Freitag, 26.12.2014

Thomas Diethart im Interview

"Nachdenken macht es zur Qual"

Zwischen Anonymität und Ruhm liegen manchmal nur wenige Tage: Thomas Diethart weiß das am besten. Der 22-Jährige schrieb Anfang 2014 sein persönliches Märchen. Aus der Versenkung landete er auf dem Skisprung-Thron. Nun bekommt er die Vergänglichkeit schneller Erfolge zu spüren. Ihm, dem österreichischen Titelverteidiger, setzt vor der 63. Vierschanzentournee (So., 16.30 Uhr im LIVE-TICKER) eine ausgewachsene Krise zu. Im SPOX-Interview spricht er über seine Sternstunde, die Qual des Grübelns und die Angst vor dem One-Hit-Wonder.

Thomas Diethart geht als Titelverteidiger in die anstehende Vierschanzentournee
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Thomas Diethart geht als Titelverteidiger in die anstehende Vierschanzentournee

SPOX: Thomas, in Ihrer Auffassung wird Skispringen vor allem im Kopf entschieden. Wie kann man das verstehen?

Thomas Diethart: Dort kitzelt man die letzten Prozente heraus. Klar, zuerst muss das Technische ausgereift sein. Im Wettkampf sollte das nicht mehr aktiv gesteuert, sondern das Abgespeicherte locker abgerufen werden - ohne viel nachzudenken. Wenn ein Rädchen in das andere greift, reizt man im mentalen Bereich alles aus. Es gibt zahllose Talente, die auf einem hohen Level sind, es im Ernstfall aber nicht bringen. Das sind die Trainingsweltmeister. Ich bin keiner. Meine Stärke ist es, wenn es darauf ankommt, nicht groß zu überlegen und das Ganze laufen zu lassen.

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SPOX: Derzeit gelingt es nur bedingt: Erst vergangenen Samstag, vier Wochen nach dem Weltcup-Auftakt, haben Sie Ihre ersten Punkte geholt - mit Platz 17 in Engelberg.

Diethart: Ich bin es gewohnt, im Winter die Zeit zu haben, mich einzufinden. In diesem Jahr war das witterungsbedingt nicht möglich. Wir sind gleich in Klingenthal rein gestartet. Ich konnte meine Leistung lange nicht abrufen. Wo noch nichts abgespeichert ist, gibt's nichts. Ich habe versucht, die Fehler auszumerzen - im Wettkampf ist das problematisch. Bei mir war das zu sehen.

SPOX: In Lillehammer rangierten Sie gar am Ende des Tableaus. Woran hapert es?

Diethart: Materialmäßig bin ich unterwegs wie im Vorjahr. Ich bin kein Tüftler. Läuft es, belasse ich es dabei. Bei mir liegen die Mängel im technischen Bereich, ich fühle mich in der Hocke nicht wohl. Den Fehler habe ich mir im Sommer angewöhnt. In der Keramikspur besteht viel mehr Reibung. Ich bin sehr empfindlich und war nicht frei. Ich musste die Blockade lösen. Dafür habe ich Einheiten gebraucht, um mich in der Position endlich wohl zu fühlen. Die Pause nach Lillehammer war sehr wichtig. Ich konnte die Ruhe nutzen und im Training den Anlauf wählen, mit dem ich ins Fliegen komme. Jetzt glaube ich wieder daran, es zeigen zu können.

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SPOX: Im Vorjahr zeichnete Sie die innerliche Freiheit sowie Unbekümmertheit aus. Wie erinnert man sich daran zurück?

Diethart: Ich denke schon daran, wie es damals war. Leider lässt sich das Tournee-Feeling nicht so reaktivieren, das muss automatisch geschehen. Wenn man weit springt, kehrt das Selbstvertrauen zurück, dann tut man sich leichter. Immer zu grübeln, um den zweiten Durchgang und eine gute Leistung zu zittern, ist hart. In der letzten Woche bin ich auf Dinge gestoßen, die es aus dem Bewegungsablauf zu löschen gilt. Nun muss ich am Feinschliff arbeiten.

SPOX: Egal, ob Skipendler, ob zu früh oder zu spät - gnadenlos sind Sie marschiert. Wann begann das Nachdenken?

