Wintersport

Der Goldschmied unter den Glasbläsern

Reinhard Heß wurde in seiner Zeit als Bundestrainer als der "Mann mit der Fahne" bekannt
© getty

Die vergangene Saison war eine ganz besondere für die deutschen Skispringer um Severin Freund. Seit 14 Jahren hat es keinen deutschen Weltmeister mehr gegeben. Die goldene Ära um "Übervater" Reinhard Heß ist lange vorbei. Am achten Todestag erinnert SPOX an den legendären Trainer.

Skier: 250 Euro. Mütze: 15 Euro. Skianzug: 230 Euro. Alle Springen der Vierschanzentournee gewinnen: Unbezahlbar. Dieses Meisterstück gelang bisher nur Einem - Sven Hannawald. Kaum zu glauben, dass die deutsche Skisprung-Legende beinahe am Anfang seiner Karriere gescheitert wäre.

Doch ein Mann verhinderte diese Verschwendung von Talent. "Ich habe seine Liebe zum Skispringen gespürt. Und er hat mir dieses Vertrauen zurückgezahlt", sagte Reinhard Heß über den einst so mageren und erfolglosen "Hanni".

"Ich bin stolz und froh, dass ich mit ihm gearbeitet habe", schwärmte Hannawald von seinem ehemaligen Trainer. Reinhard Heß prägte die goldene Ära des deutschen Skisprungs. In zehn Jahren sammelte der Coach 21 Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Er verhalf Martin Schmitt, Jens Weißflog oder Dieter Thoma zu absolutem Weltklasse-Niveau.

Auf den Spuren seines Vorbilds

Rückblick: Der 1954 in Thüringen geborene Heß wuchs in einer Glasbläserfamilie auf, ging allerdings seinen eigenen Weg und arbeitete vorerst für den Skiverband der DDR - und das auf Anhieb mit Erfolg: In seinem ersten Jahr als Trainer der DDR-Springer verhalf er dem formschwachen Weißflog gleich zu WM-Gold auf der Normalschanze. Nach dem Fall der Berliner Mauer wechselte Heß zum DSV, wo er nach dem Debakel bei der WM in Fulna 1993 den A-Kader übernahm - der "Mann mit der Fahne" war geboren.

"Ich kenne mich aus in diesem Metier", sagte Heß einst über seine Leidenschaft. Schließlich hatte auch er eine aktive Zeit hinter sich. Mit 19 Jahren wurde er Jugendmeister in der DDR. Seine Karriere musste er aber frühzeitig aufgrund eines Rückenleidens an den Nagel hängen.

Dem Sport kehrte er dennoch nie den Rücken. Vielmehr wurde Heß Diplomsportlehrer und begann seine Trainerkarriere beim SC Motor Zella-Mehlis, für den auch sein Vorbild Helmut Recknagel gesprungen war.

"Riesen-Enttäuschung meiner Karriere"

Recknagel hatte drei Mal die Vierschanzentournee gewonnen. Doch dieser Wettbewerb wird immer mit dem Namen Hannawald verbunden bleiben wird. Mit dem herausragenden Erfolg des mittlerweile 41-Jährigen war der Zenit der Trainerkarriere von Heß erreicht. Gleichzeitig war es der Scheitelpunkt, denn im Jahr darauf wurde Heß vom DSV entlassen.

"Ich habe diese Entscheidung bereits früher getroffen", betonte Heß, der darauf bestand, dass er freiwillig zurückgetreten sei. Die Umstände waren jedoch ominös. Angeblich war ein Plädoyer des Teams beim damaligen DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller der ausschlaggebende Punkt für einen Trainerwechsel.

"Ich weiß auch nicht, ob der Reinhard noch alle erreicht hat", erklärte Martin Schmitt im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Hannawald soll sogar gefordert haben: "Er oder ich." Dieses Zitat sei allerdings nie so gefallen. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt tat diese Episode dem Gutmenschen Heß in der Seele weh: "Sven ist die Riesen-Enttäuschung meiner Karriere schlechthin", sagte der Geschasste.

Show-Geschäft Skisprung

Ohne den Verdienst von Heß zu schmälern: Der Trainer passte einfach nicht mehr zur damaligen Generation. Er vermisste die Zeiten, in denen man nach den Springen noch in familiärer Atmosphäre zusammen gesessen war und Volkslieder gesungen hatte. Heß half zwar bei der Entwicklung des Skisprungs zum Showgeschäft, konnte sich allerdings nie damit anfreunden.

Hannawalds Heim- und damaliger Co-Trainer Wolfgang Steiert übernahm seinen Posten. Doch mit Heß ging auch der ganz große Erfolg. Es kehrte Unruhe ins Team. Das Medieninteresse am Training und an Steiert war plötzlich enorm, die Auswirkungen kaum zu übersehen.

"Durch Medienarbeit verlieren wir viel unserer Regenerationszeit", erkannte Heß früh in einem Interview mit Spiegel Online. Er sah den wachsenden Einfluss von außen als leistungslimitierend.

