Olympia

"Das U in IOC steht für Unabhängigkeit"

SID
Beißender Spott aus dem Netz für Thomas Bachs Russland-Entscheidung

Das IOC hat entschieden, dass ein russisches Rumpfteam in Rio starten darf. Damit müssen viele Athleten in der Heimat bleiben, die mit Staatsdoping in Verbindung gebracht wurden. Einigen geht dieses Urteil dennoch noch nicht weit genug. Die Reaktionen aus der Sportwelt und den sozialen Medien.

Jelena Issinbajewa (russische Stabhochspringerin): "Ein kompletter Ausschluss der russischen Mannschaft wäre ein riesiger sportpolitischer Skandal gewesen. Das IOC hat glücklicherweise verstanden, es kann sich im Moment auch keinen Skandal erlauben." - Zu Whistleblowerin Julia Stepanowa, die nicht starten darf: "Sie sollte lebenslang gesperrt werden. Ich verstehe die Aufregung über einen Menschen, der gedopt hat, und dafür bestraft wurde, nicht. Sie zu einer Heldin zu machen, ist wie ein Schlag ins Gesicht. Deshalb ist es richtig, dass sie nicht bei den Olympischen Spielen teilnehmen wird. Zumindest eine kluge Entscheidung wurde in der Leichtathletik getroffen."

Thomas Bach (IOC-Präsident): "Unsere Exekutive stand vor einer sehr schwierigen Entscheidung. Wir mussten die Konsequenzen aus dem McLaren-Report ziehen. Wir mussten dabei die Balance finden zwischen der Gesamtverantwortung und dem Recht jedes einzelnen Sportlers, um jedem Athleten gerecht zu werden. Die Entscheidung wird sicherlich nicht jedem gefallen, aber es geht um Gerechtigkeit. Die Entscheidung respektiert das Recht eines jeden sauberen Athleten auf der ganzen Welt. Würde ich selbst an den Spielen teilnehmen, würde ich mich absolut gut fühlen, weil saubere Athleten nicht bestraft werden für ein System, in das sie nicht verwickelt waren."

Siegfried Kaidel (Sprecher Spitzenverbände DOSB): "Ein anderer Weg mit dem Ausschluss wäre sicherlich das stärkere Zeichen im Kampf gegen Doping gewesen. Es wäre sicher auch das bessere Zeichen gewesen, wenn das IOC die Verantwortung übernommen und den Ball nicht an die internationalen Fachverbände weitergegeben hätte. Es bleibt angesichts der Vorwürfe von Staatsdoping auch die Frage, ob russische Athleten wirklich sauber oder eben nur nicht überführt worden sind. Ob das den Kampf gegen Doping weiterbringt, wird sich wohl erst erst in einem Jahr zeigen. Klar ist aber: Das kann es jetzt nicht gewesen sein. Es müssen Maßnahmen kommen, die auch die Kontrollen und nationalen Anti-Doping-Agenturen überprüfen."

Thomas Welkert (Weltverbandspräsident Tischtennis): "Es ist die von mir erwartete Entscheidung, aber ich hätte mir gewünscht, dass das IOC selbst in dieser Frage mehr Verantwortung übernommen hätte."

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Alfons Hörmann (Präsident DOSB): "Damit hat das IOC nun eine zweifelsohne schwierige, harte und in mehrfacher Hinsicht konsequente Entscheidung getroffen: Der erstmalige generelle Ausschluss aller vom Staatsdoping betroffenen Athletinnen und Athleten eines nationalen Teams zeigt, dass die Nulltoleranz-Politik auch künftig weltweit gilt. Wer also systematisch gegen die Regeln verstößt, erhält die rote Karte. Im Sinne der Chancengleichheit und des Fair Play können nun aber diejenigen Sportler, die den Nachweis von Kontrollen außerhalb Russlands erbringen, noch eine Teilnahme erwirken. Das ist nurmehr gerecht und auch von vielen Sportlerinnen und Sportlern sowie unserer DOSB-Athletenkommission im Vorfeld genauso bewertet und gefordert worden. Wichtig ist nun, dass die internationalen Fachverbände mit dem CAS dafür sorgen, dass professionell und schnell geprüft wird, wer diese Ausnahmeregelung in Anspruch nehmen kann. Und entscheidend wird sein, dass aus der jetzigen Situation die richtigen Lehren gezogen werden. Dann bedeutet diese Krise nicht - wie vielfach interpretiert - das Ende, sondern den wertvollen Neubeginn im Kampf gegen Doping."

Witali Mutko (russischer Sportminister): "Ich bin sicher, dass die Mehrheit der infrage kommenden russischen Sportler in Rio antreten wird. Unsere Mannschaft nimmt an den Olympischen Spielen teil. Ich hoffe, dass wir uns über Siege freuen werden. Ich bin dem IOC für die getroffene Entscheidung dankbar. Wir verstehen die Schwierigkeiten, mit denen das IOC konfrontiert wurde. Ich finde, dass diese Entscheidung im Interesse des internationalen Sports getroffen wurde. Die von der IOC-Exekutive festgelegten Kriterien sind sehr hart. Aber das ist eine Herausforderung für unsere Mannschaft. Ich kann sagen, dass die meisten diese Anforderungen erfüllen."

