Olympia

Eric, Aal mit Herz

Sonntag, 31.07.2016 | 18:57 Uhr
Eric Moussambani sorgte bei den Spielen im Jahr 2000 für einen Gänsehautmoment

Eric Moussambani schwamm sich in die Geschichtsbücher der Olympischen Spiele. Bei den Spielen des Jahres 2000 in Sydney ging er fast unter, sorgte dann jedoch für stehende Ovationen. Kaum ein Name wird seitdem so eng mit dem Geist der Spiele in Verbindung gebracht wie der des Außenseiters aus Äquatorialguinea, der wenige Monate vor dem Tag seines Lebens nicht mal richtig schwimmen konnte.

Ein Knall durchzieht das Sydney International Aquatics Centre. Es ist der Schuss einer Pistole, der Eric Moussambani Malonga dazu veranlasst, sich bei den Olympischen Spielen des Jahres 2000 kraftvoll vom Startblock abzustoßen. Die Hände des durchtrainierten Schwimmers aus Äquatorialguinea liegen aufeinander, die Beine eng beisammen.

Sein Herz schlägt lauter als jemals zuvor.

Nach einer kurzen Tauchphase bahnt er sich Sekunden später mit kräftigen Schlägen den Weg durch das Becken im Herzen der Millionenmetropole. An seinem Willen besteht keinerlei Zweifel. Seine Technik und die fehlende Erfahrung bringen ihn allerdings immer weiter in Bedrängnis. Aus dem Publikum ist kurz darauf erstes Gelächter zu hören.

Das einfachste Tryout der Welt

6. Mai 2000. Malabo, Äquatorialguinea. Keine fünf Monate vor dem denkwürdigen Vormittag in Sydney, der sein Leben für immer verändern sollte, betrat Moussambani das Ureca Hotel in der Hauptstadt seines Heimatlandes. Eines Landes mit Ölquellen, das unter der Führung von Teodoro Obiang, der bis heute als diktatorisches Staatsoberhaupt regiert, gespalten war und in dem die große Mehrheit der Einwohner noch immer in bitterer Armut leben muss.

Nur mit einer kleinen Tasche in der Hand war er einem Aufruf gefolgt, der das Resultat einer Wildcard des Internationalen Olympischen Komitees darstellte. Nachdem das IOC Äquatorialguinea ein Startrecht für die Spiele Down Under eingeräumt hatte, entschlossen sich die Verantwortlichen ein Schwimmteam nach Sydney zu entsenden. Per Radio wurde eine entsprechende Verkündung verlesen. Bewerber sollten sich am Stichtag in Malabo einfinden.

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Die Zahl der erschienen Anwärter war überschaubar. Zusammen mit Moussambani hatte sich nur eine Frau, Paula Barila Bolopa, eingefunden. Eigentlich spielte Bolopa Fußball und war als Kassiererin in einem Lebensmittelladen tätig. Die Eignungsprüfung fiel entsprechend einfach aus. Beide mussten lediglich beweisen, dass sie wirklich schwimmen können.

Allein, allein

"Sie haben mir dann gesagt, dass ich mir einen Pass und ein Bild besorgen soll, damit sie mich zu den Spielen schicken können", erklärte Moussambani, nach dem Treffen, das nur deshalb im Ureca Hotel stattfand, weil es sich bei diesem um das einzige Gebäude handelte, das über einen größeren Pool verfügte. Wenngleich dieser nur zwölf Meter lang und nicht sonderlich tief war. "Ich sollte trainieren", erinnerte sich der inzwischen 38-Jährige. Moderne Hilfsmittel gab es nicht.

Auf die Frage, mit wem er dies tun solle, schließlich verfüge er über keinen Trainer, habe man ihm gesagt, dass er schlichtweg "alles tun solle, was er könne". Professionelle Hilfe habe er nicht bekommen, so Moussambani weiter. Also trainierte er. Mal im Meer, mal in Flüssen - aber stets entschlossen, das Hintertürchen, das zwölf Jahre zuvor bei den Olympischen Winterspielen in Calgary bereits Eddie "The Eagle" Edwards zu einem der bekanntesten Skispringer gemacht hatte, zu nutzen.