Zu große Fußstapfen?

Die Amtszeit von "Wunschtrainer" Steiert dauerte nur ein Jahr an, ehe sich der Hinterzartener mit den Springern Frank Löffler und Michael Möllinger in die Haare bekommen hatte. Daraufhin nahm Peter Rohwein die Geschicke in die Hand. Unter dem gelernten Zahntechniker blieben die Athleten jedoch weiterhin unter den hohen Erwartungen.

Erwartung - das ist genau das richtige Stichwort. Die ewigen Vergleiche zur goldenen Heß-Ära und der entstandene Hype um die deutschen Springer setzen die Latte immer wieder irrational hoch.

Die WM-Goldmedaille von Severin Freund sowie der Olympiasieg des Teams in der vergangenen Saison sind laut Werner Schuster eher kontraproduktiv. "Wahrscheinlich wird der Druck jetzt größer denn je, weil die Leute jetzt mehr Resultate sehen wollen", sagte der amtierende Trainer. Die Fußstapfen liegen zwar Jahre zurück, sind jedoch stets präsent.

Das verfluchte zehnte Jahr

"Heß war unser Übervater. Er hat uns Springer immer vor allen Einflüssen beschützt", schwärmte Hannawald später über seinen Ex-Coach. Steiert bezeichnete seinen Chef einst als "Fanatiker der Disziplin". Doch Heß war mehr: eine Vaterfigur für seine Schützlinge - streng und fordernd, aber immer loyal und geradlinig. Dieter Thoma wählte ihn sogar als seinen Trauzeugen: "Er trägt sein Herz, seine Emotionen auf der Zunge - ein Brummbär mit einem weichen Kern."

Heß wurde als Experte und Mensch stets geschätzt, weshalb er dem DSV auch in einer anderen Funktion erhalten blieb. "Der Verband hat kein moralisches Recht, einen Trainer abzulösen, der neun Jahre Garant für den Erfolg war, nur weil seine Mannschaft nach massiven gesundheitlichen Problemen bei der WM einen Hänger hatte", erklärte Pfüller. Dabei sprach er das verfluchte WM-Jahr 2003 an.

Es war der erste große Wettbewerb ohne deutsche Medaille unter Heß und gleichzeitig der Anfang vom Ende. "Es hat mich schon verwundet, wie nach der WM auf mich eingeprügelt und praktisch Rufmord begangen wurde. Damit hätte ich nach den zehn so erfolgreichen Jahren niemals gerechnet", sagte Heß gegenüber Die Welt. Mit einem faden Beigeschmack verabschiedete er sich von der Skisprungbühne und arbeitete noch eine Zeit lang beim DSV und als TV-Experte.

Rampensau und gefärbte Haare

Den größten Skisprung-Trainer der Geschichte als mürrischen Disziplinfanatiker im Gedächtnis zu behalten, wäre jedoch sehr realitätsverzerrend. "Jeder, der ihn kennt, weiß auch, wie ausgelassen, lustig und stimmungsvoll er sein kann, dass er auch auf Tischen tanzt", erzählte Henry Glaß, damaliger Co-Trainer in Heß' Autobiographie Mehr als ein Job.

Beim jährlichen Trainer-Familientreffen soll Heß sogar der Stimmungsgarant gewesen sein. "Da macht er Späße, die man ihm nie zutrauen würde", so Glaß weiter.

Auch vor lustigen Wetten gab es kein Halt: 2001 holte Heß mit der Mannschaft die Goldmedaille bei den Weltmeisterschaften im finnischen Lathi. Zuvor hatte Skitechniker Peter Lange um seinen Kopfschmuck gewettet, dass Deutschland keine Medaille gewinnen würde.

Die Springer rasierten ihm genüsslich eine Glatze. "Die restliche Mannschaft färbte sich indes die Haare. Martin Schmitt beispielsweise in lila und ich, edel, edel, in silber-grau", berichtete Heß in seiner Autobiographie. Die Meinungen über diesen Gag hätten sich gespalten.

Eine Legende zu Lebzeiten

2005 erreichte ihn dann die Schock-Prognose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Heß war unheilbar krank. Zwei Jahre später an Heiligabend starb er im Alter von 62 Jahren im Kreise seiner Familie in Bad Berka. "Eine der wenigen Trainerpersönlichkeiten, die schon zu Lebzeiten zu einer Legende wurden", wie IOC-Präsident Thomas Bach ihn beschrieb, hatte sich verabschiedet.

Heß' Erfolge wurden mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Er war der Urvater des Erfolgs und verhalf einer einstigen Randsportart zu Ruhm und Glamour. Seinen engen Freunden vertraute er vor seinem endgültigen Abschied an: "Ich bin dankbar, dass mir der Herrgott noch eine schöne Zeit geschenkt hat. Ich konnte viel mit meiner Frau Regina unternehmen, hatte mein zweites Enkelkind im Arm. Da habe ich manchmal fast, vergessen dass ich unheilbar krank bin. Jetzt muss ich dem Sensemann in die Augen schauen."

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung