Mittwoch, 04.06.2008

Chicagos Olympia-Bewerbung in Gefahr

Streit zwischen NOK und IOC eskaliert

Athen - Der Streit im olympischen Verteilungskampf eskaliert. 204 Nationale Olympische Komitees (NOK) und 35 olympische Fachverbände fordern ein Ende der jahrzehntelangen Bevorteilung der USA bei der Ausschüttung der IOC-Milliarden.

Sportpolitik, Olympia, IOC
© Getty

Die NOKs benutzen dabei Chicagos Bewerbung um die Spiele 2016 als Druckmittel. "Ein klares Zeichen, dass das USOC eine Lösung finden und nicht verhindern will, könnte gut für Chicago sein", erklärte IOC-Präsident Jacques Rogge der "Chicago Tribune".

Spätestens bis zum Ende der Spiele in Peking will das Internationale Olympische Komitee (IOC) ein neues Konzept mit dem NOK der USA (USOC) vorstellen.

Verbruggen wettert gegen USOC

Die IOC-Schwergewichte, Marketing-Chef Gerhard Heiberg, Denis Oswald, Chef der Sommersportverbände, und Mario Vazquez-Rana, Boss der Vereinigung aller NOKs (ANOC), sollen mit USOC-Präsident Peter Ueberroth eine neue Verteilerformel aushandeln.

Nach einer zwanzig Jahre alten vertraglichen Regelung streicht das USOC für die Periode 2005 bis 2008 gegenwärtig 364 Millionen Dollar - und damit mehr als alle 204 NOKs zusammen - ein.

"Das ist absolut unmoralisch im Vergleich zu den anderen NOKs. Was glauben die denn, wer sie sind?", wetterte Hein Verbruggen, Präsident der Vereinigung der internationalen Sportverbände, und heizte damit den "Krieg der Worte" (Chicago Tribune) weiter an.

Einfluss der USA sinken

Der Kontrakt beruht auf der enormen Wichtigkeit der USA innerhalb der olympischen Bewegung nach dem großen Erfolg der Spiele 1984 in Los Angeles. Damals kamen 85 Prozent aller IOC-Einnahmen aus den USA.

Inzwischen ist zumindest der personelle Einfluss der Supermacht stark gesunken. Seit 2006 ist kein US-Amerikaner mehr in der Exekutive. Nur noch drei US-Funktionäre sitzen im IOC. Allerdings sind sechs der zwölf TOP-Sponsoren des IOC immer noch US-Firmen.

Durch die Kandidatur Chicagos fühlt sich das IOC in einer starken Position, diesen unbefristeten Vertrag neu zu verhandeln. Zudem bedeutet der drastische Dollarverfall für viele Organisationen einen enormen Einnahmenrückgang.

Faire Verteilung angestrebt 

Rogge forderte in der IOC-Exekutive am Mittwoch in Athen einen Zwei-Stufen-Plan. "Es ist moralisch nicht akzeptabel, dass sich die USA nicht wie die anderen NOKs an den Kosten für die Spiele beteiligen", sagte der Belgier.

Das USOC müsse zwischen 16 und 20 Millionen Dollar u.a. an die Welt-Anti-Doping- Agentur (WADA) und den Internationalen Sportsgerichtshof (CAS) abführen. Langfristig müsse eine faire Verteilung angestrebt werden. Als erste Offerte bot das USOC an, Trainingcamps für finanzschwache NOKs in den USA zu unterstützen.

Uberroth hat Großes vor

Zur Auflösung der Abmachung scheint Ueberroth (noch) nicht bereit. Im Gegenteil. Der clevere Top-Manager hat Großes vor. Wie bei den Spielen 1984, als er als Chef-Organisator einen Gewinn von 250 Millionen Dollar erwirtschaftete und das Zeitalter des olympischen Sponsorings eröffnete, will er auch in dieser sensiblen Angelegenheit "den Kuchen für alle vergrößern".

Die US-TV-Rechte für die Spiele 2016 sind noch nicht vergeben. Bis einschließlich London 2012 bezahlt der TV-Gigant NBC 2,2 Milliarden Dollar für die Rechte.

Chicago braucht Ergebnisse

Ein Heimspiel würde das Sommerspektakel unter den olympischen Ringen für ein US-Network noch lukrativer und somit teurer machen - das IOC, die NOKs und Fachverbände wären indirekte Nutznießer.

"Wenn er es schafft, dass wir alle mehr verdienen, wäre das wunderbar", gab Oswald zu. Sicher scheint derzeit nur: Chicago wäre am 2. Oktober 2009 bei der Vergabe der Olympischen Spiele 2016 ziemlich chancenlos, wenn der IOC-Vollversammlung mit ihrer Mehrheit aus NOK-Vertretern und Verbands-Repräsentanten kein vorzeigbares Ergebnis vorliegen würde.


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