Diethart: Nach mehreren Sprüngen, die nicht so wie erwünscht gelaufen sind. Jeder weiß, es geht in dem Sport schnell - an die Spitze und retour. Nachdenken macht es zur Qual. Leider ist das ein normaler Prozess, den man schwer beiseite schieben kann. Du musst eingreifen. Bietet sich die Möglichkeit dazu nicht, sprich, hast du kein Training, wird es noch schlimmer. Bei der Tournee sind mir die Sprünge von der Hand gegangen, alles war easy. Ich musste überhaupt nicht überlegen. Die Erfolge kamen von selbst. Ich war in...

SPOX: ...einem positiven Flow?

Diethart: Ja, ich konnte es nicht realisieren, was gerade mit mir passierte, welcher Hype um mich entstand. Etwas Besseres konnte mir nicht passieren. Wenn man sich damit auseinandersetzt, beschäftigt dich das. Und Nachdenken stört den Flow. Die Saison über war ich auf einer Welle - auf die möchte ich zurück.

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SPOX: Kurz vor Weihnachten 2013 aus dem Nichts emporgestiegen, waren Sie drei Wochen später der umjubelte Held. Eine Erklärung?

Diethart: Die gibt es immer! Im Sommer zuvor konnte ich sehr gut trainieren. Ich war endlich mit der Berufsschule fertig und hatte meine Lehre abgeschlossen. Mir ist da großer Druck abgefallen. Es fiel ein weiterer Teil weg, über den ich mir keine Gedanken mehr machen musste. Ich kam gleich in das Innsbrucker Heeressport-Zentrum - da hatte ich beste Möglichkeiten. Es lief befreiter. Mein Ziel war, im Continental Cup aufzuzeigen und bei der Tournee am Bergisel und Bischofshofen in der nationalen Gruppe anzutreten. Ich hatte keine großen Erwartungen, wollte Spaß haben.

SPOX: Ehe der Anruf von Ex-Coach Alexander Pointner kam, der sie nach Engelberg beorderte.

Diethart: Die Entscheidung, mitfahren zu dürfen, kam so überraschend, dass ich keine Zeit hatte, mir was neues vorzunehmen. Ich bin drauflos gehüpft - ohne mir den Kopf über andere Nebensächlichkeiten zu zerbrechen. Meine Technik war zu dem Zeitpunkt recht sauber. Ich musste nicht daran feilen, sondern ließ es laufen. Ich hatte total Freude daran. Immerhin kämpft man sein Leben lang auf den Weltcup hin.

