Wintersport

Der Flug ins Ungewisse

Von Jannik Schneider
Severin Freund war im Sommer fünf Monate verletzt

Die Skisprungfans hierzulande sehnen sich nach einem deutschen Sieger der Vierschanzentournee (ab 16.45 Uhr im LIVETICKER). Doch vor der 65. Auflage der so geschichtsträchtigen Veranstaltung hat vor allem Severin Freund mit einem Trainingsrückstand zu kämpfen. Kann der junge Markus Eisenbichler in die Bresche springen? Oder wird es eine aus deutscher Sicht triste Tournee? SPOX macht den Formcheck.

Severin Freund:

Skiflug-Weltmeister 2014, Einzel-Weltmeister 2015, 20. Weltcuperfolge, Olympiasieger 2014 mit dem Team in Sotschi und zweimal Tournee-Zweiter. Severin Freund ist der mit Abstand erfolgreichste aktive Springer des DSV und wäre als einziger echter Weltklasse-Athlet eigentlich Anwärter auf das Podium bei der diesjährigen Tournee. Doch die Betonung liegt bei der 65. Auflage leider ganz klar auf den Vokabeln "wäre" und "eigentlich".

Denn hinter dem 28-Jährigen liegt in Folge einer notwendig gewordenen Hüftoperation eine fünfmonatige Zwangspause. Fünf Grundlagenmonate, die Skispringer im Sommer eigentlich für Hunderte von Sprüngen, Kraft- und Fitnesseinheiten nutzen, um die Automatismen für das Saison-Highlight zu verinnerlichen.

So kommt die Tournee, das gibt der Niederbayer selbst offen zu, wohl noch etwas zu früh. Und das, obwohl Freund beim Saisonauftakt in Kuusamo direkt von ganz oben auf dem Treppchen grüßte: "Kuusamo ist eine spezielle Schanze, und ich hatte ein wenig Glück. Wir hatten tatsächlich zu Saisonbeginn mit den Plätzen gerechnet, wie sie dann bei den Springen danach rausgekommen sind, also irgendwo zwischen 10 und 15", erklärt er im Interview mit der AZ. Wichtig sei es vielmehr, jeden Wettkampf zu nutzen und ein Stück näher ranzukommen, schließlich gebe es auch nach der Tournee noch Highlights wie die WM in Lahti.

Und so kann der Tournee-Zweite aus dem vergangenen Jahr erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit ohne Druck auf dem Balken des Auftaktspringens in Oberstdorf sitzen. "Für mich selbst ist das definitiv ein Vorteil. Wenn ich ohne Verletzung in der Form wie jetzt wäre, würde ich mich fragen, warum."

Also hoffen die deutschen Skisprungfans und natürlich auch die Verantwortlichen um Trainer Werner Schuster auf eine Steigerung bei der Tournee.

Prognose: Freund ist eine Leistungssteigerung zuzutrauen. Dann ist eine Top-Acht-Platzierung in der Gesamtwertung drin und vielleicht sogar eine Podiumsplatzierung bei einem einzelnen Springen.

Markus Eisenbichler

"Markus weiß noch gar nicht, wie gut er ist." Spätestens seit diesem Satz von Schuster unlängst im ZDF gilt der 25-Jährige als Hoffnungsträger des DSV. Der ehemalige Kombinierer landete diesen Winter bislang in sechs der ersten sieben Weltcupspringen unter den ersten Sieben. In Lillehammer stand am 11. Dezember sogar der erste Podestplatz zu Buche. "Man sieht ihm förmlich an, wie langsam der Gedanke in ihm reift, dass er ganz vorne reinspringen kann", so Schuster.

Das sagt viel über Eisenbichler aus, dem früher eine nicht immer ganz astreine Arbeitseinstellung nachgesagt wurde. Doch nach einem Horrorsturz in Oberstdorf 2012 im Training änderte sich alles. Der Oberbayer brach sich den dritten Brustwirbel, vier weitere waren angebrochen.

"Als ich da unten lag und nichts mehr gespürt habe, habe ich schon mal gedacht, dass es das jetzt mit dem Skispringen war", erinnert sich Eisenbichler an die dramatischen Momente und die Zeit danach: "Als ich dann im Krankenhaus lag, hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Ich habe mir gesagt: Falls ich wieder fit werde, dann probiere ich es nochmal. Dann nicht mehr mit 80 Prozent. Sondern unter dem Motto Alles oder Nichts."

Im Winter 2014 hatte Eisenbichler mit tollen Leistungen auf sich aufmerksam gemacht, galt plötzlich als Hoffnungsträger für das Auftaktspringen der Tournee, ausgerechnet in Oberstdorf. An der Erwartungshaltung scheiterte der damals 23-Jährige.

Nach einem weiteren, schwachen Winter ging er im Sommer 2016 für das Grundlagentraining zurück in den B-Kader. Trainer Bernhard Metzler fand bei dem extrem talentierten Bayer stets die richtige Ansprache und führte ihn wieder an die Weltklasse heran.

Prognose: Wenn Eisenbichler die Erfahrung aus 2014 in positive Energie umzuwandeln weiß, kann er um eine Topplatzierung mitspringen. Für einen Platz auf dem Treppchen fehlt ihm wohl aber noch der ganz große Killerinstinkt.

Richard Freitag

Der 25-Jährige ist so etwas wie der ewige Hoffnungsträger der Generation, die Trainer Schuster in die erweiterte Weltspitze geführt hat. Und der Sachse hat bereits das ein oder andere Mal "geliefert". Mit dem wichtigsten seiner vier Weltcuperfolge sorgte er beim dritten Springen der Tournee 2014/15 in Innsbruck für Furore.

