Mittwoch, 01.04.2015

Boston 2024

Ein Olympia-Favorit demontiert sich

Die bislang größte Peinlichkeit war die Sache mit Leni Riefenstahl. Vor etwa zwei Wochen verschickte das Bewerbungs-Komitee, das die Olympischen Spiele 2024 nach Boston bringen will, via Twitter eine Liste mit zehn Filmen mit Bezug zu Olympia - verbunden mit dem Hinweis: Lassen sie sich am Wochenende doch auf ihrer Couch inspirieren. Nummer eins auf der Liste: "Olympia" von Leni Riefenstahl.

Boston will die Olympischen Spiele 2024 austragen
© getty
Boston will die Olympischen Spiele 2024 austragen

Der Tweet ist mittlerweile gelöscht, doch dass Boston2024 den Film einer Regisseurin empfahl, die ein enges Verhältnis zu Adolf Hitler pflegte und dessen Ideologie verbreitete, ist mindestens ein PR-Desaster. Auf der Liste fand sich übrigens auch der Film "Munich" von Hollywood-Gigant Steven Spielberg über das Olympia-Attentat 1972 in München. Das alles mit dem Hinweis versehen "Get inspired".

Die hanebüchene Filmauswahl ist beileibe nicht der einzige Grund, warum Boston2024 mittlerweile eine so miserable Figur abgibt.

Der Favorit für die Ausrichtung der Spiele 2024, der sich am 9. Januar gegen die drei nationalen Konkurrenten Los Angeles, San Francisco und Washington durchsetzte, bekommt seit seiner Wahl nichts mehr auf die Reihe. Dafür sank die Zustimmung in der Stadt seitdem dramatisch.

"Referendum eine gute Sache"

Über Wochen verhielt sich Boston2024 so ungeschickt, dass die Zustimmung von ohnehin bescheidenen 51 Prozent auf nur noch 36 abstürzte, die Ablehnung zugleich von 33 Prozent auf 51 stieg. Niederschmetternde Zahlen. Sie sind unter anderem dem Umstand geschuldet, dass Boston2024 dem ehemaligen Gouverneur des US-Bundesstaates Massachusetts, Deval Patrick, 7500 Dollar für Lobbydienste beim IOC zahlen wollte - pro Tag!

Boston2024 wird vorgeworfen, viel zu intransparent zu sein, die wahren Kosten für die Ausrichtung der Spiele konsequent zu verschleiern und am Ende doch das Geld des Steuerzahlers zu benötigen. Die Olympia-Befürworter, unter anderem Bostons Bürgermeister Martin J. Walsh, haben den Kritikern jetzt in aller Eile zugesagt: Es wird ein Referendum darüber geben, ob die Bürger von Boston und Massachusetts die Spiele wollen.

"Ein Referendum ist eine gute Sache", sagte Walsh, und John Fish, der umtriebige Präsident von Boston2024, ergänzte fast demütig: "Ganz ehrlich: Wir haben nicht alle Antworten. Aber wir werden sie haben, ehe das Referendum beginnt." Besagtes Referendum soll am 8. November 2016 stattfinden. Ja, 2016 - nicht 2015. Es wird der Tag sein, an dem die USA ihr neues Staatsoberhaupt wählen.

Boston lange Favorit

Die Ankündigung des Referendums macht stutzig: Der zurzeit angedachte Termin liegt 14 Monate nach (!) dem 15. September 2015, also jenem Tag, an dem das Olympische Komitee der USA (USOC) Boston offiziell als seinen Bewerber für 2024 beim IOC anmelden müsste. Und fraglich ist, ob eine Organisation wie Boston2024 erstens überhaupt ein Referendum anstreben darf und wo zweitens die Mittel dafür herkämen.

Boston galt bislang vor allem deshalb als Favorit, weil der US-Mediengigant NBC dem IOC für die Medienrechte an Olympia 7,65 Milliarden Dollar für den Zeitraum von 2021 bis 2032 bezahlt hat, weil sechs der zehn IOC-Topsponsoren US-Firmen sind, und weil die USA bereits seit 1996 keine Sommerspiele mehr ausgerichtet haben. Sogar die Amerikaner haben freilich schon erkannt, dass sie sich gerade schön blamieren.

"Zögen Alternativen in Erwägung"

In den USA weisen Kritiker von Boston2024 darauf hin, dass die Stadt dem IOC wohl ohnehin nur dazu dienen wird, das Feld der Bewerber aufzuhübschen. Eine realistische Chance besäße sie nicht, allein schon deshalb, weil die Sommerspiele bisher noch nie länger als 12 Jahre weg waren von Europa. So gesehen kämen für 2024 nur Bewerber wie Hamburg, Rom und vermutlich Paris infrage.

Das USOC sah sich am Dienstag erst einmal genötigt, Berichten entgegenzutreten, wonach es Pläne gebe, am 15. September eine andere Stadt beim IOC zu melden. Man stehe hinter Boston und dessen Konzept, teilte USOC-Sprecher Patrick Sandusky mit: "Jegliche Andeutung, wir zögen Alternativen in Erwägung, ist schlicht und ergreifend falsch."


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