Vierschanzentournee: Die Sieger der letzten 20 Jahre
Die Vierschanzentournee ist jedes Jahr auf Neue ein Highlight. SPOX blickt auf die letzten 20 Sieger zurück
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2014/15: Stefan Kraft (Österreich). Der 22-Jährige setzte sich vor seinem Landsmann Michael Hayböck und Peter Prevc durch
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2013/14: Thomas Diethart (Österreich). Der Sensationssieger kam aus dem Nichts und gewann sowohl in Garmisch als auch in Bischofshofen
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2012/13: Gregor Schlierenzauer (Österreich). Der Dominator wiederholte seinen Triumph bei der Vierschanzentournee dank Siegen in Innsbruck und Bischofshofen
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2011/2012: Gregor Schlierenzauer (Österreich). Der 23-Jährige gewann in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen und bescherte den Österreichern den vierten Titel in Folge
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2010/2011: Thomas Morgenstern (Österreich). Morgi ließ Simon Ammann (SUI) und Tom Hilde (NOR) hinter sich
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2009/2010: Andreas Kofler (Österreich). Ihm reichte für den Gesamtsieg ein erster Platz in Oberstdorf, in den anderen drei Wettbewerben landete er nicht auf dem Podest
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2008/2009: Wolfgang Loitzl (Österreich). Loitzl gewann gleich drei der vier Springen
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2008/2009: Wolfgang Loitzl (Österreich). Loitzl gewann gleich drei der vier Springen
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2007/2008: Janne Ahonen (Finnland). Er holte sich als erster Skispringer den fünften Gesamtsieg. Erstmals wurden zwei Springen in Bischofshofen ausgetragen, Innsbruck (zu viel Wind) fiel aus
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2006/2007: Anders Jacobsen (Norwegen). Setzte sich nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Gregor Schlierenzauer durch
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2006/2007: Anders Jacobsen (Norwegen). Setzte sich nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Gregor Schlierenzauer durch
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2005/2006: Janne Ahonen (Finnland) und Jakub Janda (Tschechien). Das Duo hatte nach vier Springen jeweils 1081,5 Punkte. Erstmals in der Geschichte der Tournee gab es zwei Sieger
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2004/2005: Janne Ahonen (Finnland). Er knackte fast den Rekord von Sven Hannawald mit den vier Tagessiegen. Doch im letzten Springen landete Ahonen nur auf Platz zwei
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2004/2005: Janne Ahonen (Finnland). Er knackte fast den Rekord von Sven Hannawald mit den vier Tagessiegen. Doch im letzten Springen landete Ahonen nur auf Platz zwei
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2003/2004: Sigurd Pettersen (Norwegen). Kam ebenfalls auf drei Siege. Peter Zonta war nur in Innsbruck besser
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2003/2004: Sigurd Pettersen (Norwegen). Kam ebenfalls auf drei Siege. Peter Zonta war nur in Innsbruck besser
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2002/2003: Janne Ahonen (Finnland). Ihm reichte ein Sieg in Innsbruck, um die Tournee zum zweiten Mal zu gewinnen
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2002/2003: Janne Ahonen (Finnland). Ihm reichte ein Sieg in Innsbruck, um die Tournee zum zweiten Mal zu gewinnen
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2001/2002: Sven Hannawald (Deutschland). Historisch! Hanni gewann als bislang einziger Athlet alle vier Springen. Da verbeugte sich selbst der 2007 verstorbene Bundestrainer Reinhard Heß
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2000/2001: Adam Malysz (Polen). Musste sich auf den ersten beiden Schanzen noch geschlagen geben, ehe er in Innsbruck und Bischofshofen triumphierte
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2000/2001: Adam Malysz (Polen). Musste sich auf den ersten beiden Schanzen noch geschlagen geben, ehe er in Innsbruck und Bischofshofen triumphierte
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1999/2000: Andreas Widhölzl (Österreich). Er gewann auf den letzten drei Schanzen und sicherte sich so den Tourneesieg
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1999/2000: Andreas Widhölzl (Österreich). Er gewann auf den letzten drei Schanzen und sicherte sich so den Tourneesieg
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1998/1999: Janne Ahonen (Finnland). Schnappte sich 1999 den ersten seiner insgesamt fünf Tourneesiege
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1998/1999: Janne Ahonen (Finnland). Schnappte sich 1999 den ersten seiner insgesamt fünf Tourneesiege
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1997/1998: Kazuyoshi Funaki (Japan). Er siegte auf den ersten drei Schanzen und holte sich vor Sven Hannewald den Titel
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1996/1997: Primoz Peterka (Slowenien). Gewann im knalligen Orange in Garmisch - dieser Erfolg reichte am Ende zum Tourneesieg
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1995/1996: Jens Weißflog (Deutschland). Der Floh vom Fichtelberg holte sich 1996 zum vierten und letzten Mal den Gesamtsieg
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SPOX: Als Emporkömmling des Jahres würfelten Sie die teaminterne Hierarchie durcheinander. Wie reagierten die Alphatiere Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern darauf?

Diethart: Cool. Alle paar Jahre schlägt ein Neuer ein und stiftet Unruhe. Jeder findet sich damit ab. Als Thomas alles gewonnen hat, Olympiasieger war, tauchte Gregor auf. Morgi wusste auch nicht, was gerade passierte. Wenn man ihn jetzt fragt, war es für ihn der normale Lauf der Zeit. Es wird immer jemanden geben, der einem arrivierten Star die Show stiehlt. Deswegen schuften alle hart, um oben zu stehen. Neid gab es nie.

SPOX: Dafür Unterstützung?

Diethart: Ich kann mich erinnern, als Gregor vor dem zweiten Durchgang in Bischofshofen zu mir kam. Er sagte: "Jetzt hau einen G'scheiten runter und zieh' das Ding durch." Es ist sehr cool, wenn eine Legende dir das mitgibt, und bringt zusätzlich Vertrauen. Ihm ist das hoch anzurechnen, denn er hatte mit seiner Form zu kämpfen. Und mir ging alles auf.

Seite 1: Diethart über seine Krise, den Tournee-Sieg und Neid

Seite 2: Diethart über die Scheiß-Drauf-Mentalität, das One-Hit-Wonder & Lamborghini

Interview: Christoph Köckeis

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Christoph Köckeis(Redakteur)

Christoph Köckeis, Jahrgang 1989, arbeitete als "Quoten-Österreicher" bei SPOX.com und jetzt bei GOAL Deutschland. Geboren und aufgewachsen in Wien, folgte beim Österreichischen Rundfunk (ORF) der Einstieg in den Sportjournalismus. Nach drei Jahren bei LAOLA1.at siedelte er im Dezember 2012 nach München um. Kernkompetenzen: Fußball und Wintersport.

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