Olympia

Prothesenläufer Popow holt Gold über 100 Meter

SID
Prothesenläufer Heinrich Popow (2.v.r.) sicherte sich Gold über die 100 Meter
© Getty

Heinrich Popow hat Gold über die 100 Meter gewonnen. Dabei zeigte er sich unbeeindruckt von der anhaltenden Technikdoping-Debatte. Der Verband steht hinter dem Athleten.

Nach einem fast halbstündigen Interview-Marathon erbat sich der frischgebackene Paralympics-Champion über die 100 Meter eine kurze Verschnaufpause. "Wir können gerne die nächsten drei, vier Jahre über Prothetik reden, heute Abend möchte ich einfach nur meinen Sieg feiern", diktierte Heinrich Popow erschöpft in die Mikrofone.

Für einen Moment herrschte Ruhe in der Mixed Zone des Olympiastadions. Als ob den versammelten Journalisten inmitten der jüngsten Technikdoping-Debatte mit einem Mal aufgefallen wäre, dass sie gerade dabei waren, den frisch verwirklichten Lebenstraum eines jungen Mannes zu zerreden.

"Übliche Psychospielchen"

Popow ist immer für einen Spruch gut, Schwäche zeigen passt so gar nicht in sein Vokabular. "Das sind Wojteks übliche Psychospielchen", hatte der oberschenkelamputierte Sprinter vor den Finals auf den Vorwurf seines Teamkollegen Wojtek Czyz geantwortet, er benutze als einziger Athlet ein verbessertes Kniegelenk, welches sonst niemandem zur Verfügung stehe.

Wie nahe dem 29-Jährigen das anschließend einsetzende Mediengewitter wirklich gegangen war, konnte man am Freitagabend zwischen den Zeilen lesen.

Nervös zupfte der Leverkusener an seiner Startnummer herum, als die Fragen nicht aufhören wollten, auch wenn seine Antworten bildhaft wie immer ausfielen: "Selbst wenn ich mir einen Propeller oder einen 500-PS-Motor ans Bein schnalle, schneller werde ich dadurch nicht. Körper und Prothese müssen perfekt zusammenarbeiten, sonst funktioniert gar nichts." Im Klartext: Das schnellste Material hilft überhaupt nichts, wenn der Athlet nicht damit umgehen kann.

Nachdem sie noch zwei Tage zuvor zusammen in der Staffel Bronze geholt hatten, hatte Czyz nach den 100-Meter-Vorläufen den großen Materialschlacht-Hammer rausgeholt: "Es kann nicht sein, dass ein Athlet Bauteile hat, an die niemand anderes bei den Paralympics herankommt. Das, was Heinrich macht, ist für mich das Paradebeispiel für technisches Doping", hatte der 32-Jährige gesagt.

Debatte nicht fair

Einen Gefallen hat sich der als "Enfant terrible" des Deutschen Behindertensports bekannte Sportler im Nachhinein damit wohl nicht getan, der Verband stellte sich voll auf Popows Seite.

"Der Hersteller hat gesagt, dass die Prothese frei verkäuflich ist, das IPC (Internationales Paralympisches Komitee, Anm. d. Red.) hat sie genehmigt", sagte Behindertensport-Präsident Friedhelm Julius Beucher und fügte an: "Heinrich hat die richtige Antwort gegeben. Diese Debatte hatte nichts mit Fairness zu tun, völlig unnötig."

Und auch der deutsche Chef de Mission tat die von Czyz angestoßene Diskussion als heiße Luft ab. Es gebe sogar einen Techniker, der sich um beide Athleten gleichzeitig kümmere, sagte Karl Quade am Samstag - soviel zur Gleichberechtigung. Im Nachgang der Spiele werde er jedenfalls noch einmal das Gespräch mit beiden Athleten sowie deren Trainern suchen.

Wieder eine Dopingmethode mehr

Nach einer kurzen Verschnaufpause fand Popow schließlich auch seine alte Selbstsicherheit zurück: "Er fährt Mercedes, ich Ferrari. Und jetzt lasse ich mir den Abend nicht mehr durch negative Gedanken vermiesen, dazu ist er viel zu schön", sagte der Leverkusener.

Was kurz vor dem Ende der Spiele bleibt, ist ein fader Beigeschmack. Oscar Pistorius hat es in der Diskussion um zu lange Stelzen vorgemacht, Czyz nun aufgegriffen: Wieder hat die Sportwelt eine Dopingmethode mehr für sich entdeckt - oder zumindest die Möglichkeit, mit deren Vorwurf Aufmerksamkeit zu erregen. Immerhin hat Popow die richtige Einstellung gefunden, damit umzugehen.

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