Sonntag, 06.07.2008

Lobinger fährt nach Peking

"Olympia, ich komme!"

Nürnberg - Von manchen war er schon tot gesagt, doch vor dem Sprung nach Peking erwachten in Tim Lobinger (im Bild, rechts) wieder alle Lebensgeister.

Leichtathletik, DM, Stabhochsprung, Tim Lobinger, Danny Ecker, Raphael Holzdeppe
© DPA

Dynamischer Anlauf, Höhenflug wie vom Katapult, bei 5,75 Meter sauber über die Latte, ein Schrei - noch in der Luft riss der Stabartist beide Arme in den Himmel. Geschafft: Olympia, ich komme! Der Großmeister der deutschen Stabhochspringer-Gilde hatte es wieder einmal allen Skeptikern gezeigt.

"Ich höre bei mir in München jeden Tag die Kirchenglocken. Und ich denke mir: so lange es nicht die sportlichen Totenglocken sind... Doch so weit ist es noch lange nicht", sagte der 35-Jährige bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Nürnberg, als er den Titel erkämpft und mit persönlicher Saisonbestleistung auch das Olympia-Ticket gebucht hatte.

Holzdeppe überglücklich

Vergangene Woche hatte er noch mit dem Schicksal und seiner Form gehadert: "Ich sollte lieber in die Kirche gehen statt in den Kraftraum und beten."

Nach dem "brutalen Wettkampf" (Lobinger), der sich über fast vier Stunden hinzog, strahlten aber auch Lobingers olympische Mitstreiter: Vizemeister Danny Ecker (im Bild, links) trug stolz seine 18 Monate alte Tochter Marie auf dem Arm, Raphael Holzdeppe (im Bild, mitte) war völlig aus dem Häuschen und konnte sein Glück kaum fassen.

"Mir fehlen die Worte. Ich habe viel mehr erreicht, als ich vor der Saison hoffen konnte", sagte der erst 18 Jahre alte Gymnasiast aus Zweibrücken. Er hatte sich eine glatte Note 1 verdient und war nur deshalb Dritter geworden, weil er die 5,75 Meter erst im zweiten Anlauf nahm.

Eckers letzte Spiele

"Jetzt fahre ich noch zur Junioren-WM nach Bydgoszcz. Wenn mir einer gesagt hätte, du fährst auch zu den Olympischen Spielen nach Peking - den hätte ich für verrückt erklärt", meinte Junioren-Weltrekordler Holzdeppe, der nun zum ersten Mal seinem Schuldirektor einen Brief schreiben muss.

"Das ist ein Antrag auf Unterrichtsbefreiung. Denn während der Olympischen Spiele hat bei uns die Schule schon wieder angefangen", erklärte der Hoffnungsträger der neuen deutschen Stabhochspringer-Generation. "Irgendwann kommt der Wechsel." Es wird auch Zeit: Lobinger ist 35, Ecker 30.

Dass Ecker in Peking seine wohl letzten Olympischen Spiele erlebt, ist ein kleines Wunder. Seit Wochen plagt sich der Leverkusener mit heftigen Achillessehnenproblemen herum. Zwei Tage vor den Meisterschaften hatten ihm die Ärzte empfohlen, die Saison abzubrechen.

Doch Ecker wollte partout nicht. "Mir war klar, dass ich für Olympische Spiele 2012 in London zu alt bin. Es war kein Harakiri, sondern kalkuliertes Risiko", versicherte der Sohn von Olympiasiegerin Heide Ecker-Rosendahl.

Operation abgelehnt

Beide Therapie-Ansätze kamen für Ecker einfach nicht infrage. "Die Ärzte hatten mir empfohlen: Operation oder Spritzen direkt in die Sehne und vier Wochen Gips. Ich habe beide Vorschläge dankend abgelehnt."

Der WM-Dritte ist nicht nur wegen seiner 1,92 Meter ein ganz Großer. Seine zurückhaltende und ungemein stilvolle Art stellte der "kluge Kopf" bei der Pressekonferenz wieder einmal unter Beweis.

Er ist kein Mann großer Worte, und wenn schon, dann hat er die für die Konkurrenz übrig: "Ein Riesenlob an Tim, der seine Klasse wieder mal unter Beweis gestellt hat. Und auch Raphael war heute sensationell."


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