Donnerstag, 31.07.2008

Fabian Hambüchen exklusiv

"An Versagen wird nicht gedacht"

München - Allzu viele große Hoffnungen auf Goldmedaillen hat das deutsche Team in Peking nicht. Doch ein Mann gilt als eine Bank: Fabian Hambüchen.

Mit 1,63 Metern geballter Muskelkraft soll der Turnfloh an seinem Leib- und Magengerät, dem Reck, den ganz großen Wurf schaffen. Haushoher Favorit ist der Weltmeister von 2007 auf jeden Fall. Doch wie geht er mit genau diesem enormen Druck um?

SPOX hat ihn nach seinen Versagensängsten gefragt und erfahren, wie er dagegen ankämpft.

Doch damit nicht genug: Angst vor Doping und Politik, Versagen beim Klimmzug-Contest, Starallüren, schnelle Autos und Nacktfotos im Playgirl - Hambüchen lässt im Interview kein Thema aus.

SPOX: Bringen wir zum Anfang gleich die sicher nervigste Frage hinter uns: Wie stehen die Medaillenchancen?

Fabian Hambüchen: Die Frage nervt gar nicht wirklich, denn ich weiß schließlich, dass ich gute Chancen habe. Der Traum ist, einmal eine Medaille bei Olympia zu holen.

SPOX: Gold am Reck ist aber schon Pflicht.

Hambüchen: Das auf keinen Fall. Aber ein Traum.

SPOX: Wer soll Sie denn schlagen?

Hambüchen: Na ja, die Konkurrenz ist sehr stark. Das wird eine enge Kiste. Voraussetzung ist, dass ich gut durchkomme und dann kann man mal sehen, was rauskommt.

SPOX: Wie gehen Sie damit um, als großer deutscher Held an der Spitze des Teams für Peking zu stehen?

Hambüchen: Das hört sich alles unglaublich groß an, aber ich mache mir darüber keinen Kopf. Natürlich ist der Druck von außen riesengroß, aber ich will ja selbst auch ganz oben stehen. Am Ende stehe ich ohnehin alleine auf der Matte und muss turnen, und nur ich weiß, wie schwer das ist. Deshalb mache ich mit meinem Onkel Mentaltraining, damit ich im entscheidenden Moment alles außer meiner Übung ausblenden kann.

SPOX: Kennen Sie Versagensängste?

Hambüchen: Nein. Wenn man die hat, hat man schon verloren. Ich gehe das alles positiv an. An Versagen wird hier nicht gedacht.

SPOX: Haben Sie Angst, dass die politischen Querelen in China Ihnen das Erlebnis Olympia verderben?

Hambüchen: Überhaupt nicht. Schon in Athen war das olympische Feeling unglaublich abgefahren. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, wo die Spiele stattfinden. Das Zusammensein dieser vielen Sportler sorgt für so eine tolle Atmosphäre, da ist es egal, was politisch in dem Land gerade vor sich geht. Wir sehen den Wettkampf im Vordergrund.

SPOX: Und wie steht es mit der Angst vor Doping?

Hambüchen: Angst habe ich keine, höchstens vielleicht einmal eine Vermutung. Man muss sehen, dass im Turnen seit Ewigkeiten kein positiver Befund mehr vorgekommen ist, und zwar trotz immer häufigerer Kontrollen. In Peking wird stark kontrolliert werden, und wenn jemand so blöd ist und dopt, wird er hoffentlich erwischt. Ich wünsche mir aber, dass alles fair und friedlich abläuft.

SPOX: Sie haben bei den Deutschen Meisterschaften die schwerste Reckübung aller Zeiten geturnt. Dann haben Sie beim Länderkampf in Dessau noch einmal einen drauf gelegt. Geht es noch schwerer?

Hambüchen: Bei den Deutschen Meisterschaften musste ich noch ein bisschen improvisieren. Ich will aber auf jeden Fall noch schwerer turnen.

SPOX: Schon in Peking?

Hambüchen: Das muss man kurzfristig entscheiden, das hat auch mit Taktik zu tun. Entscheidend ist, wie ich mich körperlich und mental fühle, das sollte aber kein Problem sein. Dazu schaue ich mir natürlich an, was meine Gegner machen, um zu sehen, ob ich gegebenenfalls vor- oder nachlegen muss.

SPOX: Sie starten aber nicht nur am Reck. Auch im Mehrkampf sind die Chancen gut.

Hambüchen: Das stimmt, bei der WM war ich im vergangenen Jahr Zweiter. Aber im Mehrkampf kommt es eben darauf an, an sechs Geräten das Beste herauszuholen. Das ist nicht gerade einfach, weil man immer irgendein Gerät hat, an dem man sich nicht so sicher fühlt.

SPOX: Welches ist das bei Ihnen?

Hambüchen: Das Pauschenpferd. Da muss ich mich meistens ganz schön durchkämpfen. Aber es wird immer besser.

SPOX: Hatten Sie schon einmal Angst vor einem Gerät oder einem Übungselement und haben gekniffen?

