von Ihnen heißt es, dass Sie nur ganz schlecht verlieren können - in jedem noch so kleinen Trainingsspiel alles abrufen. Hat das ein Stück weit mit ihrer Geschichte zu tun?

Schmidberger: Als Sportler musst du doch immer gewinnen wollen, oder? Wenn das nicht der Fall ist, stimmt etwas nicht - dann würde ich auch aufhören. Ich versuche im Training immer das Maximum abzurufen, gerade jetzt in der Zeit vor den Paralympics habe ich mich über jeden Fehler geärgert. Ich glaube das ist mehr ein Sportlerding, als das es was mit meinem Unfall und der Geschichte zu tun hätte.

SPOX: Wie sind die Verhältnisse im Behindertensport? Wie können Sie Ihren Sport ausüben?

Schmidberger: Ich bin Leistungssportler und Tischtennis ist mein Vollzeitjob. Klar, dafür muss ich Abstriche machen - aber für mich war das die richtige Entscheidung. Ich studiere zwar in Bayreuth Sportökonomie, um mir langfristig ein zweites Standbein aufzubauen. Doch der Sport steht klar an erster Stelle. Ich habe deswegen vor Rio ein Urlaubssemester genommen, um mich zu 100 Prozent auf die Vorbereitung zu fokussieren.

SPOX: Wie sah Ihre Vorbereitung aus? Was sind die Unterschiede zwischen Rollstuhl-Tischtennis und dem Tischtennis der Stehenden?

Schmidberger: Dadurch, dass wir näher zum Tisch positioniert sind, verringert sich die Reaktionszeit, das Spiel wird schneller. Natürlich geht es auch viel um Taktik und Platzierung mit langen Bällen, um den Gegner möglichst in einer unangenehmen Position zu erwischen. Im letzten Jahr waren sechs Einheiten pro Woche schon üblich. Dazu gehören für das Tischtennis spezifische Einheiten genauso dazu wie Krafttraining, um meinen schwachen Oberkörper zu stabilisieren, und mentales Training. Dieses Jahr hatten wir mit der Nationalmannschaft viele gemeinsame Lehrgänge im In- und Ausland. Im Juli gab es einen mit 21 Einheiten in zehn Tagen. Viele meiner internationalen Konkurrenten haben sehr professionelle Verbandsstrukturen im Behindertensport. Da muss man sich ranhalten, um mitzuhalten.

SPOX: In diesen Tagen wird viel über Leistungssport in Deutschland diskutiert. Nach den olympischen Spielen haben sich einige deutsche Sportler über die Verhältnisse beschwert, in denen sie ihren Leistungssport ausüben. Wie stehen Sie zu dieser Debatte?

Schmidberger: (überlegt lange) Also das ist ja kein neues Phänomen. Diese Diskussion keimt ja alle vier Jahre auf. Die Deutschen jammern jetzt ein paar Monate, dass nicht genügend Geld in den Leistungssport gesteckt wird, und dann ändert sich eh nichts. Dabei muss man nur mal einen Blick auf die Insel werfen: Die Briten haben acht Jahre vor London2012 angefangen, Geld in den Sport zu buttern und haben jetzt auch mit Blick auf die Spiele in Rio, aber auch Tokio, nicht damit aufgehört. So haben sie ihre Medaillenausbeute drastisch gesteigert. Da sieht man, was möglich wäre. Deswegen ist auch die Entscheidung gegen Hamburg als möglichen Austragungsort für olympische Spiele aus Sicht der Sportler eine Tragödie. Das heißt aber nicht, dass mit unseren Mitteln nichts möglich ist. Um ehrlich zu sein, fand ich das Verhalten einiger deutscher Olympioniken in Rio peinlich.

SPOX: Können Sie das konkretisieren?

Schmidberger: Über Christoph Harting wurde ja eigentlich schon genug gesagt. Aber als ich das gesehen habe, habe ich mich einfach nur geschämt. Für mich gibt es nichts Besseres, als für Deutschland Erfolge zu feiern, da verstehe ich ein solches Auftreten nicht. Und auch das Schwimmteam hat mich enttäuscht. Nur an der Förderung liegt es in meinen Augen nämlich nicht.

SPOX: Sie sagen, Ihr Sport sei Ihr Hauptberuf: Wie bekommen Sie das finanziell hin? Wie wichtig ist dabei die individuelle Vermarktung?

Schmidberger: Der sportliche Erfolg steht zunächst immer an erster Stelle. Wenn der stimmt, kann man durch engagierte Öffentlichkeitsarbeit und ein authentisches und vor allem professionelles Auftreten einiges erreichen. Dann schafft man es auch, über die Sporthilfe hinaus einige Partner zu gewinnen, die einen unterstützen - dafür bin ich sehr dankbar. Das Problem in Deutschland ist eher: Wie funktioniert die Förderung in der Zeit, in der man noch nicht erfolgreich ist und sich nach oben kämpfen muss?

SPOX: Sie sind trotz Ihrer erst 24 Jahre schon mehrere Jahre in der Weltspitze, holten bei den Paralympics in London Bronze im Einzel und Gold im Team, sind zudem Vizeweltmeister. Was sind Ihre Ziele für Rio?

Schmidberger: Bei der WM 2014 hatte ich ein Kopf-Problem, jetzt habe ich mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten. Ich bin an Nummer eins gesetzt, da gilt es locker zu bleiben. Ich bin aber so selbstbewusst zu sagen: Wenn ich meine beste Leistung abrufe, dann kann es für ganz oben auf dem Treppchen reichen.

SPOX: Für Behindertensportler sind die Paralympics oftmals das einzige Event, in dem sie ihr Können vor einer breiten Öffentlichkeit unter Beweis stellen dürfen. Kann man diese Aufmerksamkeit auch genießen, oder ist der Fokus zu sehr auf den Wettkampf gerichtet?

Schmidberger: Die Kunst ist es, genau diesen Spagat hinzubekommen: alles Schöne aufzusaugen und auch ein bisschen zu genießen, ohne den Fokus zu verlieren. Wer das in der Weltspitze hinbekommt, holt Edelmetall. Das gilt ja auch für die meisten olympischen Sportler. Dimitrij Ovtcharov hat mich vor dem Abflug angerufen und mir ein paar Tipps gegeben. Er sagt, er habe die Spiele nicht genießen können und habe sich anfangs zu sehr fokussiert und verkrampft. Das soll und will ich jetzt für ihn besser machen. Er ist ein toller Sportler und ein guter Freund für mich. Ich bin ihm dafür sehr dankbar. Jetzt gilt es, den Mittelweg zu finden.

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