Langfristige Konstanz für eine absolute Topplatzierung war ihm bisher jedoch nicht vergönnt. "Ich bin auf jeden Fall guter Hoffnung, dass ich jetzt die Vorstellung bekomme, was ich technisch genau machen muss, um meine guten Sprünge zu zeigen. Wenn ich das hinbekomme, kriege ich auch mehr Konstanz in meine Leistungen", erklärt er der Freien Presse.

Die Aussage lässt erkennen, wie arg ihn die technischen Abläufe so kurz vor dem ersten Saisonhöhepunkt beschäftigten. Und so steht Freitag vor der Tournee da, wo er des öfteren anzutreffen ist, rund um Platz 15. In der Gesamtwertung des Weltcups liegt er sogar exakt auf Rang 15.

"Ich denke, bei einer Tournee ist immer alles möglich. Klar stehen oft diejenigen, die zu Saisonbeginn vorn waren, dann auch bei der Tournee ganz oben. Aber es hat immer auch Überraschungen gegeben."

Prognose: Freitag wäre eine Überraschung zu gönnen. Doch sein Flugsystem für ein gutes Gesamtergebnis ist nicht konstant genug. Er kann aber bei einzelnen Springen in den Top Ten landen.

Karl Geiger

Mit Top-Ten-Platzierungen zu Beginn der Saison festigte der 23-Jährige seinen Status im Weltcup-Team. Bei der vergangenen Tournee war der Oberstdorfer noch Teil der nationalen Gruppe, die beim ersten Tourneespringen Extra-Startplätze erhalten hatte. Mit Platz 26 an der Heimschanze ergatterte er damals etwas überraschend seine ersten Weltcuppunkte.

Seitdem tourt er regelmäßig mit dem A-Team. Im Februar gelang ihm in Lahti gar ein zweiter Platz im Weltcup. Ähnliche Ränge dürfen seine Fans bei der diesjährigen Tour allerdings nicht erwarten. Regelmäßiger Stammgast im zweiten Durchgang der besten 30. Athleten dürfte er dann aber schon sein. Tendenz Richtung Top-20.

Dafür muss er sich im Vergleich zur letzten Weltcupstation steigern. "Dieses Wochenende bin ich in Engelberg leider nicht so zurechtgekommen", kommentierte er auf seiner Facebook-Seite und richtete den Blick auf seine Heimschanze: "Zu Hause in Oberstdorf greife ich wieder an."

Prognose: Dauergast in Durchgang zwei. Nicht mehr, nicht weniger.

Andreas Wellinger

Im Sommer, auf Matten - da war das deutsche Ausnahmetalent über jeden Zweifel erhaben und nur der Pole Maciej Kot noch stärker. Doch im so viel wichtigeren Skisprung-Winter hinkt der Ruhpoldinger den eigenen und den Erwartungen anderer hinterher.

Seit der Weltcupwinter im finnischen Kuusamo gestartet ist, auf jener Schanze, auf der der 21-Jährige vor zwei Jahren so schwer stürzte, tut er sich schwerer mit den Topergebnissen.

Eine Blockade? Der Team-Olympiasieger selbst will von möglichen Auswirkungen bis heute nichts wissen. ARD-Experte Dieter Thoma indes sieht es anders. "Das kann schon sein, dass er da teilweise noch mit angezogener Handbremse springt." Wie auch immer: Die Plätze 22 und 20 in Finnland, wie Rang 27 beim Heimspiel in Klingenthal dürften dem Zoll-Beamten nicht unbedingt Rückenwind für die weiteren Auftritte gebracht haben.

Bei den letzten Springen tastete sich Wellinger langsam an die Top Ten heran und bastelte im Kurztrainingslager in Oberstdorf weiter an seinem Sprung.

Prognose: Eine Gesamtplatzierung unter den ersten 15 ist drin. Vielleicht wird Wellinger sogar der positive Ausreißer der DSV-Adler

Stephan Leyhe

Bei seiner allerersten Tournee belegte der Willinger den hervorragenden Gesamtrang 14. Im Gesamtweltcup rangiert er in dieser Saison bislang auf Platz 20. Er ist der unauffälligste der Tournee-Adler und kann ohne Druck im Hintergrund an seinen Sprüngen feilen.

Prognose: Top-20-Platzierungen könnten drin sein.

Die nationale Gruppe:

Ein Sextett um die formschwachen Team-Olympiasieger Andreas Wank und Marinus Kraus komplettiert das Aufgebot der deutschen Skispringer für die ersten beiden Springen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen.

Bundestrainer Werner Schuster berief Wank und Kraus trotz zuletzt durchwachsener Leistungen im zweitklassigen Continental-Cup in die sogenannte nationale Gruppe. Als Gastgeber darf der DSV sechs zusätzliche Springer bei den Heim-Wettbewerben melden.

Neben Wank und Kraus gehen Pius Paschke, Felix Hoffmann, Constantin Schmid und Johannes Schubert in Oberstdorf und Garmisch an den Start.

Die Favoriten:

Als Favorit auf den Tourneesieg gilt in erster Linie der erste 17 Jahre alte Domen Prevc (Slowenien) sowie Doppel-Olympiasieger Kamil Stoch (Polen). "Ich glaube nicht, dass Domen der alleinige Favorit ist. Die Weihnachtspause kann etwas verändern, gerade in seinem Alter", sagte allerdings Freund.

Auch Domens älterer Bruder Peter, immerhin Titelverteidiger, könnte sich im Training die zuletzt vermisste Sicherheit zurückgeholt haben und um den Sieg mitspringen. Zu den erweiterten Titelanwärtern zählen der Norweger Daniel Andre Tande (Norwegen) sowie die Österreicher um Stefan Kraft.

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