Hambüchen: Nein. Ich war schon früher immer eher der Draufgänger, der alles gemacht hat, ohne über Folgen nachzudenken.

SPOX: Schon einmal schwerer verletzt?

Hambüchen: Da muss ich jetzt mal auf Holz klopfen. Zum Glück ging bisher immer alles gut.

SPOX: Können Sie sich noch an Ihren ersten Felgaufschwung am Reck erinnern?

Hambüchen: Nö. Da war ich noch zu klein. Ich war ja immer schon in der Turnhalle, weil mein Vater trainiert und auch mein Bruder geturnt hat. Das war schon vor dem Kindergarten.

Fabian Hambüchen mit Freundin Viktoria Kaminier
Fabian Hambüchen mit Freundin Viktoria Kaminier
© Getty

SPOX: Warum nicht Fußball oder Tennis?

Hambüchen: Ich habe durch die Vorbilder in der Familie nie etwas anderes probiert, hatte aber auch nie Lust auf etwas anderes. Klar stand ich auch ein paar Mal auf dem Platz und habe gekickt, aber nie so, dass ich gesagt hätte: Ich höre jetzt mit dem Turnen auf und will Fußballer werden.

SPOX: Was ist so toll am Turnen?

Hambüchen: Das kann jemand, der nie geturnt hat, nur schwer verstehen. Wenn man bei Flugteilen oder dem Abgang am Reck schwerelos in der Luft steht, ist das ein unbeschreibliches Gefühl. Dazu kommt der Stolz, etwas zu können, was andere nicht können.

SPOX: Turner und Leichtathleten können ja angeblich nicht mit dem Ball umgehen. Und Sie?

Hambüchen: Das trifft auf mich bedingt zu. Ich bin kein absoluter Volltrottel am Ball, aber ein großer Fußballer wäre ich nicht geworden.

SPOX: Wie cool ist es für einen Jungen aus dem Dorf (Niedergirmes, Hessen), ein Star zu sein?

Hambüchen: Natürlich ist das cool, aber das war nie mein Ziel. Der ganze Erfolg war ja so nicht abzusehen. Die Popularität an sich hat Vor- und Nachteile. Ich leide nicht darunter, bin aber auch froh, wenn es später einmal vorbei ist. Solange ich turne, gehört es aber dazu, sonst wäre es langweilig.

SPOX: Als Fußballer hätten Sie wesentlich mehr Geld verdienen können.

Hambüchen (lacht): Da bin ich völlig locker. Klar denkt man sich manchmal: Die verdienen so viel Geld und wir Turner nicht ganz so gut, das ist ein bisschen unfair. Auf der anderen Seite habe ich es nicht anders gewollt. Ich wollte immer Turner werden und fühle mich in meiner Rolle total wohl.

SPOX: Können Sie vom Turnen leben?

Hambüchen: Ja. Ich habe für deutsche Verhältnisse die meisten Sponsorenverträge. Das heißt aber nicht, dass ich mich nach meiner Karriere faul zurücklehnen kann. Ich werde nächstes Jahr anfangen zu studieren und sehen, dass ich nach meiner Karriere einen guten Beruf bekomme.

SPOX: Was möchten Sie studieren?

Hambüchen: Sportmanagement, BWL, internationales Management - so in diese Richtung.

SPOX: Wie viele Klimmzüge schaffen Sie hintereinander?

Hambüchen (lacht): Ungelogen, das sind nicht so viele. Wir sind zwar ganz gut muskulös, aber die spezielle Belastung bei Klimmzügen kommt weniger oft im Training vor. Ich hatte mal einen Wettbewerb mit irgendeinem Typen, der mich um einen Klimmzug geschlagen hat. Da war ich ganz schön baff. Ich dachte, ich knall mal 30, 40 Dinger locker weg, aber dann wurde es doch schon nach wenigen recht schwer. Über 20 bin ich zwar gekommen, aber da haben die Arme schon ganz schön gebrannt.

SPOX: Trotzdem können Sie über Ihren Körperbau nicht meckern. Haben Sie schon einmal an Modelaufnahmen gedacht?

Hambüchen: Ich habe bereits einige Fotoshoots gehabt, auch mit freiem Oberkörper. Aber ich bin nicht der offensive Typ, der sagt: Ich will unbedingt halbnackte Bilder machen. Wenn Angebote kommen, höre ich mir das an, denke drüber nach und entscheide dann, ob ich es mache oder nicht. Ich würde nie halbnackt vor eine Playgirl-Kamera springen.

SPOX: Sie fahren gerne schnell Auto. Was für ein Auto haben Sie?

Hambüchen: Ich fahre einen Chevrolet-SUV, der fährt so 190 km/h, macht aber Spaß.

SPOX: Und welches Auto würden Sie gerne einmal fahren?

Hambüchen: Ich plane schon seit längerem, über meinen Sponsor mal eine Corvette auszuleihen und mit der über die Piste zu brettern. Bisher hat es nicht geklappt, aber nach Olympia werde ich das sicher noch einmal angehen.

Interview: Alexander Mey

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