Clemens Prokop (Präsident des DLV): "Angesichts des CAS-Urteils hätte es durchaus eine Grundlage für einen Komplett-Ausschluss Russlands gegeben. Ich halte die Entscheidung für problematisch, hier entsteht leicht der Eindruck, dass politische Rücksichtnahmen höher gewichtet worden sind als die Frage der Glaubwürdigkeit des Sports. Faktisch ist nun die Verantwortung an die Fachverbände delegiert worden, und angesichts des McLaren-Reports ist es für mich schwierig nachzuvollziehen, wie bei einer Art des Staatsdopings zwischen involvierten und nicht involvierten Athleten glaubwürdig differenziert werden kann. Für problematisch halte ich den zwingenden Ausschluss von Sportlern, auch nach Ablauf von Doping-Sperren, selbst wenn ihnen ein Unschuldsnachweis gelingen sollte. Dies ist juristisch problematisch und verstößt gegen die Gleichbehandlung mit Sportlern aus anderen Ländern, da zum Beispiel amerikansiche Sportler nach Ablauf der Dopingsperre in Rio starten dürfen. Mit dem fehlenden Startrecht für Julia Stepanowa hat das IOC eine große Chance verpasst, ein Zeichen im Kampf gegen Doping zu setzen."

Richard Pound (Ex-WADA-Chef): Das IOC hat eine riesige Chance gehabt, ein Statement abzugeben. Die wurde vergeudet. Bach und das IOC predigen null Toleranz gegenüber Doping, außer es geht um Russland. Es ist unwahrscheinlich, dass die Weltverbände russische Athleten ausschließen werden."

Dagmar Freitag (Sportausschuss-Vorsitzende): "Ich halte das für keine gute Entscheidung, weil jetzt mehr unklar als klar ist. Die Verantwortung wird wieder an Dritte abgeschoben, diesmal an die internationalen Fachverbände. Da ist zu befürchten, dass dort nach völlig uneinheitlichen Kriterien entschieden wird. Das kann nicht im Sinne des Sports und der Athletinnen und Athleten sein. Ob politischer Druck oder kommerzielle Interessen den letzten Ausschlag gegeben haben, kann ich nicht sagen. Aber das IOC hat sich gegen eine eindeutige Empfehlung der WADA ausgesprochen, in Sachen eines glaubwürdigen Anti-Doping-Kampfes ist das das schlechteste Zeichen überhaupt."

Fritz Sörgel (Doping-Experte): "Es ist ein widerliches, abgekartetes Spiel. Allein die Tatsache, dass die russischen Sportfunktionäre mit der Entscheidung zufrieden sind, ist doch ein starkes Zeichen dafür, dass gemauschelt worden ist. Es glaubt doch wohl niemand, dass das IOC das nicht im Vorfeld mit den Verbänden abgesprochen hat. Das IOC hätte endlich ein Exempel statuieren können, aber das war doch nie ernsthaft vorgesehen."

Stellungnahme NADA: Die NADA hat sich ein klares Signal für den sauberen Sport gewünscht, das ausgeblieben ist. Die Entscheidung lässt leider viele Fragen offen und schwächt dadurch das Anti-Doping-System. Die Prüfung und Bewertung der Einzelfälle an die internationalen Fachverbände zu übertragen halten wir für falsch. Es gibt keine einheitlichen Regeln für ein einheitliches und fachmännisches Vorgehen aller internationalen Verbände. Dies führt zu einem unterschiedlichen Vorgehen der Sportarten. Dies ist ein fatales Signal."

Maximilian Hartung (Säbelfechter und Mitglied der DOSB-Athletenkommission): "Um ehrlich zu sein, waren wir schon ein wenig enttäuscht, dass die Entscheidung an die Sportverbände weiterdelegiert wurde. Wir hoffen aber, dass es dort aufgefangen und umfassend geprüft wird. Schon von der Symbolwirkung her unterscheidet sich der Entschluss von einer Sperre des gesamten russischen Olympischen Kommitees. Ich glaube, dass bei Athleten und Fans ein mulmiges Gefühl bleibt."

Jörg Schild (Präsident Schweizer NOK): "Es wird immer von diesem olympischen Geist geredet. Wir anderen Verbände und die Athletinnen und Athleten wurden jedoch von einem Mitglied dieser Familie aufs Übelste betrogen. Da frage ich mich, was das noch mit den olympischen Werten zu tun hat. Vor allem bin ich aber verärgert, weil das IOC keine Verantwortung übernimmt. Es wird aus politischer Sicht geheuchelt."

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