Montag, 14.07.2008

Vor den Olympischen Spielen

Peking-Hoffnung Steffen unter Druck

Berlin - Britta Steffen strahlt unentwegt, lacht, scherzt - doch Deutschlands Top-Schwimmerin steht unter massivem Druck.

Olympia, Schwimmen, Britta Steffen
© DPA

Olympia und die schwere Bürde, 16 Jahre nach Dagmar Hase endlich wieder Schwimm-Gold für Deutschland holen zu sollen, machen der Berlinerin zu schaffen.

"Es gibt keine Steigerung mehr für enorm. Ich bin wirklich hin- und hergerissen zwischen 'Ich schmeiße alles hin' und 'Mann, macht das Spaß'", so Steffen bei einem Gespräch in Berlin, wo sich Deutschlands Schwimm-Olympioniken bis Donnerstag den letzten Schliff für Peking holen.

Britta Steffen fühlt sich wie in einer Zwangsjacke, "wenn ich wirklich nur noch darauf fokussiert werde, die erwartete Goldmedaille nach Hause zu bringen".

"Ich habe tierisch Angst"

Sie zweifelt. Mit der letzten Vorbereitungsphase in ihrer Wahlheimat Berlin wachsen Ungeduld und Ungewissheit: Kann ich's? Kann ich's nicht? Ein kleiner Fehler, vielleicht ein Patzer bei der Wende - und plötzlich könnten vier Jahre harte Arbeit vergebens gewesen sein.

"Ich habe tierisch Angst, nach den 100 Metern Kraul anzuschlagen, Zweite geworden zu sein und mich darüber überhaupt nicht freuen zu können."

Wie nach Bronze bei der WM 2007 in Melbourne, als die damalige Weltrekordlerin hinter der Australierin Lisbeth Lenton und Marleen Veldhuis aus den Niederlanden anschlug: "Die Bronzemedaille war mir nichts wert. Das hat mir ganz schön wehgetan."

Und in China? Selbst bei einem Olympiasieg ist ihr momentan überhaupt nicht klar, ob sie sich restlos darüber freuen könnte, "weil's nur ein Ergebnis wäre, das die Erwartungen erfüllt".

Das Außen ausblenden

Sie versucht, den Druck auszublenden. Ihre Mentaltrainerin Friederike Janofske ist ihr dabei wertvolle Stütze. Und eine Einstellung, die ihr Coach Norbert Warnatzsch zu vermitteln versucht - mit drastischen Worten, die Britta Steffen zunächst gar nicht äußern will, es aber dann doch tut - gern sogar, wie deutlich zu spüren ist: "Er sagt, dann musst du einfach denken, leckt mich alle am Arsch, ich mache mein Ding."

Wie Skispringer Sven Hannawald, der auch immer "sein Ding" machte und mit dieser Attitüde allen davonflog.

"Hätte ich meine Mentaltrainerin nicht, bräuchte ich gar nicht zu den Spielen zu fahren, weil mich die von allen Seiten erwartete Goldmedaille fertigmachen würde." Britta Steffen öffnet ihr Innerstes, will "den Leuten" diktieren, was sie wirklich vorhat: ein optimales Rennen abrufen, ohne den ultimativen Zwang, danach irgendein Metallteil aus Gold, Silber oder Bronze überreicht zu bekommen.

"Für mich wäre das besser. Aber danach fragt leider niemand." Sie will "den Innenraum freihalten", sie will bei sich selbst ankommen, sie will "das Außen ausblenden" - nur dann, dessen ist sie sicher, kann sie sich in Peking freischwimmen. Zu Gold?

Muskelkater und Hunger vermisst 

"Mann, Leute, ihr wisst gar nicht, was dahinter steckt, wieviel Arbeit da drin steckt." Arbeit, die zuletzt mehr Last als Lust war, obwohl ihr das Schwimmen prinzipiell die helle Freude ist.

Als sie sich nach Athen 2004 eine schöpferische Pause gönnte, fehlte ihr ein Teil des Lebensinhalts: "Ich habe es vermisst, kaputt zu sein, richtig Hunger und Muskelkater zu haben."

Doch das wird ihr immer öfter vermiest, seit sie in Budapest 2006 zum Weltrekord über 100 m Freistil schwamm: Die äußere Erwartungshaltung, die Angst, "dass man dieser nicht entspricht" - das alles nagt an ihr.

Sie sehnt ihren ersten Startsprung in Peking herbei, weil sie dann wissen wird, ob es "flutscht. Wenn nicht, dann wird es hart." Dann könnte sie sich als "kleines Sportlerchen" so ohnmächtig fühlen wie bei dem Gedanken an Tibet. Da merkt sie, dass es ihr gut geht, da weiß sie, "in welchem Luxus wir in Deutschland leben".


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