"Das erste Mal war ich mit zwölf Jahren im Meer. Wir waren damals zu Besuch im Heimatort meiner Mutter", erinnerte er sich. "Ich habe nach meiner Ernennung an den Wochenenden für jeweils zwei Stunden trainiert. Eine Ahnung von den ganzen Techniken hatte ich nicht. Kraulen, Brustschwimmen oder Butterfly waren für mich komplett neu."

Eine böse Überraschung

Mit dem großen Tag vor Augen ging es für Moussambani Wochen später über Libreville, Paris sowie Hong Kong nach Sydney. Es war eine knapp dreitägige Reise in eine andere Welt.

"Die Olympischen Spiele waren etwas Unbekanntes für mich", erinnerte er sich. "Ich war vor allem glücklich, die Möglichkeit zu haben, eine Reise außerhalb meiner Heimat antreten und dabei auch noch mein Land vertreten zu können. Es war sehr weit weg von Afrika." Neben einer Fahne seines Heimatlandes, die er voller Stolz bei der Eröffnungsfeier in das Olympiastadion trug, hatte er auch 50 Pfund erhalten - zur freien Verfügung.

Direkt nach seiner Ankunft gab es jedoch erstmal eine böse Überraschung für den Mann aus dem kleinen Land im Westen Afrikas. Statt über eine Strecke von 50 Metern, wie es ihm in der Heimat noch mitgeteilt wurde, musste Moussambani in Sydney über 100 Meter an den Start gehen. Es war eine Distanz, die er nie zuvor zurückgelegt hatte.

"Als ich angekommen war, bin ich als erstes zum Schwimmbecken gegangen. Ich wollte sehen, wie es aussieht. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass es so groß sein würde", beschrieb der Außenseiter den ersten Blick auf das olympische Becken. Und das Monster sollte er jetzt gleich zweimal durchschwimmen?

Lernen von den Besten - und zwar schnell

Vor Ort spielten die US-amerikanischen Schwimmer eine große Rolle. An ihnen orientierte sich Moussambani, fragte sie. "Ich habe ihnen zugeschaut. Habe darauf geachtet, wie sie trainieren und wie sie ins Wasser sprangen. Ich hatte keine Ahnung davon", so der damals 22-Jährige. Er habe sie kopiert, erklärte er weiter. "Ich musste lernen, wie ich abspringe, meine Beine bewege und meine Hände benutze. Das alles tat ich in Sydney."

Viel Zeit blieb ihm nicht. Zusammen mit Karim Bare aus dem Niger und Farkhod Oripov aus Tadschikistan betrat Moussambi an seinem Tag der Wahrheit aufgeregt die Arena. Die Ränge waren bis auf den letzten Platz gefüllt. Jedoch nicht wegen ihnen, das war dem Trio klar.

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Während Bare und Oripov in schwarzen Ganzkörperanzügen ihre Lockerungsübungen vollzogen und sich für den Start bereit machten, stand Moussambani in einer schlichten blauen Badehose neben ihnen. Das ganze Hightech-Equipment brachte seinen Widersachern allerdings wenig. Nachdem sich beide aufgrund eines Fehlstarts eine Disqualifikation eingehandelt hatten, schien Moussambanis Weg in die nächste Runde nahezu sicher.

Es wurde überlegt, ihn als einzig verbliebenen Schwimmer seines Laufes, ohne dass er das Wasser überhaupt berührt hätte, in die nächste Runde kommen zu lassen. Die Offiziellen entschieden sich jedoch dagegen. Der Mann aus Äquatorialguinea musste antreten.

Vor 17.000 erwartungsvollen Zuschauern. Nur gegen die Uhr. Allein.

Anders als erwartet, aber mit Herz

Um den nächsten Lauf zu erreichen, musste er die Strecke in 1:10 Minuten absolvieren. Der Start war in Ordnung, die Tauchphase kurz.

Bereits auf der ersten Bahn wurde allerdings den meisten Zuschauern klar, dass in diesem Vorlauf über die 100-Meter-Freistil nicht mit sportlichen Höchstleistungen zu rechnen war. Spätestens nach einer katastrophalen Wende dürfte auch der letzte Fan verstanden haben, dass es Moussambanis einziger Lauf bei den Spielen sein würde.

Der austrainierte junge Athlet, der als Hoffnung einer ganzen Nation gestartet war, konnte kaum besser schwimmen als man selbst? Für so manchen Anwesenden in der Halle war dies ein Grund zum Kopfschütteln, andere konnten sich selbst laute Lacher nicht verkneifen.

Auch Adrian Moorhouse, der die Spiele für den britischen Sender BBC kommentierte, traute seinen Augen kaum. "Dieser Typ wird das doch niemals schaffen", sagte er in die Mikrofone. "Ich bin mir sicher, dass er in wenigen Momenten an einem der Seile hängen wird."

Auf den Rängen dürften Wetten, wie weit es Moussambani wohl noch schaffen würde, getätigt worden sein. Im Becken spielte die Zeit derweil schon lange keine Rolle mehr.

Meter für Meter kämpfte sich der Außenseiter aus Äquatorialguinea voran. Trotz aller Bemühungen schien es fast so, als würde er auf der Stelle schwimmen. Eine Aufgabe schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Doch dann wurde es auf einmal richtig laut.

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Mehr als nur ein olympischer Vorlauf

Die Zuschauer hatten inzwischen verstanden, worum es ging. Warum die Olympischen Spiele das sind, was sie sind - und zwar für einen Großteil der Sportler, die nicht zu den absoluten Superstars im Rampenlicht zählen. Für Menschen mit einem Traum und dem Rückgrat, diesen ungeachtet aller Widerstände zu verfolgen. Für Menschen wie Moussambani.

Auf den Sitzen hielt es niemanden mehr. Voller Inbrunst schallten aus allen Ecken laute Anfeuerungsrufe durch die Halle. "Er wird es schaffen. Das sind die Olympischen Spiele. Er hat 17.000 Menschen, die ihn anfeuern", schwenkte auch bei Moorhouse, den es selbst kaum noch auf dem Sitz zu halten schien, die Stimmung um. Getrieben von der unglaublichen Energie mobilisierte Moussambani die letzten Reserven.

Nach 1 Minute und 52.72 Sekunden war es vollbracht.

Der Anschlag war eine Erlösung, der auch heute noch langsamste in der Geschichte der Spiele - und vor allem eins: nicht selbstverständlich. Mit einem unbezahlbaren Lächeln auf den Lippen aber dennoch sichtlich angeschlagen, hievte sich Moussambani unter stehenden Ovationen aus dem Becken.

"Die ersten 50 Meter waren in Ordnung", sagte er. "Auf den zweiten war ich mir nicht sicher, ob ich es überhaupt schaffe."

Dann sei allerdings etwas Besonderes passiert, schilderte der glückliche Underdog. "Etwas ist geschehen. Ich denke, dass es all die Menschen hier waren, die hinter mir standen. Ich war so unheimlich stolz. Es ist für mich ein unbeschreibliches Gefühl. Ich habe mich so sehr gefreut, als mir alle am Ende applaudiert haben. Ich fühle mich, als hätte ich eine Medaille gewonnen."

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Hochachtung oder Demütigung?

Im Olympischen Dorf gab es Applaus und Glückwünsche. Vor dem Haus Moussambanis wurde gar ein Banner mit dem Schriftzug "Hier lebt Eric, der Schwimmer" aufgehängt. Nicht allerorts waren die Menschen jedoch so angetan von "Eric, dem Aal", der für immer mit dem Olympischen Gedanken von Baron Pierre de Coubertin verbunden werden wird.

In seiner Heimat etwa wertete man die Leistung in hohen Regierungskreisen als Schande für das gesamte Land. Auch IOC-Präsident Jacques Rogge war wenig glücklich über das Schauspiel, welches sich wie ein Lauffeuer um die Welt verbreitet hatte.

"Wir werden in Zukunft verhindern, dass so etwas, das in Sydney beim Schwimmen passiert ist, jemals wieder vorkommen wird", sagte Rogge über die Leistung des Mannes, der heute in der IT-Branche in seiner Heimat tätig ist sowie seit 2012 als Trainer im Schwimmteam seines Landes aushilft und es so zumindest als Coach nochmal zu Olympischen Spielen schaffte. "Die Welt hat es geliebt, aber mir hat es nicht gefallen."

Wohl auch deshalb blieb Moussambani eine Teilnahme als Aktiver an den Spielen 2004 in Athen verwehrt. Zwar hatte er seine Bestzeit inzwischen auf unter 57 Sekunden gesenkt und war damit auch sportlich eigentlich berechtigt, zu starten. Eine Reise nach Griechenland scheiterte jedoch offiziell an Problemen, ein Visum zu bekommen.

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